Überland-Hauptverkehrsstraße, einspurig in unserer Fahrtrichtung, zweispuriger Gegenverkehr; ich Beifahrer, Pold konduiert, wir fahren etwas weniger als 80. An einer Kreuzung sehe ich rechts von uns den Typ in seinem Japaner; er hält das Steuer mit beiden Händen fest, der Kopf, weit vorne übergebeugt, klebt fast an der Scheibe, typische Anzeichen von Ermüdung und Sehschwäche. Ich sehe, wie er nicht nach links, nur nach rechts blickt - und einfach losfährt.





Später habe ich mir kurz eingebildet, ich hätte noch Achtung gebrüllt, tatsächlich war es ein lautes 'Scheisse'. Und Pold, sagte sie nicht 'Was macht der denn'? Versuche, die 1,5 Sekunden zwischen Erblicken und Aufprall zu rekonstruieren, scheitern überwiegend, false memories und kontrafaktisches Denken pfuschen mir rein, wo es geht - mein Gehirn scheint die Situation eher nach Kriterien umzuformen, wie ich mich in so einer Situation verhalten hätte, als nach dem tatsächlich Geschehenen. Aber ich weiß, dass ich den Typen sah, und was er tat - und eine Sekunde lang nicht reagiert habe.





Pold aber bremst souverän ab und weicht scharf nach links aus, seine Front prallt mit geschätzten 30 km/h auf unseren Kotflügel bei geschätzten 45 km/h. Keine lebensgefährliche Situation also, aber die Wucht, mit der die Trägheit der Masse aus ihrer bisherigen Bewegungsrichtung gestoßen wird, entzieht sich nach wie vor jedem Beschreibungsversuch. Das Auto wird einem buchstäblich unter dem Arsch weggeschossen, mit dem Unterschied, das man durch einen Anschnallgurt mit ihm verbunden ist sowie durch Türen und andere Faktoren daran gehindert wird, einfach seitlich herauszufallen und mit 40 Sachen ein bisschen die Straße entlangzupurzeln, bis man zum Stehen käme. Jedenfalls: Man rafft nichts in dem Moment, in dem es geschieht. Ich habe nach dem Stehen zwei Sekunden mit Umsetzung des Geschehenen verbracht, bis ich Pold fragte, ob bei ihr alles lieb sei, und zwanzig, bis ich nach den Hunden sah, und zwei Minuten, bis ich zur Erkenntnis gelangte: Alles gut, alle heil und gesund, scheiss auf das Auto. Nicht so der Drecksack mit seinem japanischen Flohuster.

Er steigt aus; wackelt einmal prüfend um sein Auto herum; tritt seitlich an unseres heran, klopft an die Scheibe (ich nutzte die Gelegenheit sofort, um zu vermelden, dass auf unserer Seite alle unverletzt seien) und mümmelt - das Allererste, was er sagt!: Sie haben da vorne rechts geblinkt. - Pold wehrte sich sofort inbrünstig in Stimmlage und Wortwahl, aber ich war einfach zu perplex, um auszusteigen und ihm alle Zähne aus dem Maul zu schlagen. Ich rechne mit so etwas - wirklich, mein Menschenbild ist mieser als das aller meiner Bekannten - aber wie man so ein Kackhaufen von einem Geizkragen sein kann, ist mir rätselhaft. Der Typ steigt aus, ist am Leben und unverletzt, und woran denkt er als erstes? An sein Geld.





Seit dem Abend dieses Tages haben mich zwei Fragen unausgesetzt beschäftigt: Warum reagiere ich so langsam? Ich stand nicht unter Schock, sie auch nicht bis auf ein paar kurze Schrecktränen für wenige Sekunden. Bis auf meinen Scheisse-Ruf waren meine Reaktionen ausgesprochen moderat, beim letzten Orgasmus habe ich mehr Adrenalin verheizt. Wieso habe ich so lange gebraucht, um zu realisieren, was für eine unfassbare Teilnahmslosigkeit und Eigennützigkeit dieser Neanderthaler an den Tag legte, als er mit dieser frechen Lüge an uns herantrat? Weil ich es gewohnt bin, mich in Extremsituationen automatisch runterzuregulieren? Ich hätte aussteigen und ihn in Grund und Boden brüllen sollen, und es ärgert mich nachträglich bitter, dass ihm das auch später erspart geblieben ist - auch dann, als er auf Zeugenfang ging und für seine dreckige kleine Lügenversion warb (und sich eine Absage nach der anderen einholte).

Much more: Was wäre geschehen, wenn die Spuren des Gegenverkehrs nicht auf fast hundert Meter Länge leer gewesen wären? Ob frouwe nach links ausgewichen wäre oder nicht - der Aufprall hätte in jedem Fall genügt, uns auf die Gegenfahrbahn zu schleudern. Was wäre gewesen, wenn ein rüstiger Sattelschlepper des Weges gekommen wäre? Ein unentwirrbarer Matsch aus Blech und Blut. Haben mich diese Bilder deshalb noch tagelang beschäftigt - ganz ohne mein Zutun - weil ich mich im Moment des Geschehens restlos betäubte?

Keine Ahnung, wie ich diesen Mechanismus jemals wieder loswerden soll.