Aus einer Korrespondenz
Am Donnerstag, 26. Okt 2023
Bitte hier.
Ich möchte Ihnen eine kurze Anekdote erzählen. Als ich 15 war, kam ich von der Schule nach Hause. Meine Mutter, eine Holocaust-Überlebende, stand in der Küche. Sie sah mich an und sagte: “Weißt du was, Lizzie? Auschwitz war voll mit optimistischen Juden. Es war ein Lager der Optimisten.” Und ich dachte nur bei mir: Oh, nicht schon wieder, die Frau ist verrückt! Also bin ich in mein Zimmer gegangen, und meine Mutter kam hinterher. Sie sagte: “Alle pessimistischen Menschen haben Deutschland früh genug verlassen. Du solltest dein Leben lang Pessimistin sein.” Bis vor einigen Tagen hatte ich das völlig vergessen. Und plötzlich kam es mir wieder in den Sinn: Ich sollte pessimistisch sein. Denn wenn der Tag da ist, die Koffer zu packen, um dieses Land zu verlassen, dann will ich ihn nicht verpassen. Israel bewegt sich in die falsche Richtung. Nicht erst seit einer Woche, sondern seit 20 Jahren. Ich habe Bücher darüber geschrieben, über 1973 und über die Notwendigkeit, Frieden zu schließen mit den Palästinensern. Aber es wurde nicht gehört, und meine Bücher werden in Israel nicht mehr gedruckt. Also wenn Sie mich fragen: Wird die Situation eskalieren? Dann sage ich: Das passiert längst.
[...]
1.
Du schicktest mir einen Text, in dem das Wort "Auschwitz" vorkam. Ich antwortete, dass mir der Text und die scheinbar beiläufige Einstreuung des Wortes nicht gefiel. Deine Antwort war: Auschwitz sei nicht das Thema das Textes, sondern die Gefahr gewaltbereiter Migranten in Deutschland. Meine Antwort ist: a) Der Migranten-Kontext ist unhaltbar, und b) Auschwitz gibt es nicht als Nebenthema.
2.
a) Zum Anekdoten-Text: Was heißt "Thema verfehlt“? Es braucht Phantasie, um den Kontext außerhalb der aktuellen Anlässe in Gaza zu verorten. Der Text stammt aus einem Interview mit Lizzie Doron aus der Druckausgabe der FAZ, nicht der SZ, vom 11.10.23. Hier
Er bezieht sich unmissverständlich auf Israel, die laufenden militärischen Auseinandersetzungen und die politischen Verfehlungen, die dazu geführt haben. Das Thema gewalttätige Migranten in Deutschland wird mit keiner Zeile auch nur angedeutet, ich kann mir deine Kontextualisierung nur dadurch erklären, dass dich das Thema gerade umtreibt.
3.
b) Auschwitz als politisches Druckmittel, als uneinlösbare Hypothek und diskursives Paradigma ist allgegenwärtig und immer der konsequenteste, globale Protagonist einer Erzählung, in der es vorkommt. Es gibt kein Epos, keine Anekdote, keine Festrede und keine Kunstform, in denen DAS Synonym des Holocaust zur Beiläufigkeit, zum Hintergrund verkommt, ohne dass der moralische Appell seine volle Wirkung erzielt und die Handlung durchleuchtet bis überstrahlt. Als politischer Entscheider arbeitet es praktisch als Selbstläufer. Nimm den von dir behaupteten Kontext:
Das Problem mit gewaltbereiten Migranten haben wir seit Mitte der achtziger Jahre. Kritisch wurde es schon ab Mitte der Neunziger. Betroffene* kennen die Korrelation zum islamischen Glauben nur zu gut: Anfangs waren es überwiegend entwurzelte Nachkommen türkischer Einwanderer, seit dem „war on terror“ kommen diese Leute gerne aus der Peripherie des Mittleren Ostens (*über betroffen oder nicht entscheidet gern die Wohngegend, über die Geld entscheidet). Die Leugnung des Problems hat bemerkenswerte Blüten getrieben: Jeder kritische Hinweis auf Gewaltpotential oder kulturelle Unvereinbarkeiten wurde jahrzehntelang politisch rechts verortet, tausende Kritiker als Nazis und Rassisten diffamiert (und durch diese Zuschreibung entweder verstummt oder in die Arme echter Rassisten getrieben, die ihnen eine Plattform boten!), das Problem nie angegangen. Migrantische Gewalt gegen Deutsche hat keine Sau gejuckt (der umgekehrte Fall hingegen sehr), solange sie nicht in die Wohngegenden politischer Entscheider drang, oder an die Institutionen, an denen ihr Nachwuchs ausgebildet wurde.
Das Problem staut sich über Jahrzehnte, Hinweise auf sich bildende Parallelgesellschaften wurden ausgesessen, mit Pegida, Sarrazin u.Ä. assoziiert. Der reaktive Alltagsrassismus wuchs, die Rechte radikalisierte und organisierte sich, weite Teile der Bevölkerung neigten sich von der politischen Mitte nach rechts und ermöglichten das Aufkommen der AFD. Da war er wieder, der hässliche Deutsche - eine gigantische Abgrenzungs- und Profilierungsvorlage für zwei Generationen nachrückender Politiker, die sich selbst und ihre Agenda als einzig gangbaren („Mittel“-) Weg zwischen gefährlichen Radikalen von links und rechts empfahlen. Eine Auseinandersetzung mit den politischen Ursachen des Problems fand und findet nicht statt; man ließ zwischen den Zeilen ein zuverlässig wiederkehrendes, spezifisch „deutsches“ Problem erahnen; das ewig braune Rudiment. Man veranstaltete teure, „antirassistische“ Seminare (an denen irgendwer verdiente), schuf "Beauftragtenstellen" für antidiskriminierende Berufsbetroffene. Ansonsten eher mittelmäßige bis untalentierte Autoren, Journalisten und Künstler konnten ihre Karriere merklich ankurbeln, wenn ihre Arbeit nur die Botschaft transportierte, jeder sei ja eigentlich ein Rassist, und Rassismus zu leugnen, beweise ihn ja gerade.
Nun aber, wo diese Migranten den Tod jüdischer Zivilisten bejubeln, will man auf einmal das Problem erkannt haben, und die MdBs, die sich bislang gegen rechts profiliert und als Bewahrer von Anstand, Demokratie und Freiheitlichkeit haben feiern lassen wie Figuren aus Superheldencomics, fordern offen das, was Parteien wie die AFD seit Jahren fordern: Schnellere Abschiebung, Verringerung von Einwanderung, Kürzung von Sozialleistungen. Plötzlich gilt es als legitim und aufgeklärt, die hiesige ‚freiheitliche‘ Kultur jener gewaltbereiter Migranten (gemeint sind natürlich Moslems, sagt bloß keiner deutlich) als inkompatibel gegenüberzustellen. Huch! Welch Kehrtwende. "Populistisch" ist sowas nur, wenn es die Anderen sagen. - Die Heuchelei ist grenzenlos, sobald Juden - physisch oder rhetorisch - in der Schusslinie sind. Und dabei spielen Auschwitz und das daraus abgeleitete Ethos ('Nie wieder') keine Rolle? 40 Jahre verfehlter Innenpolitik werden über Nacht ins Gegenteil verkehrt, welch gewaltiger Hebel!, weil plötzlich auf deutschen Straßen Juden der Tod gewünscht wird, und mit Auschwitz hat das nichts zu tun? - Und die von dir angeratene Haltung, das "kluge Abwägen, besser rechtzeitig zu gehen und nicht zu bleiben, bis es zu spät ist", das hat - im Zusammenhang mit Juden und Lebensgefahr - nichts von der Dramatik einer Flucht, die, wenn nicht rechtzeitig angetreten, im Lager und mit dem sicheren Tod endet? Nein? Diese Symbolik schwingt hier nicht mit? Wenn du dich dabei nicht verkohlt fühlst - ich mich schon.
(Bitte hier. Besser ist das nicht hinzukriegen)
Daher: Auschwitz ist in der politischen Öffentlichkeitsarbeit kein „Thema“, über das ein Disput entstehen könnte, sondern ein unbedingter Weisungsgeber – ein ubiquitäres Damoklesschwert, das die Hierarchie diskutierbarer Themen gebieterisch ordnet, bevor sie überhaupt angegangen/infrage gestellt werden könnte, und die daraus zu ziehenden Gebote sind immer die gleichen: Wenn Juden - oder Israel - sich in Gefahr wähnen, musst du als Angehöriger des Tätervolkes alle Neutralität molto flott an den Nagel hängen und Betroffenheit aus allen Poren triefen, oder das wenigstens überzeugend vortäuschen. Und wenn jemand "Antisemitismus" schreit, solltest du besser mitschreien (noch besser: Irgendeinen als Antisemiten denunzieren, im Mindesten: mitdenunzieren), um nicht in Verdacht zu geraten, es mit den Antisemiten zu halten. 78 Jahre nach Kriegsende sind wir immer noch ein Volk rückgratloser Denunzianten und Konformisten – unter anderem Vorzeichen. Kein Widerspruch der Werte ist zu bizarr, kein Verrat zivilisatorischer Werte zu unwahrscheinlich, keine präfaschistische Disposition zu evident, wenn es darum geht, jüdisch assoziierten Belangen beizustehen. Egal auf welcher Bühne, ob im Bundestag oder in Talk Shows: Wenn Stichworte aus dem assoziativen Umfeld des Holocaust fallen (es braucht noch nicht einmal den Begriff "Antisemitismus"; dafür reicht in der Regel „Jude“ oder „Israel“), bekommen die Menschen Angst – und dann sagen und tun sie dumme Dinge.
Dieses zähe Missverständnis - die rechte Sühne für die Schrecken des Dritten Reichs sei, Juden bedingungslos bei egal was zu unterstützen - ist das Ethos feuilletonistisch verblödeter, hoffärtig-transgressiver, feige angepasster Bildungsdummköpfe, die sich aus tief verinnerlichter Schuld heraus zum Gatekeeper berufen fühlen, dabei aber ein bequem niedriges Abstraktionsniveau halten, wie es ihrem geringen Verstand eben entspricht (das Ziel, die große Lehre aus dem Holocaust ist und hätte immer sein sollen, Faschismus in all seinen Facetten zu erkennen, bevor er sich durchsetzen kann. Bemerkenswert ist, dass gerade Menschen aus „bildungsferneren“ Schichten den Schwindel besser durchschauen; es ist weder Populismus noch plump, es ist funktionierender Instinkt). Deshalb finde ich es abscheulich, wenn auf dem Hintergrund von Auschwitz Lebensklugheiten beworben werden, und sei es noch so anrührend küchenmutterherzwarm-achweißtdumeinkindig dahingemenschelt: Es läuft immer! darauf hinaus, die vorbehaltlose Zustimmung zu jedem beliebigen jüdisch assoziierten Anliegen zu erneuern. Und wenn es so weit geht, Israel (einen ehemals säkularen Staat, der immer mehr ein Gottesstaat wird) ein "Recht zur Verteidigung" zu attestieren, damit sein Militär Wohnviertel bombardieren darf. - Weißt du: Ein Verhalten anzumahnen, ist so etwas wie eine unverbindliche Empfehlung mit der Andeutung der Möglichkeit einer Sanktion bei Wahl der falschen Option. Auf dem Hintergrund von Auschwitz aber werden keine Verhaltensweisen 'empfohlen', es wird verhohlen gedroht: mit Hinrichtung der öffentlichen Person, d.i. Vernichtung von Ansehen, Karriereverlust (was wirtschaftliche Folgen mit sich bringt), hierarchischer Herabstufung und sozialer Isolation (was psychische Probleme mit sich bringt). Es ist deshalb zynisch und geschmacklos, Auschwitz als Hintergrund in herzwärmenden Geschichten anzubringen, denn was vordergründig mit Sympathien umworben wird, entpuppt sich als ebenso perverser Imperativ wie der, alle Juden zu ermorden. Das ist billige Tugendhaftigkeit für gutsituierte Sonntagsprintmedienabonnenten, die Wohl- und Anstand so unterschieds- wie zwanglos konsumieren, eine Illusion moralischer Entscheidungsfreiheit allemal, wenn diese Geschichtchen sich an das Tätervolk richten:
Man tut so, als gäbe es Deutungsspielräume, als sei das Thema Optimismus und Pessimismus Gegenstand individuellen Abwägens (als gäbe es hier was zu deuten! Erfolg und Misserfolg entscheiden rückblickend darüber, wer Pessimist und wer Optimist war, keine vorangehende Weisheit. Es gibt keine Hellseherei) - als dürfe der Leser entscheiden, ob es nun klug sei, schwarzseherisch und misstrauisch durchs Leben zu gehen oder eben nicht. So ein Humbug! Im Hintergrund schwebt über allem das gravitätisch-monumentale Grauen von Auschwitz mit seiner Lehre: Nie wieder!, die sich in politisch-praktischer Hinsicht auf vorbehaltlose Zustimmung gegenüber jüdisch assoziierten Belangen reduziert, und erzwingt – wie bei dir ersichtlich. – die Sympathie mit dem jüdisch assoziierten „Pessimismus“, der (da schau her) so nachahmenswert ist, weil man, Tada, den gnadenlosen Vernichtungswille der Deutschen unterschätzt habe. Unterstelle ich damit Lizzie Doron eine versteckte, "eigentliche" Botschaft in ihrer Anekdote? Nein: Ich unterstelle ihr, genau zu wissen, dass sich mit dem scheinbar zufälligen Einstreuen der scheinbar hintergründigen Information "Auschwitz-Überlebende" jeder Widerspruch zu ihren Ausführungen (die ich im Übrigen unterstütze) erledigt hat; ihr und jedem anderen, der versucht, jüdische Anliegen - und seien sie israelkritisch! - unter Behuf auf den Holocaust voranzubringen. Wer mit Auschwitz aufwartet, bewirbt Zustimmung nicht, er verordnet sie; Lizzie Doron leiht sie sich aus. Was bleibt übrig von dieser läppischen Küchenanekdote? Ein moralischer Appell, sich mit jüdischem Pessimismus zu identifizieren (und so das Bild von der heimtückischen, deutschen Judenfeindlichkeit zu erneuern) - ein Appell, den du dankbar auf deine Familiengeschichte gemünzt hast. Denn starb nicht auch deine Großmutter, weil sie 'Optimistin' war? – Fühlst du dich mit den jüdischen Toten der Konzentrationslager solidarischer, wenn du das Ende deiner Großmutter mit jenen menschlichen Irrungen parallelisierst, die so viele Juden im Lager enden ließen – weil sie 'Optimisten' waren? Es macht das Herz blind, dieses Spiel aus Scham, Schuld und Sühne.
Das Ende deiner Großmutter hat mit Israel, Auschwitz oder Palästina so viel gemein, als sich auch daraus irgendeine beliebige „Pessimisten und Optimisten“-Erzählung basteln lässt – was man schlechthin mit jeder Erzählung aus egal welchem Lebensbereich anfangen kann, denn das Leben scheidet die Menschen in Erfolgreichere und Erfolglosere, Begünstigte und Benachteiligte, denen man dann in der Façon einer Lebensweisheit die Eigenschaft "Optimist" und "Pessimist" anhängen und sich selbst den Nimbus bescheinigen kann, im Voraus gewusst zu haben, was gut ausgeht und was nicht – wenn einem der Sinn danach steht. Das ist aber ein Wunderglaube. Im Falle Hitlers wusste das auch keiner; manch einer hat etwas geahnt und ist dieser Ahnung gefolgt, und es erwies sich eben als richtige Entscheidung. Es war aber für alle ein Ratespiel mit unsicherem Ausgang. Wer Pessimist und Optimist war, entschied ex post das Schicksal, nicht irgendeine schon vor 1939 feststehende Persönlichkeitseigenschaft der Betroffenen. Auch übermäßige Gewohnheitsvorsicht - das Antecedens für das spätere "Ich hab's ja gesagt" der Verunsicherten, die aus einer Schwäche eine Tugend fälschen wollen - kann zum Nachteil gereichen. Aber darüber entscheiden die Sterne, nicht subjektive Handlungspräferenzen oder Lebensweisheiten. Es gibt keine Garantien für die Zukunft. Menschliches Kalkül baut auf begrenzten Mengen an Information auf, die individuell verarbeitet werden. [...]
