Dunkelheit war mir von Haus aus immer schon unheimlich; inzwischen ist sie auch Versteck und Schutz. Ich meine die Dunkelheit einer mondlosen Nacht, am Waldrand in der tiefsten Allgäupampa, mehrere Kilometer entfernt von der nächsten popeligen Landstraße, Ewigkeiten entfernt vom Streulicht großer Städte - wenn das Sternenlicht so schwach glüht, dass nicht mal Konturen erkennbar sind.







Dunkelheit bewirkt erhöhte Selbstaufmerksamkeit. Die visuelle Wahrnehmung ist homogenisiert: Dinge und Strukturen sind eher Flecken ohne erkennbare Tiefe als klar umrandete Objekte mit Details. Heißt zunächst nur, die üblichen kognitiv-visuellen Schemata können nicht zu Ende evaluiert werden kann, sie verbleiben im Hypothesenstatus. Und das bewirkt - ich weiß nicht, wie, ob schlicht in Ermangelung eines gewohnten Kontingents zu verarbeitender Data, die das Sicherheitsbedürfnis befriedigen - eine graduelle Verlagerung der Aufmerksamkeit von der Außenwelt nach innen; man lauscht mehr in sich hinein, sowohl und gerade auf propriozeptiver und intrinsisch-affektiver Ebene als auch reflexive Selbstaufmerksamkeit betreffend. Besonders das Zusammenspiel der letzten beiden entfaltet dabei eine Dynamik, die dem Einstreuen scheinbar willkürlicher Assoziationen beim Einschlafen ähnelt.

Fest steht, wenn es dunkel ist, bin ich nahe an mir dran. Im Dunkeln kann dich keiner sehen, und das fühlt sich an, als denke auch keiner an dich, wisse niemand von dir, bezöge sich niemand auf dich in seinem Fühlen und Denken - und man wäre frei von den Wehen der Menschen, deren Fühlen von dir abhängt. Wenn sie schlafen, können sie nicht mal an dich denken, und wenn sie träumen, beziehen sie sich nicht auf dich, sondern auf eine Modifikation eines Abbilds von dir.







Das alles zusammen bedeutet de facto-Freiheit von äußeren Erwartungshaltungen, Gefallzwängen und Verantwortung. In dieser verstohlenen Schamlosigkeit ist Raum, sich zu spüren, und Zeit genug, sich selbst zu vertrauen. Es soll diese Urangst geben, von allen Seiten bedroht zu werden und nicht vorhersehen zu können, aus welcher Richtung die Gefahr kommt - die bricht bei mir höchstens beim Tauchen im Meer durch, aber in der Nacht sehen alle Augen gleich viel.

Ich habe übrigens noch nicht eine Photographie gesehen, die die Nacht und den Sternenhimmel so abbildet, wie sie in Wirklichkeit aussehen. Entweder habe ich also nicht genug Photographien gesehen oder die Technik ist einfach noch nicht so weit. Ich wäre gerne einmal nachts in der Wüste oder im australischen Outback. Meine Mutter war Anfang zwanzig mit Freunden auf einer Studienreise in Persien. Während einer langen Überlandfahrt kampierten sie in der Wüste; sie sagte, die Sterne seien bis über den Horizont zu sehen gewesen, in einer Leuchtkraft und Klarheit, die sie nie wieder gesehen hätte. Unter den Reisenden waren zwei Musiker - ein Violinist des London Symphony Orchestra und ein anderer, sein Instrument weiß ich nicht - und sie haben Bach gespielt. Muss ein unfassbarer Augenblick gewesen sein.