Traum 30


Um 3:24 Uhr, etwa eine Woche vorm Zweijährigen.

Ich befand mich an einer senkrecht abfallenden Felswand, die rings um ein Tal verlief. Im Tal floss ein breiter Strom, die Uferböschung war auf beiden Seiten von mannshohen Büschen und jungen Bäumen durchzogen; die Fluten liefen ruhig und klar in gleichbleibender Breite und Tiefe. Bei mir war meine kleine Schwester.

In die Felswand hineingeschlagen waren trottoirbreite, ungesicherte Wege, auf denen Menschen wandelten; allein, in Paaren oder Gruppen, es waren Familien, Verliebte und Einzelgänger, Alte und Junge beiderlei Geschlechts. Sie alle überblickten wie ein Ausflugsziel das Tal und seine Schönheit, blieben stehen, blinzelten in die Sonne, hielten die flache Hand über ihre Augen und unterhielten sich.







Ein Mann mit kurzem, schwarzem Kraushaar und vogelartig verkrümmten Beinen war unter ihnen: Es war der Tod, die Nase kurz und knochig, die lederartigen Wangen eingefallen, das Kinn lang und kantig, der Unterkiefer wie eine Baggerschaufel, die Augen nur winzige schwarze Punkte, die im Halblicht der tiefen Augenhöhlen linkisch hin- und herhuschten. Er mischte sich unter die Menschen, begleitete sie unauffällig ein Stück des Wegs und stiess von Zeit zu Zeit einen in die Tiefe, wenn dessen Blick sich gerade in der Ferne verlor. Meine Schwester und ich mieden ihn und suchten Sicherheit in größeren Gruppen; es schien, als hätten nur wir seine böse Absicht durchschaut, und wir waren stets auf der Flucht vor ihm, hielten es aber wohl für aussichtslos, die anderen vor ihm zu warnen.


Ich blickte auf die andere Seite des Tals, wo von den Wegen aus menschengemachte Höhlen in den Fels hineinführten. In den Eingängen dieser Höhlen lagen Steinhaufen, und Kinder rutschten diese Haufen hinunter. Ein Greis mit einem Schifferklavier saß wenige Meter vor mir auf einem Holzbalken, neben ihm ein Junge und ein Mädchen; er spielte Weisen und sang dazu, und die Menschen in der Nähe setzten sich zu ihm und sangen mit (im Traum kannte ich das Lied). Wir gesellten uns dazu, und ich verlor mich an die Musik.








Plötzlich stand nur wenige Meter vor mir der Tod, und während seine Augen leblos und unbeweglich auf mich gerichtet waren, deutete sein linker Arm auf einen weit entfernten Punkt im Tal: Gerade noch sah ich, wie meine Mutter schwerfällig und apathisch, besinnungslos vor drückendem Schmerz, in der Böschung verschwand und sich mit schlafwandlerischem Schritt dem Wasser näherte.

Ich sprang auf und stürmte ins Tal hinab, nicht enden wollende Serpentinenwege entlang und mächtige Treppenstufen hinunter, die sich während dem Laufen ins Kolossale weiteten und bis zu 10 Meter hohe Kanten annahmen - ich nahm gleich mehrere auf einmal - , stammelte im Laufen panisch vor mich hin, "nein, Nein, NEIN", als ich am Fuße der Felswand angekommen das Ufer leer erblickte, spurtete durch die Böschung und sprang kopfüber in den Fluss.







Algen, Tang und Schwebeteilchen verdeckten die Sicht. Ich tauchte, schnappte Luft und tauchte wieder, versuchte systematisch zu suchen, betäubt von der Angst, die Zeit, die nötig sei um zu ertrinken, sei bereits überschritten; mehrfach meinte ich im Halbdunkel zwei Beine zu erkennen, wo Dreck und Tang sich verdichteten, schlang meine Arme darum und griff ins Leere.

Als ich auftauchte, schwamm an der Oberfläche eine Flaschenpost.

Hier aufgewacht.



***



Obwohl derartige Träume nur noch halbjährlich auftreten - vorzüglich zu bestimmten Anlässen wie dem Jahrestag - und der Gedanke an die Nacht, in der sie starb, sofern oberflächlich gestreift, kaum noch unangenehm affiziert, habe ich mich immer noch im Verdacht, einer von denen zu sein, die ihre Wunden nicht heilen lassen wollen; vielleicht, weil die Rolle des leidenden Zurückgelassenen auf ein lange vorher schon angelegtes Selbstverständnis als unbemerkt ungerecht Leidender traf und diesem den äußeren Anlass verschaffte, sich endlich zu extrovertieren. Dabei extrovertiere ich mich gar nicht, ganz im Gegenteil - ich spreche, wenn überhaupt, dann nur mit Pold, Lester oder meinem Vater darüber, und falls Dritte das Thema ansprechen, kostet es mich wahrlich keine Selbstüberwindung, entspannt über den Tod meiner Mutter und ihr trauriges Leben zu sprechen, ganz ohne jegliches demonstrativ verkniffenes Heldenleiden, das geneigt wäre, mein Gegenüber heimlich zu mehr Mitleid und Nachsicht zu bewegen und bloß nicht meine Deutungshoheit über meine Gefühlchen und mein Gejammer anzugreifen.
(Menschen, die in der Opferrolle aufgehen, kotzen mich an. Es gibt keine fatalere Reaktion des sozialen Umfelds als die, jemanden langfristig in seiner Opferrolle zu bestärken, man kann damit jede Entwicklung zum Guten auf Jahrzehnte, sogar über die Dauer eines ganzen Menschenlebens, behindern. Das sind im Speziellen diese Arschgeigen, die sich als Beschützer von Opfern verschiedenster Traumata und Verluste aufspielen. Es muss erlaubt sein, eine schmerzvolle Erfahrung hinreichend durch Trauer zu verarbeiten; und es muss erlaubt sein, Menschen von dieser Trauer wieder wegzuführen, zurück auf einen lebensbejahenden Kurs, und es muss auch von ihnen gefordert werden, selbst auf diesen Kurs zurückzufinden. Warum? Weil es keine Kontinuität positiver Entwicklung gibt, wenn die Gründe dafür dem Betroffenen nicht transparent sind. Und transparent ist ihm nur, was er aus eigener Anstrengung gesponnen und durchdacht hat, nicht aber, was tausend Zünglein eifriger Selbsthilfehelfer ihm ins Ohr flüstern, die ihm Bequemlichkeit, Fürsprache und Zuneigung genau solange verschaffen, wie er darnieder liegt.)

Was bleiben wird, ist jenes: Als ich und meine kleine Schwester Kinder waren, sagen wir: Anfang der achtziger Jahre, befand meine Mutter sich am Beginn einer über zehn Jahre dauernden Phase schwerer seelischer Instabilität, und weite Teile unseres Kinderdaseins konzentrierten sich darauf, sie zu stützen - "to comfort her" ist mein bevorzugter Ausdruck - und den nächsten Zusammenbruch vorauszusehen bzw. zu verhindern; der dabei stattfindende Rollentausch tat sein Übriges, wir übernahmen Verantwortung für sie, nicht umgekehrt. Was wir tun konnten, war, ihr Leiden zu lindern, was wir nie geschafft haben, war, sie zu heilen, und womöglich, das glaube ich jedenfalls, hat uns das nachhaltig gefickt. Als sie viele Jahre später Krebs bekam - wir alle waren seit vielen Jahren schon ausgeflogen - waren wieder Lester und ich am Start, um sie zu pflegen, und sie litt schlimmer als je zuvor, und wir konnten sie wieder nicht retten; daher das ganze Gezeter mit den Träumen und so. Nehme ich an.

Ich rücke jedenfalls nicht davon ab; erfolgreiches Trauern heißt: gezielte Desensibilisierung (d.h. Abstumpfung: Einen schmerzhaften Gedanken so oft zu durchdenken, bis er nicht mehr wehtut) und Verbannung bestimmter Gedanken, sprich Verdrängung, Ablenkung - mit dem Resultat, einfach nicht mehr so oft an das Traurige denken zu müssen: das ist die eigentliche Bewältigung. Am Tod eines geliebten Menschens gibt es nichts zu überwinden: Es bleibt ein irreparabler Verlust, eine schreiende Ungerechtigkeit (denn der Tod greift gleichermaßen nach den Guten wie den Bösen), ein Schlag ins Gesicht aller Zuversicht und guten Hoffnung, deren Prämissen man immer still und heimlich vorausgesetzt hat. Whatever, das Leben ist trotzdem - oder völlig abgesehen davon? - schön. Das Leben ist schön.