Freitag, 20. Juli 2018
Traum eines Verheirateten

Während einer Umzugsübernachtung, an der Wand eines ehemaligen Steinbruchs, wenige Kilometer von Tübingen entfernt.



Ich verließ ein Gebäude aus meterdicken, schlichten Betonmauern, klagend, wie schlecht das Wetter sei, und eine ehemalige Klassenkameradin stand auf einem Vorsprung über der Türe und maulte zurück: Jammer doch nicht so.

Durch mehrere offene Gebäude hindurch betrat ich eine Halle, in der ein weitläufiges, von Stufen umringtes Wasserbecken lag. Dampf stieg auf; eine mächtige, gleichmäßige Strömung trieb die Fluten im Kreis und bewegte die zahlreichen, in kleinen Gruppen vereinten Schwimmer mit sich. Über allem lag eine gereizte Euphorie, Menschen waren sich freundschaftlich zugetan oder warben spielerisch umeinander.







Sie saß im blauen Badeanzug auf einer der großen Steinstufen am Beckenrand mit Freundinnen, erkannte mich von weitem und lächelte mich mit ihrem Übermenschenlächeln zu sich. Eine Gruppe trieb im Wasser an uns vorbei; sie hatten, die Arme auf den Schultern des Nächsten verschränkt, einen Kreis um eine Art Flossgerüst herum gebildet, um das sie sich zusätzlich zur rotierenden Strömung einem Karussel gleich langsam drehten. Sie zog mich unter Scherzen ins Wasser; unsere Blicke trennten sich längstens für halbe Sekunden. Die Gruppe gängelte uns so, dass wir im Kreis einander gegenüber trieben. Für Momente wurde ich von schweren Armen auf meinen Schultern unter Wasser gedrückt, erregte mich mit gespielter Heftigkeit, was das denn solle?, und man erklärte mir sehr ernsthaft: Doch doch, so stützt man sich gegenseitig. Die Stimmung um uns herum wurde euphorischer und gereizter und kippte ins Rauschartig-Verzückte.


Ich schloss die Augen, gab dem Druck der schweren Arme nach und ließ mich untergehen, drehte mich um die eigene Achse. Unter dem Floss suchte ich mit der Hand den Boden, fand ihn und stupste kopfüber vorsichtig mit dem Zeh ihren Rücken, wenig oberhalb der Hüfte. Wir tauchten, trafen uns schwebend über dem Grund, neigten unsere Köpfe eng einander zu, die Augen geschlossen.


Bist du da? fragte sie.
Ja, hab auf dich gewartet, antwortete ich und dachte dabei: I've been waiting for you, wie aus einem Lied.

Hier aufgewacht.



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Sonntag, 30. Juni 2013
Traum 30


Um 3:24 Uhr, etwa eine Woche vorm Zweijährigen.

Ich befand mich an einer senkrecht abfallenden Felswand, die rings um ein Tal verlief. Im Tal floss ein breiter Strom, die Uferböschung war auf beiden Seiten von mannshohen Büschen und jungen Bäumen durchzogen; die Fluten liefen ruhig und klar in gleichbleibender Breite und Tiefe. Bei mir war meine kleine Schwester.

In die Felswand hineingeschlagen waren trottoirbreite, ungesicherte Wege, auf denen Menschen wandelten; allein, in Paaren oder Gruppen, es waren Familien, Verliebte und Einzelgänger, Alte und Junge beiderlei Geschlechts. Sie alle überblickten wie ein Ausflugsziel das Tal und seine Schönheit, blieben stehen, blinzelten in die Sonne, hielten die flache Hand über ihre Augen und unterhielten sich.







Ein Mann mit kurzem, schwarzem Kraushaar und vogelartig verkrümmten Beinen war unter ihnen: Es war der Tod, die Nase kurz und knochig, die lederartigen Wangen eingefallen, das Kinn lang und kantig, der Unterkiefer wie eine Baggerschaufel, die Augen nur winzige schwarze Punkte, die im Halblicht der tiefen Augenhöhlen linkisch hin- und herhuschten. Er mischte sich unter die Menschen, begleitete sie unauffällig ein Stück des Wegs und stiess von Zeit zu Zeit einen in die Tiefe, wenn dessen Blick sich gerade in der Ferne verlor. Meine Schwester und ich mieden ihn und suchten Sicherheit in größeren Gruppen; es schien, als hätten nur wir seine böse Absicht durchschaut, und wir waren stets auf der Flucht vor ihm, hielten es aber wohl für aussichtslos, die anderen vor ihm zu warnen.


Ich blickte auf die andere Seite des Tals, wo von den Wegen aus menschengemachte Höhlen in den Fels hineinführten. In den Eingängen dieser Höhlen lagen Steinhaufen, und Kinder rutschten diese Haufen hinunter. Ein Greis mit einem Schifferklavier saß wenige Meter vor mir auf einem Holzbalken, neben ihm ein Junge und ein Mädchen; er spielte Weisen und sang dazu, und die Menschen in der Nähe setzten sich zu ihm und sangen mit (im Traum kannte ich das Lied). Wir gesellten uns dazu, und ich verlor mich an die Musik.








Plötzlich stand nur wenige Meter vor mir der Tod, und während seine Augen leblos und unbeweglich auf mich gerichtet waren, deutete sein linker Arm auf einen weit entfernten Punkt im Tal: Gerade noch sah ich, wie meine Mutter schwerfällig und apathisch, besinnungslos vor drückendem Schmerz, in der Böschung verschwand und sich mit schlafwandlerischem Schritt dem Wasser näherte.

Ich sprang auf und stürmte ins Tal hinab, nicht enden wollende Serpentinenwege entlang und mächtige Treppenstufen hinunter, die sich während dem Laufen ins Kolossale weiteten und bis zu 10 Meter hohe Kanten annahmen - ich nahm gleich mehrere auf einmal - , stammelte im Laufen panisch vor mich hin, "nein, Nein, NEIN", als ich am Fuße der Felswand angekommen das Ufer leer erblickte, spurtete durch die Böschung und sprang kopfüber in den Fluss.







Algen, Tang und Schwebeteilchen verdeckten die Sicht. Ich tauchte, schnappte Luft und tauchte wieder, versuchte systematisch zu suchen, betäubt von der Angst, die Zeit, die nötig sei um zu ertrinken, sei bereits überschritten; mehrfach meinte ich im Halbdunkel zwei Beine zu erkennen, wo Dreck und Tang sich verdichteten, schlang meine Arme darum und griff ins Leere.

Als ich auftauchte, schwamm an der Oberfläche eine Flaschenpost.

Hier aufgewacht.



***



Obwohl derartige Träume nur noch halbjährlich auftreten - vorzüglich zu bestimmten Anlässen wie dem Jahrestag - und der Gedanke an die Nacht, in der sie starb, sofern oberflächlich gestreift, kaum noch unangenehm affiziert, habe ich mich immer noch im Verdacht, einer von denen zu sein, die ihre Wunden nicht heilen lassen wollen; vielleicht, weil die Rolle des leidenden Zurückgelassenen auf ein lange vorher schon angelegtes Selbstverständnis als unbemerkt ungerecht Leidender traf und diesem den äußeren Anlass verschaffte, sich endlich zu extrovertieren. Dabei extrovertiere ich mich gar nicht, ganz im Gegenteil - ich spreche, wenn überhaupt, dann nur mit Pold, Lester oder meinem Vater darüber, und falls Dritte das Thema ansprechen, kostet es mich wahrlich keine Selbstüberwindung, entspannt über den Tod meiner Mutter und ihr trauriges Leben zu sprechen, ganz ohne jegliches demonstrativ verkniffenes Heldenleiden, das geneigt wäre, mein Gegenüber heimlich zu mehr Mitleid und Nachsicht zu bewegen und bloß nicht meine Deutungshoheit über meine Gefühlchen und mein Gejammer anzugreifen.
(Menschen, die in der Opferrolle aufgehen, kotzen mich an. Es gibt keine fatalere Reaktion des sozialen Umfelds als die, jemanden langfristig in seiner Opferrolle zu bestärken, man kann damit jede Entwicklung zum Guten auf Jahrzehnte, sogar über die Dauer eines ganzen Menschenlebens, behindern. Das sind im Speziellen diese Arschgeigen, die sich als Beschützer von Opfern verschiedenster Traumata und Verluste aufspielen. Es muss erlaubt sein, eine schmerzvolle Erfahrung hinreichend durch Trauer zu verarbeiten; und es muss erlaubt sein, Menschen von dieser Trauer wieder wegzuführen, zurück auf einen lebensbejahenden Kurs, und es muss auch von ihnen gefordert werden, selbst auf diesen Kurs zurückzufinden. Warum? Weil es keine Kontinuität positiver Entwicklung gibt, wenn die Gründe dafür dem Betroffenen nicht transparent sind. Und transparent ist ihm nur, was er aus eigener Anstrengung gesponnen und durchdacht hat, nicht aber, was tausend Zünglein eifriger Selbsthilfehelfer ihm ins Ohr flüstern, die ihm Bequemlichkeit, Fürsprache und Zuneigung genau solange verschaffen, wie er darnieder liegt.)

Was bleiben wird, ist jenes: Als ich und meine kleine Schwester Kinder waren, sagen wir: Anfang der achtziger Jahre, befand meine Mutter sich am Beginn einer über zehn Jahre dauernden Phase schwerer seelischer Instabilität, und weite Teile unseres Kinderdaseins konzentrierten sich darauf, sie zu stützen - "to comfort her" ist mein bevorzugter Ausdruck - und den nächsten Zusammenbruch vorauszusehen bzw. zu verhindern; der dabei stattfindende Rollentausch tat sein Übriges, wir übernahmen Verantwortung für sie, nicht umgekehrt. Was wir tun konnten, war, ihr Leiden zu lindern, was wir nie geschafft haben, war, sie zu heilen, und womöglich, das glaube ich jedenfalls, hat uns das nachhaltig gefickt. Als sie viele Jahre später Krebs bekam - wir alle waren seit vielen Jahren schon ausgeflogen - waren wieder Lester und ich am Start, um sie zu pflegen, und sie litt schlimmer als je zuvor, und wir konnten sie wieder nicht retten; daher das ganze Gezeter mit den Träumen und so. Nehme ich an.

Ich rücke jedenfalls nicht davon ab; erfolgreiches Trauern heißt: gezielte Desensibilisierung (d.h. Abstumpfung: Einen schmerzhaften Gedanken so oft zu durchdenken, bis er nicht mehr wehtut) und Verbannung bestimmter Gedanken, sprich Verdrängung, Ablenkung - mit dem Resultat, einfach nicht mehr so oft an das Traurige denken zu müssen: das ist die eigentliche Bewältigung. Am Tod eines geliebten Menschens gibt es nichts zu überwinden: Es bleibt ein irreparabler Verlust, eine schreiende Ungerechtigkeit (denn der Tod greift gleichermaßen nach den Guten wie den Bösen), ein Schlag ins Gesicht aller Zuversicht und guten Hoffnung, deren Prämissen man immer still und heimlich vorausgesetzt hat. Whatever, das Leben ist trotzdem - oder völlig abgesehen davon? - schön. Das Leben ist schön.




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Dienstag, 10. Mai 2011
Traum 28 & 29


In der Schule, in der meine Mutter die meiste Zeit ihres Beruf lehrte, fand eine große Feier statt: eine andächtige Zeremonie, Leute ergingen sich in langen Reden, während alle anderen in würdevoller Atmosphäre schwiegen, sich von Zeit zu Zeit gegenseitig ansahen und verstehend nickten. Den Anlaß der Feierlichkeit kannte ich nicht. Es war bereits Abend, die langen Flurwände und Winkel von Lichtkegeln einsamer Lampen erhellt.









Eine Videobotschaft wurde großflächig an einer Wand ausgestrahlt: von meinen drei Geschwistern, jedes trat einzeln hervor und sprach seine Worte, was, weiß ich nicht mehr - aber ich war der Adressat; und ich wurde gefeiert, wofür, weiß ich auch nicht.

Eine Frau im Zweireiher trat hervor, Typ verheiratete Beamtin in den besten Jahren, in ihren Händen trug sie einen Schlüssel: der Schlüssel zum Raum mit dem Flügel im ersten Stock. Er war für mich: von nun an durfte ich, so oft ich wollte, kommen und daran spielen. Die Leute applaudierten, als sie mir den Schlüssel lächelnd überreichte; ich glaube, ich saß dabei auf einer Art Sitzkissen auf dem Boden und grinste ratlos blöde in die Gegend. Nun trat auch der alte Hausmeister hervor und überreichte mir seinerseits einen Schlüssel: der Schlüssel zum ganzen Gebäude, er passte auch zum Musikzimmer im Erdgeschoss, wo ein weiterer Flügel stand.

Nachdem ich beide erhalten hatte, verebbte der Applaus. Ich freute mich über alle Maßen und bemerkte nicht, wie die Menschen langsam alle gingen und die Lichter eins ums andere erloschen.









Als ich mich wieder fasste und mich umsah, waren alle gegangen, um mich herum völlige Dunkelheit. Nur eine Straßenlaterne leuchtete von fern durch die Fensterfront der Eingangshalle und ließ grobe Konturen im Raum erkennen. Ich trat näher an das Glas heran und sah auf dem Parkplatz der Schule unseren Border Collie stehen, mir zugewandt; ich öffnete die Türe und ließ das Tier herein. Als ich mich umdrehte, war der Raum vor mir eine einzige leere, dunkle Turnhalle, so finster, daß man gerade noch die Hand vor Augen sehen konnte.

Eine große, weiche Schaumstoffmatte, wie man sie beim Trampolinspringen benutzt, lag darin. Und wir sprangen wie toll darauf rum, nahmen Anlauf, hüpften meterhoch in die Luft und ließen uns blindlings hineinfallen, ich wühlte und tobte darin, machte Rückwärtssaltos und Flick Flacks. Der Spaß, den ich dabei empfand, war ausgehungert, verbissen, halsstarrig und einsam.









***














Ich stand auf einem verkarsteten Berggipfel mit einem weiteren Lehrling und dem alten Weisen - ein kleiner, dürrer, kahlschädeliger Mann mit langem grauen Spitzbart und schäbigen Kleidern. Er sprach schnelle und knappe Sätze in einer klaren, seinem Alter fast unangemessen hellen Stimme, und alles, was er befahl, klang wie die Ankündigung eines unausweichlichen Naturereignisses.

Er ordnete mir an: "Du wirst diesen Weg entlang gehen, bis zu der Stelle, die du da hinten siehst" und deutete mit dem Arm auf einen Weg, der in langgezogenen Kurven über viele Plateaus hinweg ins Tal führte. Für die Stelle, die er andeutete, hielt ich eine Anhöhe, hinter der der weitere Verlauf des Weges nicht mehr erkennbar war, weil es danach steiler bergab ging. Sein Befehl ging noch weiter, ich habe vergessen, wie er lautete, zuletzt fragte er mich: "Hast du verstanden, was dir aufgetragen ist?", und ich bejahte, obwohl ich mir unsicher war. Der andere Lehrling beäugte mich streng.

Ich rannte über den Kiesweg, mühelos und in gleichmäßig hoher Geschwindigkeit, ein angenehmes Gefühl teilweiser Schwerelosigkeit stellte sich ein. Auf beiden Seiten lag hügeliges Karstland, versprengte Felsbrocken, dazwischen vereinzelt vertrocknete Baumstümpfe; der Horizont über dem Tal stand in eintönigem, glanzlosem Silber, vielleicht waren es Regenvorhänge, und darüber wölbten sich in langen Bänken archaische Wolkengebilde; es fühlte sich an, als läge vor mir eine zeitlose Sphäre völligen Stillstands, ohne Morgen und Abend, Tag und Nacht, in der auf ewig blieb, was war.









Ich überholte eine junge Frau mit Kinderwagen, drehte mich dabei zu ihr um und fing ihr Lächeln ein. Etwa hundert Meter vor ihr hielt ich an, legte eine Handvoll kleiner Gegenstände - ich glaube Süßigkeiten, vielleicht Bonbons oder Schokoladeneier - auf einen flachen Felsen am linken Wegrand, als sei damit meine Aufgabe erfüllt. Die vom Weisen bezeichnete Stelle habe ich dabei sogar passiert. Dann machte ich kehrt, rannte der jungen Frau wieder entgegen und passierte sie, wieder den Berg hinauf.

Bald sah ich eine andere Frau vor mir, eine Athletin; ich wollte ihr imponieren, beschleunigte und überholte sie mühelos, während sie mich anfeuerte und meine Geschwindigkeit bestaunte. Bald war ich so schnell, daß ich über eine tiefe Kluft von zwanzig Metern Breite sprang; auf der anderen Seite führte ein weiterer Weg parallel zum ersten in die gleiche Richtung. So rannten wir gemeinsam nebeneinander her, getrennt durch einen steilen, v-förmigen Abgrund, bis der Abstand zwischen den beiden Seiten allmählich geringer wurde und die beiden Wege schliesslich vor einem Höhleneingang zueinander führten. Wir verringerten unsere Geschwindigkeit und betraten die Höhle, in der

das Schwimmbad* lag, verteilt über ein ganzes Labyrinth von Nebenhöhlen und Hallen.











* Welches immer für das Gleiche steht: Sexualität, Konkurrenz, den Drang, am Spaß der Anderen teilzunehmen - und eine Entgrenzung: unter Wasser atmen zu können, und dadurch schwerelos zu sein. Lustvoller im Traum ist nur noch das Gefühl der Liebe.



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Dienstag, 7. Dezember 2010
Traum 27 (luzide)


Ich wachte auf im Erdgeschoss eines luxuriösen Hauses, auf einem langen Sofa, stand auf und begann, den Ort zu erkunden.
Ein junger Mann mit blonden Haaren und athletischem Körper lief an mir vorbei, nur mit einem Handtuch bekleidet, Wasser tropfte an ihm herunter, und grinste mich an. Ich grüßte ihn und rätselte, wer es sein könnte - wahrscheinlich ein Freund meines Bruders. Gleich darauf kam mir ein knackiges Weib entgegen, ebenfalls nur mit einem Handtuch bekleidet [...]. An weißen, runden Plastiktischen saßen Gruppen schöner junger Menschen, viele in Bade- oder Sportkleidung, und unterhielten sich angeregt. Viele lächelten mich an, als ich an ihnen vorüberlief. Die Atmosphäre war heiter

Meine Schwester rief mich auf dem Handy an, und ich telefonierte über das Headset mit ihr: Ein Scharlatan von einem Arzt, ein Schwindler, hatte ihr ein Problem eingeredet; nun war sie aufgeregt und verunsichert, und ich versuchte, sie zu beruhigen. Aber sie redete wirr und zusammenhanglos - wann immer ich etwas genauer wissen und nachhaken wollte, sprach sie von etwas ganz anderem weiter. Ich sagte: [Schwester], ich wünschte, wir könnten mal zwei Sätze im Kontext miteinander reden, ich verstehe überhaupt nicht, was du meinst.





Ich trat durch eine Gartentür ins Freie auf eine Terrasse. Das Licht draußen war trübe, der Himmel gleichmäßig grau. Über den gesamten Garten erstreckte sich ein in viele Becken unterteiltes Schwimmbad. Die kalte Luft war vom Dampf des warmen Wassers erfüllt, es stand voller Menschen, die sich wild darin tummelten und großen Spaß zu haben schienen. Von einem Balkon im ersten Stock sprangen Männer ins Wasser, manche nackt, andere in Badekleidung. Wie in anderen Träumen auch war der Fettsack dabei, der mit dem Gesicht nach unten tot im Wasser trieb. Ich betrat eine Art Veranda, die gekrümmt entlang des ovalen Hauptbeckens verlief.



Bald entfernte ich mich von den Menschen, der Nebel nahm ab - und an einer Stelle war die Veranda unterbrochen, wie ein eingestürztes Stück Brücke; vor mir lag das Wasser. Es war nun kein Schwimmbad mehr, es war das Meer: das Wasser tiefdunkel, ich konnte keinen Grund erkennen. Die Menschen waren in weiter Ferne verschwunden, und der Abend brach herein; tief am Horizont versank in dunkelblau-lilanen Himmelsfarben die Kuppel der Sonne im Meer.





Ich stieg ins Wasser, um das kurze Stück, etwa drei Meter, auf die andere Seite zu schwimmen, während ich mit meiner Schwester weitertelefonierte. Das Wasser unter mir war unabsehbar tief und dunkel, die Haiangst stieg auf, und mir kam eine Idee: Du musst dir vorstellen, daß nichts passiert. Und ich schwamm auf die andere Seite und fürchtete mich, zog schnell meine Beine aus dem Wasser - und nichts passierte.
[ - Hier wurde der Traum luzide im folgenden Sinne: Mir wurde klar, daß ich direkten Einfluss darauf habe, wie der Traum sich weiter entwickeln wird: daß das, was ich mir in einem Moment wünsche oder vorstelle, sich im nächsten Moment in der Traumwelt "verwirklichen" wird. Nicht bewusst war mir aber, daß ich träumte.]



Auf dem anderen Ende der Veranda führte eine Holztür zurück ins Haus, das von Kunstlicht und ein paar Kerzen erleuchtet war. Es hatte nur wenig Fenster, durch die man das tiefe Dunkelblau der einbrechenden Nacht sehen konnte. Das Haus war riesig, ein unendliches Labyrinth voller Zimmerfluchten, und während ich die Räume durchschritt, veränderten sie sich unablässig, manchmal in Details, manchmal im Konzept. Es gab viele kleine Kammern, die wie Hausmeister-Kabuffs wirkten: mit alten Radiatoren darin, der Boden zugestellt mit Unrat, die Wände voller Haken, an denen Gerätschaften hingen, Besen, Schaufeln, Leitern und Eimer, und überall verliefen wie Adern Heizungsrohre, mehrfach weiß übertüncht. Wann immer ich ein Zimmer betrat, fühlte es sich entweder an, als näherte ich mich dadurch dem Morgen oder der Nacht. Ich öffnete Türen, sah hinein, und wenn mir das Zimmer nicht gefiel, schloss ich die Türe wieder, stellte es mir nach meinem Wunsch vor, öffnete die Türe wieder, und die Änderung war vollzogen. Von manchen Decken und Wänden wuchsen organische Strukturen, wie Mobilés, auch sie bewegten und veränderten sich, während ich sie ansah (ich glaube, sie veränderten sich NUR dann, wenn ich sie ansah). Manche gefielen mir nicht: ich zerschlug sie oder trat dagegen, und sie zerkrachten wie Glas, worauf auf ihrem Stumpf ein neues Gebilde wuchs. Hinter einer Türe war eine Mauer; ich schloss sie, öffnete sie wieder, und dahinter weitete sich eine riesige Halle, wie in einer Ritterburg, mit vielen weiteren Türen in alle Richtungen. Ich fand eine Eintrittskarte auf einem Teppich und nahm sie in die Hand: Darauf stand "Schubert Streichquartett", dann "Sekretariat", dann "Türkei-Reise".

In einem Zimmer, das sich von den anderen nicht unterschied, gab es einen Knall, einen kurzen Lichtblitz, der Raum faltete sich im Bruchteil einer Sekunde zusammen wie ein Stück Papier und expandierte wieder, und vor mir stand der Söldner. Er war groß, breitschultrig, hatte einen Bart und eine Glatze, und im Schreck gab ich ihm erst eine mit und nahm ihn in den Schwitzkasten, bis ich verstand, daß er keine Gefahr darstellte - und daß er alles wußte, was tief in mir lag. Ich begann ihn auszufragen: warum ich bin, wie ich bin, wie es dazu gekommen ist, und er antwortete nie schnell genug, ich wurde ungeduldig - irgendwann packte ich ihn am Kragen und brüllte ihn an, Was mache ich falsch? Aber er schwieg nur gelassen, und es sah aus, als würde er überlegen und gleich etwas sagen, aber dann lächelte er nur freundlich und verschwand.







Ich irrte weiter durch die Zimmerfluchten, bis hinter einer Türe abrupt eine Plattform begann, von der mehrere Wendeltreppen in die Tiefe führten, in drei Richtungen. Ich dachte: es ist der Weg in mein Unterbewusstsein (ich habe das wirklich gedacht im Traum), fürchtete mich kurz vor der Tiefe und der Dunkelheit und stieg dann hinunter. Die Stufen endeten in einem riesigen Gewölbelabyrinth mit zahllosen Nischen, Winkeln und Kämmerchen. Die Wände waren aus Sandstein und Backsteinen, der Boden bedeckt mit uraltem, wüstengelben Sand und Staub, Wärme flimmerte in der Luft, und es gab so etwas wie Schmelzöfen dort, viele davon: ich trat nahe an einen heran, er war wunderbar warm, ein Kamin verlief im spitzen Winkel nach oben. Ich berührte den Ofen, die Glut tat nicht weh, und die phantastischsten Lichtspiele huschten über die Steinmauern; sie waren wunderschön, aber ich konnte die Quelle des Lichts nicht finden.

Nach einer Weile waren auch Fenster in den Mauern. Ich sah nach draussen auf grüne Hügel und Wiesen, in eine dunkelblau-neblige Nachtlandschaft. Durch einen runden Torbogen auf Säulen gelangte ich nach draußen, lief weit auf die Wiese hinaus und blickte zurück:





Ich war aus einer Burg gekommen, mit zahllosen Türmen, Dächern und Erkern, die in der Dunkelheit der Nacht von abertausenden Fackeln erleuchtet wurden. Die Burg stand in einem Tal, umgeben nur von weiten Wiesen und Hügeln. Der Himmel war voller Wolken, die den Mond teilweise verdeckten.


Ich fühlte mich stark und mächtig und rief ins Dunkle hinein die Hexe an: Komm her, du Menschenfresser, komm nur her, ich hau dir aufs Maul! Und hoch am Himmel, dicht unter den Wolken erschien ein Ungeheuer, pechrabenschwarz, einzelne Gliedmaßen waren kaum auszumachen.





Es tauchte im Sturzflug auf mich herab, kreischte schrill, für einen Moment taumelte ich in Entsetzen, und als es näher kam, erkannte ich zwei Köpfe - ich schlug mit aller Macht zu, es donnerte, das Ungeheuer wurde aus seiner Bahn geschleudert, schlingerte und teilte sich in zwei Wesen: das eine starb, das andere wurde eine Krähe oder ein Rabe, der wieder in den Himmel aufstieg und dicht unter den Wolken still seine Kreise über mir zog und mich verfolgte; aber ich hatte kein Angst davor.




Ich fühlte mich frei und stark, nahm Anlauf und sprang auf einer Anhöhe ab, hunderte von Metern weit in die Luft hinauf und mehrere Kilometer weit, es fühlte sich wunderbar an; ich sah die Erde aus der Vogelperspektive unter mir, die sich mir rasend schnell wieder näherte, und dachte: du musst dir vorstellen, weich zu landen, dann tut es nicht weh, und ich stellte mir vor, in ein Bett mit dicken Kissen zu fallen, und genauso weich kam ich auf, in einem Weizenfeld. Es tat nicht weh und ich fühlte mich noch stärker und mächtiger.

Dann schlug ich die Richtung zurück zum Schloss ein und ließ es links neben mir liegen. Auf der anderen Seite lag eine Stadt in der Morgendämmerung. Im Traum war es die schönste Stadt, die ich je gesehen habe, voller Paläste, Kirchen, Strassenbäche, Flüsse und Brücken, Brunnen, Türme und Mauern, es gab mehrere Aquädukte, große, offene Plätze, wie Foren, viele Gebäude hatten Wandelgänge mit weiten Bögen; und während ich die Meilen abschritt, war es meine Vorstellungskraft, die die Stadt erbaute; wann immer ich an eine Strassenecke kam, stellte ich mir vor, wie es dahinter aussehen müsse - und genauso war es dann auch; ich war der Architekt.

In der Mitte der Stadt stand auf einem kleinen, grünen Hügel ein mächtiger Turm, genau in Richtung der Sonne. Davor wachten hunderte von Rittern, viele auf Pferden, manche von ihnen in übermenschlicher Größe und Breite, sie trugen Helme mit Sehschlitzen und lange Lanzen mit Fahnen daran. Plötzlich drehten alle ihre Köpfe in meine Richtung, brüllten laut und stürmten auf mich zu. Als sie nur noch wenige Meter von mir entfernt waren, wurde mir klar, daß ich unbewaffnet war - ich erdachte mir eine Lanze, sofort lag sie fest in meiner Hand. Es folgte ein heilloses Gemetzel, ich besiegte alle, zerschmetterte ihre Köpfe oder spießte sie reihenweise auf meiner Waffe auf wie Brathähnchen, traf versehentlich auch ihre Pferde, bis der Hügel voller Leichen in Rüstungen lag, fürchterlich verkrümmt, und über allem eine Staubwolke, so dicht, daß ich kaum noch die anderen Gebäude erkennen konnte. Aber ein starkes Licht drang hindurch, vor dem sich die Umrisse des Turms abhoben.







Der Eingang war türlos, im Inneren war nichts zu erkennen; ich lief darauf zu. Umso näher ich trat, umso mächtiger und gleißender wurde das Licht hinter dem Turm, bis es beinahe den ganzen Himmel ausfüllte. Kurz, bevor ich meinen Fuß in den Eingang setzte:

Aufgewacht.









***





...

Der andere Traum, in dem ich eine Prüfung ablegen musste, eine Mischung aus Bewerbungsgespräch und Aufnahmeritual: ich stand in einer Reihe mit anderen Kandidaten, jeder bekam eine ganz unterschiedliche Aufgabe, ich musste einen Satz vervollständigen; die Frau stand vor mir und sagte: "Die Reise wird lang und beschwerlich sein ... ", worauf ich antwortete: "... und ungerufene Geister werden uns entlang der ewigen Küsten begleiten." Und die Antwort war richtig und die Frau lächelte mich an und klatschte mit den Händen, wie man ein kleines Kind ermuntert, das eine Aufgabe richtig gemacht hat.

Und daß mir vor kurzem jemand sagte - jemand, dessen Urteil ich großes Gewicht beimesse - ich sei eigentlich ein sehr spiritueller Mensch (ICH?). Das ist lustig, weil ich mich ganz anders sehe.

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Dienstag, 26. Oktober 2010
Traum 26






Er hatte an einem sonnigen Nachmittag photographiert - Bäume, Wolken, Wege und Felder - Holzzäune überstiegen und Weiden mit Pferden und Kühen betreten, im Schatten eines Busches eine Tigerkatze mit nur Stunden alten Jungen gefunden, sich oft über die Kamera geärgert, und war ins Tal hinabgestiegen, als am Himmel wuchtige graue Regenwolken aufzogen; in eine hübsche Stadt voller Türen und Hinterhöfe und höflich-freundlicher, aber seltsam apathischer Menschen, in der überall Kopfsteinpflaster war und wo es nur eine einzige Farbe gab: grau, bis hin zum Himmel und den Menschen selbst. Niemand reagierte auf seine Bitten um Auskunft, er schien unsichtbar zu sein oder wurde ignoriert, als sei er für die Anderen nicht vorhanden. Auf Bänken am Rande einer Straße saßen ehemalige Klassenkameradinnen von ihm, zu Frauen gewachsen, und zupften bedächtig an Blütenblättern herum.







Er betrat ein graues Café voller grauer Menschen, wo er ihn fand - in Farbe: lockige braune Haare, leuchtend orange Regenjacke, blitzend weiße Zähne. Beiden entfuhr in geringer zeitlicher Verzögerung ein "Das ist nicht möglich!", dann "Du kannst nicht hier sein", worauf Er hinzufügte: "Wobei - es ist möglich. Aber ganz und gar unwahrscheinlich", bis er verstand, daß der Eine ihn als gealterten 38jährigen und er ihn als verjüngten 12jährigen antraf, in einer Welt ewiger Vorläufigkeit, die beiden nicht gerecht wurde.

Als er das Café verließ, war alles in Farbe und er empfand, Teil der ihn umgebenden Welt zu sein. Aber was er im Café angetroffen hatte, er wollte es nicht wieder verlieren, und wenn es schon seine eigenen Wege gehen würde, würde er es photographieren, um sich bildlich seiner zu bemächtigen. Doch die Kamera fehlte; er mußte sie im Café vergessen haben. Dorthin zurückgekehrt begann er, die gestickten Tischdeckchen anzuheben und darunter nachzusehen, worauf der eine Besucher belustigt, der andere suspekt und verärgert reagierte; er überspielte all dies mit Chaplinscher Komik, als ginge es um eine Posse. An einem Tisch neben ihm saß seine Schwester mit einem gutaussehenden Geschäftsmann und klopfte, ohne ihr Zwiegespräch mit diesem zu unterbrechen, mehrmals auf Holz, was bedeutete: übertreib es nicht. Aber die Kamera war nicht zu finden, ebensowenig der Eine, der die Stadt womöglich schon verlassen hatte; so daß er grübelnd und betrübt nach Hause zu seiner Frau ging, in ein unaufgeräumtes Dachzimmer mit grauen, abgenutzten Tapeten, in dem ein rostiges Bett stand.



"Ich mach dir nen Vorschlag: wir legen uns zusammen, schlafen danach ne Runde, dann machen wir es uns gemütlich, dann legen wir uns noch mal ne Runde zusammen.", versuchte sie ihn zu trösten. - Seine Augen glitten unwillkürlich schief zur Seite. "Ich weiss - die Möglichkeit, daß wir das Du hinter uns lassen!...," lachte sie schwärmerisch und warf dabei ihren Kopf nach hinten.

Seine Sinne schwanden. Rotes Feuer stieg hinter seinen Augen auf, als er aus fernem Äther heraus sprach: "Die Burg; ich muss nur noch durch die Burg. Das könnte viel hinter mir lassen. Du weißt, daß ich durch diese Burg gekommen bin, nicht wahr?" Furcht breitete sich in ihren Augen aus, als sie stumm und wissend nickte. "Ich muss nur noch durch diese Burg." Und für einen Augenblick sah es aus, als ersetzten steile, steinerne Mauern wie ein Harnisch den weißen Hemdkragen auf seinem schwarzen Anzug, bevor er in Stasis verfiel.









Am Dachfenster, durch das der Abendhimmel die Welt in
Feuer tauchte, bildete sich eine Blase: weiß, nach außen gestülpt, wie die Kehlkopfblase eines Frosches, blähte sich auf, bis etwas platzte.

Das Bild drehte sich auf den Kopf, ich wachte auf.









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Samstag, 14. August 2010
Traum 25


Ich saß an einer mediterranen Küste, ein bewölkter Nachmittag ging zu Ende. Das Wasser vor mir ging im steilen Winkel in abschüssige Tiefen hinab und sah einladend aus, voller Bewegung und Leben, aber auch gefährlich. Ich wollte meinen Sohn beeindrucken und schleuderte einige flache Steine auf das Meer, von deinen einige ihren Dienst taten, andere sofort mit einem Plopp im Wasser verschwanden, denn Welle um Welle rollte auf den Strand zu.

Im Sand lag ein junger, vertrockneter Rochen, ca. 30 cm lang und braunfarben. Das Tier war durch die Dehydration steif geworden, und ich schleuderte es wie einen flachen Stein auf die Wasseroberfläche. Es flippte sieben Mal und versank, und ich beobachtete es beim Untergehen: es gleitete wie eine gekrümmte Feder eine ballistische Bahn ab, blieb an deren Ende kurz im Wasser stehen, kippte mit der Nase nach unten und schwamm eine neue Bahn, und so weiter - bis es wieder bei mir am Strand lag, um einiges vergrößert und verbreitert. Ich war verblüfft und rief andere Leute um mich herum her, um das ungewöhnliche Ereignis mitzubeobachten: ich warf den Rochen erneut ins Wasser, weiter als vorher (und entdeckte ein Stück draußen ein wartendes Ruderboot ohne jemanden darin); wieder versank das Tier, schwamm seine sonderlichen Bahnen, diesmal noch unberechenbarer als zuvor - und endete im seichten Wasser vor mir. Es war nun noch größer geworden, beinahe einen Meter, hatte seine flache Form fast ganz verloren und ähnelte nun eher einem Riesenzackenbarsch als einem Rochen. Es zappelte im niedrigen Wasser und schien mich anzusehen, während ich und die Menschen um mich herum über das Ereignis staunten. Die Menge zerstreute sich bald wieder, und ich warf das Tier ein letztes Mal in die See.




Das Wasser teilte sich. Auf der linken Seite blieb es das Meer, auf der rechten Seite senkte sich der Wasserspiegel rapide, versickerte in einer unterseeischen Höhle. Das Tier lag vor deren Eingang, einige Meter weit draussen in dem, was eben noch Meeresboden war, mit unnatürlich vergrößerten Augen und Lippen und wies mir die Richtung mit zuckenden Bewegungen. Ich konnte in der Höhle Stalagmiten und Stalaktiten erkennen, die mir die Sicht versperrten - und hinter ihnen helles Licht und Blätter in lebendigem, unbezwingbarem Grün. Immer weiter trat das Wasser in die Höhle zurück und legte den nass glitzernden ehemaligen Meeresboden weiter frei. Ich tat einige Schritte nach vorne und bewegte mich auf den Eingang zu; die verbliebenen Menschen hinter mir riefen mich zurück und warnten mich.




Hier aufgewacht oder Rest vergessen, weiß nicht mehr.







*

Meine Statistik ist hinreichend gefüttert, I now have conclusive proof daß es Traumsymbole mit überdauernder Bedeutung wirklich gibt. Ich meine, viele andere Träume haben das bereits nahegelegt, so sehr, daß sich ein Beweis eigentlich erübrigte - conclusive proof ist also der falsche Ausdruck, ich habe jetzt die letzten Zweifel daran verloren. Speziell was den Fisch angeht, dem der Tod durch Erstickung droht, wenn er nicht in seinem Element sein kann, liegt genug Material vor.

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Samstag, 27. Februar 2010
Traum 23





























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Meine Hand stürzte unwillkürlich und treffsicher zum Lichtschalter. Neben mir lag der Kleine und schlief friedlich, sein Atem ging langsam und tief. Für 5-6 Sekunden scheute ich die Schwärze, knipste das Licht dann wieder aus und erblickte in der Dunkelheit Vertrautes: Lampenschein vom Nachbargrundstück durch die Rollladenritzen, das grüne LED des Laptopadapters, Umrisse meiner Möbel, um mich anschließend einem noch viel beschissenerem und kränkerem Traum zu nähern. Den hätte ich aufschreiben sollen, das war wieder so ein globaler Traum mit epischer Länge, voll mit unsagbar krankem Scheiß. Wälder, in denen sich alle Pflanzen und Bäume mit einem Donnerschlag in wie Wasserpflanzen hin- und herschwankende Skelette verwandeln, die nach mir greifen, nachdem ein entsetzlicher Frevel begangen wurde: ein Mann hatte mit einer kolossalen Schaufel Erde eine Prozession von Ureinwohnern begraben, und ich war auf das Grab getreten. Ein Pferd, auf dem ich Geschwindigkeiten jenseits der 200 km/h und Fliehkräfte wie in Kampfjets erreiche. Ein in beide Richtungen nicht enden wollender Berghang, der sich in ein Amphitheater verwandelt, auf dessen Stufen sich die gesamte Menschheit tummelt, in Gesellschaft der absurdesten Gestalten, die man sich denken kann, und wo sich schließlich in einem Schauspiel auf einer vor den Sitzreihen schwebenden Bühne das Schicksal Aller entscheidet.


Es drängt mich, entweder das Spektrum der Träume auf harmlosere Episoden einzugrenzen oder in der einen oder anderen Form naheliegende psychologische Deutungsmuster (zwei Kinder in einem Bett, die in Starre verfallen; eine bedrohliche Gestalt, die sich dem Bett nähert...) durch deren Vorwegnahme zu widerlegen, aber es wäre doch ein Widerspruch, sich in Träumen zu äußern und gleich eine Deutung mitzuliefern, nur um leumundsschädlichen oder irreführenden Rückschlüssen auf meine Person vorzugreifen? Ich erinnere mich immer und immer wieder, und jeder sollte das tun, mit Nachdruck daran: das hier ist das Internet, ein völlig substanzloser Raum, in dem alle Ausdruckskraft den Buchstaben überlassen ist und jedes Persönlichkeitsmerkmal nur vorgestellten Avatare angeheftet werden kann. Wenn dir die Reputation deines Inkognito so wichtig ist, daß du auch an ihm abzuspalten anfängst, war seine Schaffung für den Arsch und du hast das Prinzip verfehlt. Anonymität und Unpersönlichkeit sind doch nach wie vor die große Chance, vollständigere Selbstbildnisse zuzulassen.

Alternativ könnte ich mehr oder hauptsächlich angenehme Träume schildern, um es nicht aussehen zu lassen, als ob der Alpdruck mein einziger Schlafgefährte wäre. Nur würden solche Darstellungen mir unentschuldbar viel Pathos abverlangen (viel mehr, als ich zähneknirschend bereits absondere), und abgesehen davon: sie drücken mich ja nicht, ihre Mitteilung würde mir keinen zusätzlichen Nutzen verschaffen, außerdem passieren darin ziemlich alberne Dinge. Aber um es einmal gesagt zu haben, ich träume auch sehr annehmliche und nicht weniger phantastisch ausschweifende Dinge als die, die ich hier wiedergebe. Nur drängt es mich selten dazu, sie mitzuteilen, und ich schreibe sie in der Regel auch nicht auf, weil es nichts oder nur wenig daran zu klären gibt. Im oben geschilderten Fall war die Erklärung für das Vorkommen plain and simple: ich hatte vor dem Schlafen mächtig viel, tierisch pikant und äußerst gemischt gegessen, mein Bauch protestierte die ganze Nacht gegen soviel Innenüberdruck und Belastung. In solchen Nächten träume ich eben am beschissensten.

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Dienstag, 26. Januar 2010
Traum 22





























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Parallelen zu hier.
Meine Schwester sagt nur noch "Du Schwein, schämst du dich nicht", wenn ich ihr sowas erzähle.

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Traum 22


Während ich schlief, hörte ich, wie jemand etwas aus dem Zimmer entwendete: Holz kratzte mehrfach auf Steinplatten, scheinbar unwillkürlich, als ob es jemand mißlang, die Sachen hoch genug vom Boden zu heben, um Lärm zu vermeiden.

Ich wachte aus einem bernsteinfarbenen Traum vom Fliegen in meinem Zimmer auf, einer zerstörten Ruine mit halb eingefallenem Dach. Über mir konnte ich den Sternenhimmel sehen, in schwarzen und gelben Farben. Von irgendwoher drang ein sich wiederholenes Tropfgeräusch zu mir durch. Die Spüle der Kochzeile stand meterhoch voll mit schmutzigem Geschirr. Obenauf stand eine Riesentasse mit Ess-, Koch- und Aufgebelöffeln darin, Messern sowie vertrockneten Rosen und einigen Handpuppen, welche lediglich aus Köpfen bestanden, die auf Holzstecken befestigt worden waren. Ein Clown mit länglichem Gesicht war mir zugewendet und grinste mich an, vielleicht bewegten sich seine Mundwinkel, und ich überlegte, wer ihn mir geschenkt haben möge.










Es war warm, ich ging nach draußen. Das "Zimmer" lag an einem Hang, in der Nachbarschaft lagen weitere Ruinen. Ich wanderte auf einer Art Veranda in einen länglichen, nach oben offenen Verschlag, der vollstand mit Blumenkübeln und vertrockneten Pflanzen. Während ich mich umsah, machte ich eine willkürliche Bewegung mit dem linken Arm und streifte etwas Weiches, das nachgab: mein Arm war voll mit Hunderttausenden kleiner Spinnen, ich hatte ein Nest aufgestoßen. Die Tiere saßen so zahlreich und dicht, daß sie wie ein lebendiges Fell wirkten. Aus den Augenwinkeln sah ich eine Bewegung, gleichmäßig und träge, wie mahlende Kiefer: in einem knappen Meter Entfernung saß das Muttertier an der Wand, starr und sprungbereit, von der Größe eines Gullideckels, und glotzte mich aus giftigen Augen an.

Ich sprang reflexartig zurück und versuchte wie von Sinnen, das lebendige Fell abzustreifen und der Mutter nicht zu nahe zu kommen - erfolglos, daher stürzte ich zurück in die Wohnung zur Küchenzeile, wo ich das lebende Fell mit warmen Wasser abwusch. Noch zitternd ging ich langsam, Schritt für Schritt, zurück nach draußen, zum Verschlag: erstmals sah ich an der Steinwand die wabenartigen Brutstätten der Insekten, die mit ihren Ausbeulungen wie Säcke herunterhingen. In meiner kurzen Abwesenheit mußten mindestens zehn weitere entstanden sein, sonst hätte ich sie vorher bereits bemerkt; Myriaden geschlüpfter Tiere hatten den Ort in Beschlag genommen und näherten sich in Form eines sich bewegenden Teppichs langsam der Türe. Im abklingenden Schock beschloß ich in einem Aufwall des Zorns, die sich ausbreitende Pest mit kochend heißem Wasser zu vernichten, eilte also zurück zum Spülbecken, in dem Tausendschaften kleiner nasser Spinnen erfolglos versuchten, die glatten Metallwände zu erklettern, und füllte einen großen Eimer heißen Wassers ab.










Als ich im Stechschritt voller Entschlossenheit zurück auf die Veranda stampfte, sah ich (auf der linken Seite. Der Verschlag war rechts) an einer Mauer Wasser hinunterlaufen. Ich trat näher: es war kalt und lief in großen Wellen hinunter, auf einer Fläche von 2 Metern Breite. Seltsam war, daß die Mauer einsam für sich stand, wie ein Monolith oder ein Grabstein, ohne Teil eines Gebäudes zu sein - auf der anderen Seite war nichts. Ich wollte erkunden, woher das Wasser käme - etwa aus der Mauer? - , und fand wenige Meter neben mir einen Stuhl, auf dem ein weiterer, kleiner Stuhl und auf jenem ein Kinderhocker aufgestellt war - als habe jemand bereits vor mir dieselbe Idee gehabt: derjenige, der die Möbel aus meinem Zimmer genommen hatte, als ich schlief.

Ich stieg auf den ersten, dann auf den zweiten Stuhl, und konnte schon fast über die Mauer sehen. Über mir blitzte und blinkte der Sternenhimmel. Im Tal lag eine Stadt und leuchtete verheißungsvoll in flimmernden Lichterketten. Ich setzte meinen Fuß auf den wackeligen kleinen Hocker. Kurz bevor meine Augen den Rand der Mauer übersahen, von dem das Wasser herabfloss, wachte ich auf.

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Freitag, 22. Januar 2010






Abrupte Entrückung
aller Innigkeit entrissen
wird nur die Kälte gewahr
als nach dem Augenaufschlag der Blick
sich an nackte Oberflächen heftet
und das Empfinden in unverwandte Ferne entschwindet




Ehern verriegelt die Pforten zum mysterium tremendum
davor der Verstand kauert
und seinem unnützen Jonglierspiel
nach Sinn und Gestalt nachgeht.

Nicht sein schablonenhafter Eigensinn
nicht banges Wühlen des Herzens
hinter erstarrtem Traumbruchwerk
nach dem Puls des Erlebten
und sei es nur dessen kümmerliches Vermächtnis

nichts vermag die Sehnsucht nun zu lindern
nach Rückkehr in die verlorene Ganzheit.








Unpäßlicher Gleichmut und nomadische Abwesenheit
ächten den grellen Äther des Tages
und wähnen der übermächtigen Entgrenzung nach
im schweren Halblicht verwinkelter Altane
und Nischen des schlaftrunkenen Gemüts

blind jeder Stätte zwar
aber in verliebter Andacht
demütig wie zum Gebet
das Numen wieder anzutreffen
unfasslich im inneren Nirgendwo












Unbesehen vorüber gleitet aller Welttumult.

Schritte und Pflicht
drängen die Sinne ins Diesseits
mahnen zur Kräftebündelung
um Zwecke zu erfüllen.


Entlang eines Stroms
bannt den Blick
der Reigen der Wellen
wo im Taumel funkelnder Lichtschauer
das gestaltlose Ineinander
den Wehen der erloschenen Nachtglut
duldsam zuspricht.








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