Nahezu jede Frau - das im Folgende zu benennende Phänomen ist nicht auf ein Geschlecht festgelegt, Frauen seien hier nur beispielhaft verstanden, weil sie in mir in besonderem Maße Erwartungshaltungen und Sehnsüchte auslösen - ist genau so lange aufregend, solang ich sie nicht anspreche und näher kennenlerne. Die Beobachtung reiner Äußerlichkeiten wie Schönheit, Bewegung und Körperspannung lässt die verlockendsten Schlüsse auf das Innere der Gestalt zu, ruft bislang übermenschliche Vorstellungen ins Leben; und nur wenige dumme Worte aus einem aufregenden Mund können diese in Sekunden verpuffen lassen.   Wenn dir daran liegt, jemanden auf ewig zu überhöhen und hochzuhalten - und es gibt durchaus intrinsische Gründe, so etwas zu tun - dann halte dich von ihm fern.


Es gibt in meinem Kopf noch immer zwei, drei Personen, die ich beinahe völlig idealisiere; zwei männliche, deren Bekanntschaft in eine frühkindliche Phase fiel, in der ich aus Gründen vorübergehender Vaterentbehrung mächtig auf der Suche nach Identitätsvorlagen war. Nehme ich an. Wer kann schon behaupten, Ursprung und Ziel dieser Vorgänge aus der Rückschau begriffen zu haben; und eine Frau, deren herausragendes Merkmal neben ihrer Klugheit und Schönheit - sie war vorher oder wurde mein Archetyp - der Umstand war, daß sie über Musik, meine Musik, an mich herantrat und in mir die fromme Verheißung weckte, mich über dieselbe jemandem nähern zu können.

Was ansonsten zwei der drei Fälle anbelangt:

Ihr Ideal ist bis heute unwiderlegt, und mein Verhältnis zu ihnen sehr ambivalent. Zum Einen erfüllt mich der Gedanke an ihre Ausstrahlung mit Ehrfurcht und Schwärmerei. Sie sind, wenn auch nur in einer durch Sehnsucht, Phantasie und Nostalgie völlig verfälschten Rückschau auf frühere Jahre, lebendige Zeugnisse einer Größe, der ich mich selbst nähern möchte, so weit ich zurückdenken kann, und ohne sie - als eine Art lebendigen Beweises der Möglichkeit, so zu werden - verlöre ich jede Hoffnung darauf, jene vermeintlichen Anteile von mir, die ich in ihnen verkörpert anzutreffen glaube, am Leben erhalten zu können.     Ich brauche das, denn ich fühle mich umgeben von schwachen Menschen. Unsouverän, fremdbestimmt, von hierarchischen Instinkten geleitet, empathieunfähig und fehlbar; schwach in ihrer Fähigkeit, sich selbst zu entlarven, schwach in ihrer moralischen Integrität, schwach, sich ihren Weg durch das Leben zu bahnen und die Rücksichtslosigkeit ihrer Mitmenschen angemessen auszutarieren, unfähig, zwischen ihrer geistigen Welt und ihren seelischen Vorgängen zu differenzieren. Die, die ich liebe, liebe ich vielenteils wegen ihrer Schwächen - vor allem denen, in welchen sie mir gleichen - , aber sie sind keine Ideale im relevanten Sinne. In puncto Selbstentlarvung kenne ich niemanden, der sich nicht zu gewissen Teilen selbst bescheisst oder zumindest unfähig ist, die treibenden Kräfte hinter seinem Handeln auszumachen; in puncto moralische Integrität ist vielleicht - Herbert Wehner? - stehengeblieben. Den ich ja gar nicht kenne. Und er litt unter schweren Schuldgefühlen, was seinen Idealstatus schwächt, nicht aber die Aufrichtigkeit seiner Härte gegen sich selbst.






Hier ist ein unwiderlegbares Ideal. Anhören, dann nochmal, Pause machen und nochmal hören. Morgen wieder zweimal anhören, dazwischen Pause machen. Es ist kein extrem anspruchsvolles musikalisches Gebilde, aber man erschließt sich die Schönheit eines Stücks dadurch, daß man es auswendig lernt; man muss es im Kopf von Anfang bis Ende durchsingen können; nur wer die Abfolge der Akkorde vorhersagen kann, kennt ihre Beziehungen untereinander - und kann in erfüllten Erwartungshaltungen schwelgen. Er ist bezaubernd schön, mein gegenwärtiger Ohrwurm, und wer ihn sich erschließt, dessen Leben wird dadurch bereichert - I promise. As far as I am concerned, it's all about a landscape like this, and the feelings you have while being there.





Zum Anderen schrecken und treiben sie mich, aus zwei möglichen, sich einander ausschließenden Ausgängen, die eine Begegnung mit sich bringen könnte:

1. Wiederkehrende Erfahrung zeigte, daß sich ausnahmslos jede/r, die/den ich zuvor idealisierte, nach nur kurzem näherem Hinsehen als schwaches Wesen entpuppt. In der Regel genügen ein, zwei Minuten Konversation, bis ich eine Schwäche, einen Selbstbetrug, eine fatale Ignoranz, Abstrusität, Langweiligkeit, intellektuelle Verödung oder emotionale Sprödigkeit, kurz, irgendein ein Defizit feststelle, das mich enttäuscht und mein Interesse abtötet, so daß ich dankbar und froh bin, schnell wieder zu enteilen. Und welchen Grund hätte ich zur Annahme, daß es sich bei besagten zwei Personen anders verhalten sollte? Ihnen durch Zufall zu begegnen wäre mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit das Ende des von ihnen verkörperten Ideals. Aber ich brauche dieses Ideal. Es ist mein mit eitler Hingabe gepflegter Nimbus eines besseren Ichs, und etwas flüstert mir zu: Es müsse auf der Welt Andere geben, die dieses Ich verstehen und mit mir teilen, weil sie gleich sind - sonst lohne es gar nicht, an ihm noch festzuhalten.

2. Sie zeigen mir meine Schwäche, meine Gebrechen, meinen schier unüberwindbaren Rückstand auf; der Abgrund zwischen meinem Wunschbild und meinem wahren Ich (er ist mir bekannt; aber ist eine Sache, um ihn zu wissen, und eine andere, ihn zu spüren) wird mir im Angesicht ihres Lichts - ihrer Souveränität, ihrer heiteren Unbeschwertheit, ihrer scheinbar mühelosen Gewandtheit in allen Belangen des Lebens - mit einem Schlag eröffnet. Ich bin auf derartige Erfahrungen (sie haben in bedingter Form schon stattgefunden) nicht scharf. Sie sind nicht motivierend, sich zu verbessern, sondern niederschmetternd.




Es sind nur noch die zwei, denn einen der ehemals drei - er weiß nicht und wußte nie, was er mir bedeutet - habe ich viele Jahre (25?) später wiedergetroffen. Morgens, beim Brötchenkauf, ein zweiminütiges Gespräch entfaltete sich, wir hatten es beide eilig, es gab wenig Zeit, ihn zu durchleuchten, aber es verbot sich von selbst: Zwischen der Aura, die ich über Jahre hinweg aus der Erinnerung reproduzierte und in sein Bildnis investierte, und dem Ereignis, ihn in Fleisch und Blut zu erleben und anzusprechen, ergab sich kein Widerspruch. Er hat das Ideal bestätigt. Ich bin weit davon entfernt, ihm jemals mitzuteilen, durch wie viele meiner Träume und Träumereien er in all den Jahren geisterte und mir Sehnsüchte bestimmte, ihm gleich zu werden. Aber sein Fall ist einzigartig, es wird nie wieder passieren.

Es scheint mir also durchaus nicht unklug, den anderen beiden weiterhin zu begegnen wie Detlef Spinnell den Frauen: Sie aus der Sicherheit der Ferne phantastisch zu verklären und anzuhimmeln, ohne ihnen jemals in ihre klaren Sternenaugen sehen zu müssen. Solange sie nicht wissen, was sie mir bedeuten und wie erheblich ihr Potential ist, mich zu verletzen, brennt mir nichts an. Ich halte mich redlich fern von den Sphären, innerhalb derer sie sich bewegen, will sie nicht sehen und nicht wissen, denn schon das Eintippen eines Namens in das Feld einer Suchmaschine bringt sanfte Adrenalinstöße hervor und lässt Hände zittern.