Dienstag, 9. August 2011
nihil nisi bonum



Mit der Trauer war das so: (1) Erst die grobe Keule, so 2-3 Tage, (2) dann 2 Wochen tiefes Niedergedrücktsein, (3) dann allmähliches Versickern bei scheinbarer Rekonvaleszenz. Ich beobachtete mich unablässig und prüfte, ob die Abläufe normalem Trauerverhalten in so einem Fall - dem Tod eines geliebten Menschen - entsprächen.

Natürlich habe ich gar keine Ahnung, was normales Trauern ist, folglich keinen Ausgangspunkt für diese Untersuchung, eigentlich suchte ich auch nicht wirklich nach Erkenntnis über die wahre Natur des Trauerns, sondern wollte mich nur vergewissern, daß ICH normal trauere - und wann ein Ende absehbar sein wird, ein höchst egoistisches Unterfangen also. Jetzt beginnt nämlich allmählich (4), bedächtige Auseinandersetzung im Hintergrund; sie drückt sanft, leise und gleichmäßig, mit wenig Spitzen oder Tiefen, und setzt kaum aus.

Man kann nicht sagen, daß wir keine Zeit hatten, Vorarbeit zu leisten. Es war seit April 2010 bekannt, es gab genug Gelegenheit, uns zu verabschieden. Und wir, zumindest meine kleine Schwester und ich, waren ja unentwegt zugegen, als sie immer weniger wurde und irgendwann nur noch aus Schmerz und dem Wunsch bestand, endlich gehen zu dürfen. Kein Autounfall, kein plötzlicher Herztod im Schlaf, keine sich rasch und unkontrolliert ausbreitende Infektionskrankheit - ein ganzes Jahr körperlichen Verfalls und unsäglicher Seelenqualen im Bewusstsein des sich nähernden Abschieds von der Welt. Man darf also festhalten: die Trauer begann nicht mit dem Ende ihres Lebens.






Aber ich verballhornte mich völlig. Während Schwester schier zerbrach an dem, was sie täglich miterlebte, habe ich komplett dichtgemacht. Wohlgemerkt: Das war keine bewusste Anstrengung, keine aus eigener Kraft aufgebrachte Überwindung - keine Leistung, sondern ein selbsttätiger Mechanismus, ein instinktiver Seelenkrampf; jedenfalls soweit es mir zugänglich war. Ich habe dichtgemacht, als sie mit mir auf den Friedhof ging, um sich einen Grabstein auszusuchen; als sie sich entschloss, nicht mehr Auto zu fahren; als wir den letzten Spaziergang machten, noch einmal bis zur alten Eiche und zurück; als sie die Treppe nicht mehr alleine schaffte, als sie sich nicht mehr alleine waschen, nicht mehr alleine an- und ausziehen konnte; als sie alles nur noch auskotzte und selbst von einem Löffel dünner Brühe minutenlang würgte und versuchte, den sinnlosen Brechreiz abzuschütteln; als der Tropf kam und Nahrung, Wasser und Medikamente (selbst die kamen auf herkömmlichem Wege direkt wieder raus) in einer nach Magensäure stinkenden Flüssigkeit vermengt wurden, die ihr tröpfchenweise in den Port über ihrem Herz lief. Ich ließ meine Augen auf sie gerichtet, wenn ich sah, wie sie den ganzen Tag nur noch auf dem Sofa oder auf dem Sessel lag, immer in ihre Lieblingsdecke gehüllt, weil sie wegen der niedrigen Kalorienzahl permanent fror (wir heizten den Ofen wie blöde), und sich unruhig hin und her wand, wenn die Schmerzen ihren Bauch und ihre Glieder durchwühlten: als alle Parolen und Aufmunterungen obsolet wurden, als es immer lächerlicher und verleugnerisch wurde, sie mit der Aussicht auf bleibende Besserung zu beruhigen. Ich hielt an mich, wenn ich sah, wie tapfer sie ihre Schmerzen verbiss - und wie ängstlich sie sich dem Morphin verweigerte, weil sie wußte, daß es den letzten Abschnitt einläutete; bis wir, ihre eigenen Kinder, an sie herantraten und auf sie einredeten, das Scheißzeug endlich zu nehmen - mit anderen Worten, ihr nahelegten, endlich den letzten Gang anzutreten. Und wenn die Angst sie überfiel und sie weinte, sie wolle nicht sterben, sie ertrage das Abschiednehmen nicht mehr, und tags darauf wieder einwilligte in den Tod, wenn nur die Schmerzen damit endlich verschwänden, war das irgendwie gangbar für mich. Aber das war kein Heldentum, es geschah fast von selbst. Erst als sie tot war, glaubte ich zu verstehen, warum ich die ganze Zeit in einer Art emotionaler Stasis verharrte: weil die Hilflosigkeit, sie leiden zu sehen und nicht heilen zu können, unerträglich war; weil ich sonst zusammengeklappt wäre, und meine kleine Schwester hätte es nicht ausgehalten und meinen Teil nicht übernehmen können.



Nur am Abend der letzten Nacht, als das Ende absehbar war, löste sich die Starre. Frage also: habe ich in der Zeit davor getrauert? Abgespaltet wie ein Blöder, sonst gar nichts. Ich erlebte das Phänomen, neben sich zu stehen, in sprichwörtlicher, fast visualisierter Weise. Kannte ich soweit nur aus Situationen extremer Wut, für die es keinen Platz gab (etwa auf der Arbeit) - das ist zweimal in meinem ganzen Leben passiert. Aber hier stand ich monatelang neben mir und spürte mich fast überhaupt nicht mehr. Genau das heisst neben sich stehen: sich überhaupt nicht mehr zu spüren. Jedenfalls hat es praktische Vorteile, qed! Und als an einem sonnigen Morgen der Todeszeitpunkt auf 9.35 Uhr festgelegt wurde, nach der beschissensten Nacht meines Lebens - worüber war ich da unglücklich, über sie oder mich? Ich bin mir ziemlich sicher, daß sich (1) wirklich nur um sie drehte. Ich tat mir nicht leid, es war ihr Leid, das mich überwältigte, und an diesem Morgen war die Zeit gekommen, dem stattzugeben: ihr sinnloser Schmerz, die Art des Todes, den sie sterben musste - die ganze tollwütig-blinde, unkritische Ungerechtigkeit, mit der ein Mensch vom Zufall selektiert wird, einen grausamen Tod zu sterben, gleichgültig, ob er ein fürsorgliches, wohlwollendes Wesen besaß oder ein seelisch amputierter, selbstsüchtiger Scheißhaufen war.






Wie sieht Trauer aus, was ist sie? Verarbeitung von Leid. Worin besteht die Verarbeitung von Leid? Wer weiß das schon - sicher ist nur, daß das Leid durch die Trauer irgendwann, in einem unbestimmten "Danach", auf ein erträgliches Maß herabschrumpft; erträglich bedeutet wohl, daß dieses Maß an Leid nicht mehr hinreicht, einen Menschen aus dem Gleichgewicht zu werfen. Aber wodurch geschieht das? - Soweit es mich betrifft, bedeutet es: sich bedrückenden Erinnerungen, wann immer man von ihnen heimgesucht wird, nicht zu verwehren und sie so lange wieder zu durchleben, bis sie nicht mehr wehtun. Aber das ist nichts weiter als Desensibilisierung; wenn nicht gerade absichtlich herbeigeführte, so doch zugelassene Abstumpfung, nichts weiter.

Wenn Trauer darin besteht, schmerzhafte Erinnerungen zu rationalisieren, habe ich noch nicht mal damit angefangen. Mir kommt es grundsätzlich beknackt vor, eine Erinnerung dadurch zu bewältigen, daß man sie auf eine bestimmte Weise kontextualisiert - beurteilt, einschätzt, bewertet, in Relationen unterbringt oder ihr wohlklingende Begriffsnachbarn zugesellt, sich eine andere "Perspektive" verschafft - diese Einschätzung hat doch in ihrer wahrhaftigsten und essentiellsten Form längst stattgefunden: es ist das Schmerzhafte an der Erinnerung, das sie ausmacht, diese subjektive Qualität ist doch das Primat, aus dem sich alle Relevanz und Bedeutung überhaupt erst ableitet. Beispiel: "Sie hat ein schweres Leben gehabt, aber jetzt ist ihr Leiden vorbei. Für sie gibt es keinen Schmerz mehr." - Jajajaja, das sind alles (kausal und logisch unzusammenhängende) Einzelwahrheiten, aber was ändert das an ihrem Leid? Nur weil es sich logisch nicht widerspricht, bildet es noch keinen Erkenntniszusammenhang, und schon gar keine seelische Abhilfe. Oder: "Das Leben ist nicht fair, es trifft gute wie schlechte Seelen gleichermaßen." Zweifellos! Und was ändert das daran, daß sie leiden musste, daß sie ein unsägliches Grauen durchmachte, um zur Leidensfreiheit zu gelangen?
- Alles Nonsense. Gutgemeint und verführerisch naheliegend, aber nicht hilfreich dabei, die Realität ihrer unsäglichen Schmerzen und die Ungerechtigkeit ihres Lebens zu lindern. "Gott hat sie heimgeholt." - Wollen wir damit wirklich anfangen? Frommer Wunsch, erkenntnisleitendes Interesse. Wir haben keine Ahnung, wo und was sie jetzt ist, so einfach ist das. "Das Leben muss weitergehen." - Keine Frage. Ändert aber nichts an ihrem Leid. - "Wenigstens war sie bis zuletzt von den Menschen umgeben, die sie lieben und an dem Ort, an dem sie sich wohlfühlte." Sollte ich mich daran erbauen, daß ihr Abgang noch beschissener hätte laufen können? Relativierungen, alles nutzlos.






Nevertheless, vielleicht ist das tatsächlich Trauer und ich bin einfach nur ein faules Schwein, das sich besser darin gefällt, sein Selbstmitleid darin zu verkleiden, daß es gralshüterisch auf ewig das Leid eines Verstorbenen hochhält wie eine heilige Monstranz und gegen jeden Versuch, seine absolute Stellung durch Relativierung anzufechten, hysterisch verteidigt. - Wenn dem so ist, dann wäre das seltsam, denn es ist überhaupt keine soziale Haltung, unendlich ist mir ihr Leid nur vor mir selbst, ich habe es niemandem gegenüber zu verteidigen (und teile mich eh niemand darin mit). Für mich steht schlicht nicht der Tod im Vordergrund, sondern die ultimate Unfreiwilligkeit, mit der ein Mensch, der weiß, daß er sterben wird, nicht aber, was ihn erwarten wird, wenn er bald sein ganzes Sein der endlosen Leere des Nichts überantworten muss, genötigt wird, das Unausweichliche zu akzeptieren: der, um einen letzten Kern an Daseinsmotivation und Kontrollgefühl in seiner verbleibenden Zeit aufrechtzuerhalten, genötigt ist, sich zur Einsicht zu bewegen, daß in seiner Lage richtig und das kleinere Übel sei, was ihn mit Grauen erfüllt - sich diesen Fortgang als selbst gewählt begreiflich zu machen, als selbst dirigierten Akt, um in der verbleibenden Zeit nicht an seinem Schicksal zu zerbrechen. Was für ein unfassbares seelisches Verbrechen! Den Tod als bessere Alternative zum Leben begrüßen, um im Leben nicht wahnsinnig vor Schmerz und Angst zu werden? Leider war sie nicht religiös.

Gehen wollte sie erst ganz zum Schluß, als die Schmerzen unerträglich wurden, nicht vorher, und auch da, glaube ich, wollte sie nicht sterben, sondern frei sein von Schmerz. Jedenfalls hat sie die Entscheidung ausgespart, bis sie dazu gezwungen wurde - sie dann aber bedingungslos getragen. Was mich tatsächlich erbaut, was ihren Tod weniger schrecklich aussehen lässt, ist die Tapferkeit, mit der sie gegangen ist - kühnste Selbstüberwindung und Entschlossenheit, vollendet übermenschlich, olympisch-unüberhöhbar, ein Eindruck für den Rest der Zeit.

Die Kehrseite für die Hinterbliebenen liegt begründet in der Bürde, jemanden zu lieben. Die einzig treffende Definition lautet: Lieben heisst, sich jemandes körperliches und viel mehr noch sein seelisches Heil zu wünschen, als etwas, das um seiner selbst willen einen irreduziblen Wert besitzt und deshalb unbedingt förderns- und beschützenswert ist; sprich, sich für jemand verantwortlich zu fühlen - und durch die Erfüllung dieser Verantwortung selbst glücklich zu werden (an alle, die in solchen Beschreibungen schnell den Kern idealistischer Naivität ausgemacht zu haben glauben und freudig die Gelegenheit aufgreifen, mit müdem Lächeln demonstrativ nachsichtige Stoßseufzer von sich zu geben: Leckt Euch den Arsch feyn recht schön sauber, Ihr zynischen Affen - es ist viel schwieriger, die eigene Liebe zu anderen Menschen vorbehaltlos auf den Prüfstand von Altruismus und Egoismus zu stellen, als den eigennützigen status quo kurzerhand dadurch zu legitimieren, daß man die Definition von Liebe ändert - dergestalt, daß es durchaus natürlich (evolutionär begründbar!) und erlaubt, sogar dringend geboten sei, in der Liebe auch (es ist auffällig viel von diesem "auch" die Rede) auf sich selbst zu sehen und die Kontinuität der Reziprozitätsnorm als ihre maßgebliche Bedingung zu stellen; wobei alles, was in Richtung Selbstvergessenheit tendiert, unrealistischer Schwärmerei zuzurechnen sei. Aber Liebe beginnt langsam und zaghaft dort zu pulsieren, wo eine Bedingung nach der anderen zu ihren Gunsten aufgehoben wird - in jedem Falle gilt: wenn wir diesen Anteil wegnähmen, bliebe nur Aufrechnerei und Selbstspiegelung. Und ungesund wird Selbstaufgabe erst dort, wo Selbstverzehrnis beginnt. Und nein: es spielt durchaus keine Rolle, ob wir dabei von der Liebe zu Familienmitgliedern, eigenen Kindern oder der geschlechtlichen Liebe sprechen).






Entsprechend bitter ist die Erfahrung, in dieser unbedingten, selbst auferlegten Pflicht aus Freiheit zu scheitern, weil eine überlegene kausale Unbedingtheit, der Tod, einem den geliebten Menschen raubt. Wenn jemand daraus die Konsequenz zöge, zu sagen: 'Ich will nicht lieben, denn meine Furcht, meine Liebe an den Tod zu verlieren und für den Rest meines Lebens gezeichnet zu sein, ist übergroß', dann fände ich das nachvollziehbar. Denn jemanden zu lieben und zu wissen (man muss eben nicht Vater/Mutter werden, um das nachvollziehen zu können), daß dieser Mensch einem jederzeit wegsterben kann, macht das Leben nicht schöner. Und das Gefühl, den Tod nicht verhindert und das Leid des Sterbenden nicht gelindert haben zu können, verfolgt einen unter Umständen für lange Zeit.


Und daran gibt es nichts zu betrauern im Sinne einer "Bewältigung", denn das Leid des Sterbenden und die Hilflosigkeit der Lebenden sind nackte, harte Tatsachen, sie sind geschehen und nicht rückgängig zu machen. Daran gibt es nichts gedanklich abzuändern oder durch künstliche Relativierungen und andere Kopfgeburten abzumildern, das bleibt auf ewig so, man kann sich lediglich dagegen abstumpfen. Worin soll Trauer bestehen? Trauer ist mir genauso suspekt wie "Stark sein". Viel pragmatischer und naheliegender in diesem Zusammenhang sind Abstumpfung, Verdrängung, Ablenkung und Flucht. Aber so will sich keiner verstanden wissen, auch wenn er eigentlich überhaupt keine Ahnung hat, worin seine Trauer besteht.

Mein Vater hat einen anderen Trick: nur circa zwei Wochen nach ihrem Tod erzählte er mir, wenn es ihn sehr bedrücke, denke er an ihre schlechten, schwierigen Eigenschaften und damit verbundene, unangenehme Erlebnisse. Ich empörte mich reflexartig, was sonst. Erst Tage später dachte ich, das sei höchst praktisch und durchaus angemessen.


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Dienstag, 10. Mai 2011
Traum 28 & 29


In der Schule, in der meine Mutter die meiste Zeit ihres Beruf lehrte, fand eine große Feier statt: eine andächtige Zeremonie, Leute ergingen sich in langen Reden, während alle anderen in würdevoller Atmosphäre schwiegen, sich von Zeit zu Zeit gegenseitig ansahen und verstehend nickten. Den Anlaß der Feierlichkeit kannte ich nicht. Es war bereits Abend, die langen Flurwände und Winkel von Lichtkegeln einsamer Lampen erhellt.









Eine Videobotschaft wurde großflächig an einer Wand ausgestrahlt: von meinen drei Geschwistern, jedes trat einzeln hervor und sprach seine Worte, was, weiß ich nicht mehr - aber ich war der Adressat; und ich wurde gefeiert, wofür, weiß ich auch nicht.

Eine Frau im Zweireiher trat hervor, Typ verheiratete Beamtin in den besten Jahren, in ihren Händen trug sie einen Schlüssel: der Schlüssel zum Raum mit dem Flügel im ersten Stock. Er war für mich: von nun an durfte ich, so oft ich wollte, kommen und daran spielen. Die Leute applaudierten, als sie mir den Schlüssel lächelnd überreichte; ich glaube, ich saß dabei auf einer Art Sitzkissen auf dem Boden und grinste ratlos blöde in die Gegend. Nun trat auch der alte Hausmeister hervor und überreichte mir seinerseits einen Schlüssel: der Schlüssel zum ganzen Gebäude, er passte auch zum Musikzimmer im Erdgeschoss, wo ein weiterer Flügel stand.

Nachdem ich beide erhalten hatte, verebbte der Applaus. Ich freute mich über alle Maßen und bemerkte nicht, wie die Menschen langsam alle gingen und die Lichter eins ums andere erloschen.









Als ich mich wieder fasste und mich umsah, waren alle gegangen, um mich herum völlige Dunkelheit. Nur eine Straßenlaterne leuchtete von fern durch die Fensterfront der Eingangshalle und ließ grobe Konturen im Raum erkennen. Ich trat näher an das Glas heran und sah auf dem Parkplatz der Schule unseren Border Collie stehen, mir zugewandt; ich öffnete die Türe und ließ das Tier herein. Als ich mich umdrehte, war der Raum vor mir eine einzige leere, dunkle Turnhalle, so finster, daß man gerade noch die Hand vor Augen sehen konnte.

Eine große, weiche Schaumstoffmatte, wie man sie beim Trampolinspringen benutzt, lag darin. Und wir sprangen wie toll darauf rum, nahmen Anlauf, hüpften meterhoch in die Luft und ließen uns blindlings hineinfallen, ich wühlte und tobte darin, machte Rückwärtssaltos und Flick Flacks. Der Spaß, den ich dabei empfand, war ausgehungert, verbissen, halsstarrig und einsam.









***














Ich stand auf einem verkarsteten Berggipfel mit einem weiteren Lehrling und dem alten Weisen - ein kleiner, dürrer, kahlschädeliger Mann mit langem grauen Spitzbart und schäbigen Kleidern. Er sprach schnelle und knappe Sätze in einer klaren, seinem Alter fast unangemessen hellen Stimme, und alles, was er befahl, klang wie die Ankündigung eines unausweichlichen Naturereignisses.

Er ordnete mir an: "Du wirst diesen Weg entlang gehen, bis zu der Stelle, die du da hinten siehst" und deutete mit dem Arm auf einen Weg, der in langgezogenen Kurven über viele Plateaus hinweg ins Tal führte. Für die Stelle, die er andeutete, hielt ich eine Anhöhe, hinter der der weitere Verlauf des Weges nicht mehr erkennbar war, weil es danach steiler bergab ging. Sein Befehl ging noch weiter, ich habe vergessen, wie er lautete, zuletzt fragte er mich: "Hast du verstanden, was dir aufgetragen ist?", und ich bejahte, obwohl ich mir unsicher war. Der andere Lehrling beäugte mich streng.

Ich rannte über den Kiesweg, mühelos und in gleichmäßig hoher Geschwindigkeit, ein angenehmes Gefühl teilweiser Schwerelosigkeit stellte sich ein. Auf beiden Seiten lag hügeliges Karstland, versprengte Felsbrocken, dazwischen vereinzelt vertrocknete Baumstümpfe; der Horizont über dem Tal stand in eintönigem, glanzlosem Silber, vielleicht waren es Regenvorhänge, und darüber wölbten sich in langen Bänken archaische Wolkengebilde; es fühlte sich an, als läge vor mir eine zeitlose Sphäre völligen Stillstands, ohne Morgen und Abend, Tag und Nacht, in der auf ewig blieb, was war.









Ich überholte eine junge Frau mit Kinderwagen, drehte mich dabei zu ihr um und fing ihr Lächeln ein. Etwa hundert Meter vor ihr hielt ich an, legte eine Handvoll kleiner Gegenstände - ich glaube Süßigkeiten, vielleicht Bonbons oder Schokoladeneier - auf einen flachen Felsen am linken Wegrand, als sei damit meine Aufgabe erfüllt. Die vom Weisen bezeichnete Stelle habe ich dabei sogar passiert. Dann machte ich kehrt, rannte der jungen Frau wieder entgegen und passierte sie, wieder den Berg hinauf.

Bald sah ich eine andere Frau vor mir, eine Athletin; ich wollte ihr imponieren, beschleunigte und überholte sie mühelos, während sie mich anfeuerte und meine Geschwindigkeit bestaunte. Bald war ich so schnell, daß ich über eine tiefe Kluft von zwanzig Metern Breite sprang; auf der anderen Seite führte ein weiterer Weg parallel zum ersten in die gleiche Richtung. So rannten wir gemeinsam nebeneinander her, getrennt durch einen steilen, v-förmigen Abgrund, bis der Abstand zwischen den beiden Seiten allmählich geringer wurde und die beiden Wege schliesslich vor einem Höhleneingang zueinander führten. Wir verringerten unsere Geschwindigkeit und betraten die Höhle, in der

das Schwimmbad* lag, verteilt über ein ganzes Labyrinth von Nebenhöhlen und Hallen.











* Welches immer für das Gleiche steht: Sexualität, Konkurrenz, den Drang, am Spaß der Anderen teilzunehmen - und eine Entgrenzung: unter Wasser atmen zu können, und dadurch schwerelos zu sein. Lustvoller im Traum ist nur noch das Gefühl der Liebe.



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Mittwoch, 27. April 2011

Putiput spielt:

Drei wunderbare Stücke aus einem Werk von sechs eines spanischen Komponisten des letzten und vorletzten Jahrhunderts. Eigentlich komponiert für Gitarre, und ein Flügel kann niemals eine Gitarre sein, aber who gives. Überwiegend gespielt nach Gehör, in jedem Stück mindestens ein Fehler, nicht aus technischer Schwäche, sondern wegen Verunsicherung durch Aufnahmesituation. Zweites und drittes sind die schönsten.




Preambulo:





Oliveiras:





Los Mayos:






Eigentlich kann ich alle drei schon sehr viel schöner spielen, und das Gerät steht noch nicht an der richtigen Stelle im Raum. Problem ist, immer wenn ich in den Raum und an den Flügel kann, habe ich ein begrenztes Zeitfenster, eigentlich darf ich da gar nicht rein, und wenn ich dann mal Gelegenheit habe, will ich sehr viel spielen. Und aufnehmen, ich habe nämlich jetzt eins von diesen abscheisslich sündhaft teuren, digitalen Aufnahmegeräten, so geil, daß ich jetzt wahnsinnig damit angeben müsste. Jedenfalls ist es gut, und trotzdem zu teuer. Und jedenfalls muss ich aus diesem Zeitdruck dann eben Aufnahmen mit Mängeln/Fehlern in Kauf nehmen.

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Samstag, 2. April 2011



Schmacht. Bei 0:11, als er nach Polites ruft, setzt das Liebesthema der Circe ein.

Was für eine Musik! Inmitten von Felsen aus Pulpe mit Pflanzen aus Plastik, irgendein alberner Sandalettenfilm der frühen 50er - aber er ist alles andere als ein lieblos abgewickelter B-Movie für die schnelle Kasse: so lächerlich die Kostümveranstaltung auch ist, der klägliche Versuch, antike Trachten (obendrein mythischer Figuren!) in einer den eigenen modischen Vorgaben entsprechenden Form wiederzugeben - im Vergleich zu heute ist es geradezu ein liebevoller Versuch, einem unbedarften Publikum die mystische Dimension eines vorneuzeitlichen Epos' nahezubringen. Was wäre die Differenz zu einer modernen post-2000-Verfilmung?

Naivität. Nicht nur im Publikum, sondern bei den Filmemachern selbst: ein Rest an Ungewissheit darüber, wie die eingesetzten Effekte auf den Zuschauer wirken. Absurde Schnitte zwischen Inselaufnahmen und dem Studiobild mit blauem Hintergrund! Gefärbtes Licht! Historisch schwer nachzuvollziehende Trachten, Dialoge, in die sich moderne Redewendungen mischen! Ein Kunstgriff sondergleichen, aber was solche Filme von modernen unterscheidet, in denen ein gewaltiges, wohlerprobtes Instrumentarium an gezielt eingesetzten, orchestriert aufeinander abgestimmten Effekten NICHTS, aber auch gar nichts dem Zufall überlässt, ist jener kleine Rest an Ungewissheit der Filmemacher, was ihr Werk beim Zuschauer auslöst - man kannte bereits viele Möglichkeiten, aber erprobte stets, tastete sich vor, es gab keine definitiv funktionierenden Rezepte wie heute. Und dieser kleine Rest an Ungewissheit, dieses Quäntchen an Unbestimmtheit, lediglich ein Mangel an Vorzeichnung, war und ist projektiver Platzhalter für eigene Verträumtheiten, vage Deutungen und eigene Gefühlsinvestitionen, die in heutigen Filmen nicht mehr zu finden ist (und es spielt dabei überhaupt keine Rolle, ob diese Naivität absichtlich oder dem Filmemacher überhaupt bewusst war).


Wie sorgfältig die Musik in liebevoller Kleinarbeit auf Situation und Dialoge abgestimmt ist:

- They're gone, Ulisses.
Liebesthema der Circe; ihre berauschende Schönheit, ihre magische Anziehungskraft, die in Opposition zu Odysseus' (eher lächerlicher, typisch für das Männerbild der Zeit) Standhaftigkeit und Skepsis stehen; im Zentrum der Musik aber liegt der süße Bann ihrer Verführungskräfte.

- Was it you who pulled the ship off the course?
Gegenstück zum Liebesthema: absteigende übermäßige Klänge, unheimlich, offen und fragend.
- I was lonely.
- What do you want with me?

- To load your ship with riches of all kinds. To give you a favourable wind to lead you home.
Circes Verheißungen; das Liebesthema wird wieder aufgegriffen. Aber als sie von ihrer Einsamkeit spricht...

- And each time I was left more lonely than before.
... bleibt das Thema stehen, ein offener, unsicherer Akkord:

- But ever since the winds first brought your name to me and echo repeated your deeds I've been waiting for your ship, Ulysses.
GEIL: Chromatische Aufwallungen in den Streichern, Tremolos, die aufsteigend in verschiedene Richtungen zerfahren, dort verenden und ihren Lauf an vorheriger Stelle wieder aufnehmen: Die Wirbel der Winde!, Circes Verbundenheit mit den Elementen, die ihr als Spione dienend Ereignisse zutragen, die weit entfernt vonstatten gehen; sie nähert sich Odysseus.

- And for the first time, echo and the winds have not lied.
Zuspitzung: die chromatischen Linien treiben auseinander, eine aufsteigend, eine absteigend, beide finden sich auf der Dur-Subdominantparallele in einem übermäßgen Dreiklang wieder, die Spannung ist auf dem Höhepunkt, eskaliert schließlich; sie küssen sich. Die Musik bemüht die Gefahr, in der sich Odysseus befindet: einer Zauberin zu verfallen.

Odysseus und Circe lösen sich langsam voneinander: Von oben fallen kleine Terzen in Halbtonschritten hinab (Flöten), von unten steigt ein Fagott in Halbtönen auf: sie stehen voreinander und sehen sich in die Augen, er entfremdet, sie fragend. Eine tragisch-sehnsüchtige Phrase setzt ein, Akkord: cis-g-h-e; das e wechselt nach f, das cis im Bass nach h; er lüftet ihren Schleier, Circe fragt beinahe mütterlich, mit einem Hauch von Spott auf ihrem Gesicht:

- What is it?
Und dann, wunderbar: ein Glockenspiel leitet sanft einen friedlichen Übergang in die Dominante ein, die sehnsüchtige Phrase von eben erscheint nun in einem lieblichen, fast zärtlichen Licht, im Bass bleibt das g stehen, Streicher und Flöte umschmeicheln in zärtlichem Wechselspiel, fast kammermusikartig, F-Dur und G-Dur.
- Strange. Same proud face. Same dark eyes as Penelope. Strange.

- Why is it strange? Isn't the difference between one woman and another only in the mind of a man?
Die tiefen Streicher vereinsamen, führen noch einmal den G-Dur-Dreiklang nach unten aus, werden leiser und bleiben stehen auf Cis: Pause.

Pause! Ist jedem klar, wie wichtig, wie großartig diese Pausen sind, was es für eine ungeheure Emphase darstellt, Musik für einen Moment ganz verstummen zu lassen, Stille als Ausdrucksmittel? Ich könnte jubeln und den Komponisten umarmen für diesen letzten Vorbehalt, bevor die Musik ...

- No. The difference is, Penelope would never let a stranger take her in his arms.
... zurückfällt in die Tonika und das träumerische Liebesthema der Circe wieder aufgreift.


Was so ziemlich das Beste ist. Die Streicher (C-Dur major 7, Dominante im Bass | A-Moll minor 7, Tonika im Bass | Es-Dur minor 7, Dominante im Bass | D-Dur 7b9 ohne Grundton) - sie wandern umher wie Geister, ewig unruhig, in süßem Schmerz, verweilen nie lange. Und ohne zuviel eigene Deutung hinzulegen: in dieser Bewegung steckt etwas Betäubendes, das einen sanften Schlummer verheißt; irgendwo zwischen der Umarmung einer schönen Frau und dem Duft von Lavendel und lilanen Hyazinthen am Abend. (ich brauch das von Zeit zu Zeit)

Die Musik selbst? Impressionismus pur. Tonale Zentren, sicher, aber eine Anleihe von Debussy nach der anderen. Überhaupt, die gesamte Filmmusik Ende der 40er bis Mitte der 50er ist reinweg postimpressionistisch und greift hemmungslos Material von Debussy und Ravel auf. Man engagierte einen echten Komponisten, nicht irgendeinen Freak mit Online-Fernausbildung und seinem PC-Orchester, für das er schon diverse idiotische Auszeichnungen gewonnen hat. Ich

* HASSE *

die ganze verschissene Postmoderne mit ihrer feigen Sucht nach Absicherung einerseits und ihren frivol überzüchteten Klischées von Verletzlichkeit andererseits, ihrer hochmütigen, lächerlich siegesgewissen Abgeklärtheit, der frechen Vorwegnahme ihrer eigenen Rezeption, ihrer Flucht ins Plagiat, das überhaupt nur noch als Surrogat für einen eklatanten Mangel an Kreativität dient und verhindert, was längst überfällig ist: sich wieder an Idealen zu orientieren und zu messen - ich will die Zeit vor 1970 zurück. Die Regisseure, die Komponisten, die Schauspieler, diesen kargen, kleinen Rest von Vision, den man damals noch hatte.













Und da wir gerade bei Albernheiten sind: daß das hier





die erste, verschüchterte Berührung mit der einen, großen Liebe ist, auf einer Wiese vor abendlichem Alpenglühen, zwischen hohen Grashalmen, die aus einem Meer von Wildblumen herausragen, das wußte ich schon, bevor ich lesen und mir rausknobeln konnte, was sich der Komponist dabei so gedacht hat. Es ist überwältigend schön, und die Verdichtung bei 0:29 bis 0:31 zerreibt mir das Herz, wühlt alles in mir auf, ich krieg da Krämpfe in der Brust - es steckt so viel in der Musik an dieser Stelle: nicht nur Erlösung von langem Schmerz, auf die hin sich Ekstase anbahnt, sondern - das mag unpassend klingen - die völlige Aufhebung der Trennung von Liebe und Erotik. Nein - es geht nicht um Geilheit und Enthemmnis. Sondern um ein seltsames Zwischending, für das es wohl noch kein Wort gibt: jemanden über alles zu lieben und zugleich körperlich völlig mit ihm verschmelzen zu wollen (aber nicht um der reinen Begehrnis willen, sondern um ihm so nahe zu sein, wie es sich nur denken lässt - als sei man nicht nur an, sondern in seinem Kopf und in seinem Körper drin), ohne daß sich das eine vom anderen trennen ließe. Ich kenne es nur als Wunsch und aus dem Traum, und fast ebenso mächtig ist die Musik an dieser Stelle.











Vielleicht eine der besten Kennenlernszenen der Filmgeschichte. Klarer Minuspunkt das männliche Rollenbild der damaligen Zeit (wie im ersten Film): moralisch, standhaft, souverän, der Typ von Mann, der natürlich niemals auf gewisse Ideen käme - das macht die Frau, nee klar. Weitere Eigenschaften in diesem Fall: charmant, eloquent, gutaussehend. Pluspunkte: der 20th Century Limited. Eva Marie Saint, das kecke Stück (und sie ist eben nicht irgendein schamlos schafblödes Laszivchen - damals bewegten sich solche Szenen mit ihren eindeutigen Andeutungen an der Grenze zur Frivolität. Aber ja! Die 50er waren prüder als die 30er und die 40er zusammen), die Ausleuchtung, das leise Geratter des Fahrgestells ... Und für Leute mit Kopfhörern: Erste Einstellung gleich, im Hintergrund - diese herrlich opulent-schnulzige, gepuderte Upper class-Salon-Hintergrundmusik der 30er bis 50er Jahre, hier gespielt von einem Streichquartett. Dreeeamy. Dann bei 3:26: Einsatz des Liebesthemas, "Train Conversations". Studioversion hier.



Unerreichbar aber bleibt der quetschkommodenartige Klang orchestraler Streicher in Filmen der 50er Jahre. Das ist durchaus keine sentimentale Pose, in der man sich allein schon deshalb gefällt, weil sie einen Gegenstand favorisiert, der inzwischen überholt ist: Auch hier spielt eine gewisse Weichzeichnung, eine vom damaligen technischen Stand bedingte Unschärfe eine große Rolle, diesmal beim Hören. Ich würde den OST der alten Filme im Leben nicht eintauschen gegen irgendeine moderne Einspielung mit Super-Stereo-Pipapo, brillianter Schärfe und "lebendigen" Klangfarbenen: es geht nichts über das verwobene, oft wässrige (manchmal beinahe gluckernde!) Klangkonglomerat alter Soundtracks, denn dieser Klang hat etwas geradezu Organisches, fast Belebtes: eine einzigartige Qualität, die eben nie beabsichtigt war!, eher eine unerwünschte Nebenwirkung, und durch den Einsatz moderner Mischtechnik völlig verloren gegangen ist.

Die ernüchterndste Vorstellung überhaupt, ich traue mich fast nicht, sie hier ans Ende zu setzen, weil sie alles über den Haufen wirft, ist diese: daß man all diese partikulären Eigenschaften so liebt, weil man eben nun mal mit ihnen aufgewachsen ist, FERTIG; weil sie zu einem durchdrangen, als man noch ein kindliches Bewusstsein hatte, das wenig Filter und kaum Kategorien kannte, und ganz unkritisch und vorbei am Verstand alles in sich aufsog - dann läge ihre Besonderheit nicht in ihnen selbst begründet, sondern lediglich in einem selbst, und wäre wieder nur subjektiv und unteilbar.

Aber gerade von den alten OSTs kann ich mit Bestimmheit sagen, daß das nicht hinhaut: weil zu der Zeit, als ich noch ein Hosenscheisser war, bereits ein viel höheres technisches Niveau klanglicher Wiedergabe erreicht war, mit dem ich aufwuchs und an das ich mich gewohnt hatte. Und trotzdem hat mir damals schon der Quetschkommodenklang - und der Musikstil der 40er und 50er - besser gefallen.

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Montag, 7. März 2011
Lights in pairs come passing by

Aaahhhhh.


Erster bester Moment des Werktags: die Dunkelheit im Bus. Aus klapprigen Radiatoren unter den Fenstersitzen steigt Wärme auf, um einen herum abgespannte, frischgewaschene Körper, Parfumfährten verlieren sich im Gang, eine neben der anderen. Alle blicken apathisch in sich selbst hinein, keiner spricht ein Wort, nur der Motor hangelt sich brummend von Gang zu Gang. Draußen gleiten Lichter durch die Dunkelheit, in allen möglichen Farben, man sitzt saumselig am Fenster, und dann, wenn man Glück hat -







macht der Busfahrer das Licht aus, oder die Lampen sind kaputt und der Betreiber nicht willens, neue einzusetzen. Dann verwischen die Konturen, Lichterpaare huschen über die Sitze, und ich kriege meinen erst halbhypnotischen Zustand des Tages, tee hee: alle Bewegungen bislang waren mechanisch, ich wandle noch in den Auen entlang der Grenze zwischen Traumland und dem Hier und Jetzt; und die vorbeifliegenden Lichter der schlafenden Stadt wirken wie eine rasche Abfolge sanft und gleichmäßig auf mein Nervensystem einprasselnder Impulsschauer, eine sanft sedierende Massage des Hirns, die die Rückkehr und das erneute Durchleben des Traums anregt - wie eine jähe, scheinbar verbindungslose Assoziation, die ganz beiläufig eine lange entschwundene Erinnerung in ihrer vollen emotionellen Aura zurück aus der Tiefe hebt. ... und zahllose kleine Wölkchen Glücksplasma entsteigen dem Nirgendwo.









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Dienstag, 7. Dezember 2010
Traum 27 (luzide)


Ich wachte auf im Erdgeschoss eines luxuriösen Hauses, auf einem langen Sofa, stand auf und begann, den Ort zu erkunden.
Ein junger Mann mit blonden Haaren und athletischem Körper lief an mir vorbei, nur mit einem Handtuch bekleidet, Wasser tropfte an ihm herunter, und grinste mich an. Ich grüßte ihn und rätselte, wer es sein könnte - wahrscheinlich ein Freund meines Bruders. Gleich darauf kam mir ein knackiges Weib entgegen, ebenfalls nur mit einem Handtuch bekleidet [...]. An weißen, runden Plastiktischen saßen Gruppen schöner junger Menschen, viele in Bade- oder Sportkleidung, und unterhielten sich angeregt. Viele lächelten mich an, als ich an ihnen vorüberlief. Die Atmosphäre war heiter

Meine Schwester rief mich auf dem Handy an, und ich telefonierte über das Headset mit ihr: Ein Scharlatan von einem Arzt, ein Schwindler, hatte ihr ein Problem eingeredet; nun war sie aufgeregt und verunsichert, und ich versuchte, sie zu beruhigen. Aber sie redete wirr und zusammenhanglos - wann immer ich etwas genauer wissen und nachhaken wollte, sprach sie von etwas ganz anderem weiter. Ich sagte: [Schwester], ich wünschte, wir könnten mal zwei Sätze im Kontext miteinander reden, ich verstehe überhaupt nicht, was du meinst.





Ich trat durch eine Gartentür ins Freie auf eine Terrasse. Das Licht draußen war trübe, der Himmel gleichmäßig grau. Über den gesamten Garten erstreckte sich ein in viele Becken unterteiltes Schwimmbad. Die kalte Luft war vom Dampf des warmen Wassers erfüllt, es stand voller Menschen, die sich wild darin tummelten und großen Spaß zu haben schienen. Von einem Balkon im ersten Stock sprangen Männer ins Wasser, manche nackt, andere in Badekleidung. Wie in anderen Träumen auch war der Fettsack dabei, der mit dem Gesicht nach unten tot im Wasser trieb. Ich betrat eine Art Veranda, die gekrümmt entlang des ovalen Hauptbeckens verlief.



Bald entfernte ich mich von den Menschen, der Nebel nahm ab - und an einer Stelle war die Veranda unterbrochen, wie ein eingestürztes Stück Brücke; vor mir lag das Wasser. Es war nun kein Schwimmbad mehr, es war das Meer: das Wasser tiefdunkel, ich konnte keinen Grund erkennen. Die Menschen waren in weiter Ferne verschwunden, und der Abend brach herein; tief am Horizont versank in dunkelblau-lilanen Himmelsfarben die Kuppel der Sonne im Meer.





Ich stieg ins Wasser, um das kurze Stück, etwa drei Meter, auf die andere Seite zu schwimmen, während ich mit meiner Schwester weitertelefonierte. Das Wasser unter mir war unabsehbar tief und dunkel, die Haiangst stieg auf, und mir kam eine Idee: Du musst dir vorstellen, daß nichts passiert. Und ich schwamm auf die andere Seite und fürchtete mich, zog schnell meine Beine aus dem Wasser - und nichts passierte.
[ - Hier wurde der Traum luzide im folgenden Sinne: Mir wurde klar, daß ich direkten Einfluss darauf habe, wie der Traum sich weiter entwickeln wird: daß das, was ich mir in einem Moment wünsche oder vorstelle, sich im nächsten Moment in der Traumwelt "verwirklichen" wird. Nicht bewusst war mir aber, daß ich träumte.]



Auf dem anderen Ende der Veranda führte eine Holztür zurück ins Haus, das von Kunstlicht und ein paar Kerzen erleuchtet war. Es hatte nur wenig Fenster, durch die man das tiefe Dunkelblau der einbrechenden Nacht sehen konnte. Das Haus war riesig, ein unendliches Labyrinth voller Zimmerfluchten, und während ich die Räume durchschritt, veränderten sie sich unablässig, manchmal in Details, manchmal im Konzept. Es gab viele kleine Kammern, die wie Hausmeister-Kabuffs wirkten: mit alten Radiatoren darin, der Boden zugestellt mit Unrat, die Wände voller Haken, an denen Gerätschaften hingen, Besen, Schaufeln, Leitern und Eimer, und überall verliefen wie Adern Heizungsrohre, mehrfach weiß übertüncht. Wann immer ich ein Zimmer betrat, fühlte es sich entweder an, als näherte ich mich dadurch dem Morgen oder der Nacht. Ich öffnete Türen, sah hinein, und wenn mir das Zimmer nicht gefiel, schloss ich die Türe wieder, stellte es mir nach meinem Wunsch vor, öffnete die Türe wieder, und die Änderung war vollzogen. Von manchen Decken und Wänden wuchsen organische Strukturen, wie Mobilés, auch sie bewegten und veränderten sich, während ich sie ansah (ich glaube, sie veränderten sich NUR dann, wenn ich sie ansah). Manche gefielen mir nicht: ich zerschlug sie oder trat dagegen, und sie zerkrachten wie Glas, worauf auf ihrem Stumpf ein neues Gebilde wuchs. Hinter einer Türe war eine Mauer; ich schloss sie, öffnete sie wieder, und dahinter weitete sich eine riesige Halle, wie in einer Ritterburg, mit vielen weiteren Türen in alle Richtungen. Ich fand eine Eintrittskarte auf einem Teppich und nahm sie in die Hand: Darauf stand "Schubert Streichquartett", dann "Sekretariat", dann "Türkei-Reise".

In einem Zimmer, das sich von den anderen nicht unterschied, gab es einen Knall, einen kurzen Lichtblitz, der Raum faltete sich im Bruchteil einer Sekunde zusammen wie ein Stück Papier und expandierte wieder, und vor mir stand der Söldner. Er war groß, breitschultrig, hatte einen Bart und eine Glatze, und im Schreck gab ich ihm erst eine mit und nahm ihn in den Schwitzkasten, bis ich verstand, daß er keine Gefahr darstellte - und daß er alles wußte, was tief in mir lag. Ich begann ihn auszufragen: warum ich bin, wie ich bin, wie es dazu gekommen ist, und er antwortete nie schnell genug, ich wurde ungeduldig - irgendwann packte ich ihn am Kragen und brüllte ihn an, Was mache ich falsch? Aber er schwieg nur gelassen, und es sah aus, als würde er überlegen und gleich etwas sagen, aber dann lächelte er nur freundlich und verschwand.







Ich irrte weiter durch die Zimmerfluchten, bis hinter einer Türe abrupt eine Plattform begann, von der mehrere Wendeltreppen in die Tiefe führten, in drei Richtungen. Ich dachte: es ist der Weg in mein Unterbewusstsein (ich habe das wirklich gedacht im Traum), fürchtete mich kurz vor der Tiefe und der Dunkelheit und stieg dann hinunter. Die Stufen endeten in einem riesigen Gewölbelabyrinth mit zahllosen Nischen, Winkeln und Kämmerchen. Die Wände waren aus Sandstein und Backsteinen, der Boden bedeckt mit uraltem, wüstengelben Sand und Staub, Wärme flimmerte in der Luft, und es gab so etwas wie Schmelzöfen dort, viele davon: ich trat nahe an einen heran, er war wunderbar warm, ein Kamin verlief im spitzen Winkel nach oben. Ich berührte den Ofen, die Glut tat nicht weh, und die phantastischsten Lichtspiele huschten über die Steinmauern; sie waren wunderschön, aber ich konnte die Quelle des Lichts nicht finden.

Nach einer Weile waren auch Fenster in den Mauern. Ich sah nach draussen auf grüne Hügel und Wiesen, in eine dunkelblau-neblige Nachtlandschaft. Durch einen runden Torbogen auf Säulen gelangte ich nach draußen, lief weit auf die Wiese hinaus und blickte zurück:





Ich war aus einer Burg gekommen, mit zahllosen Türmen, Dächern und Erkern, die in der Dunkelheit der Nacht von abertausenden Fackeln erleuchtet wurden. Die Burg stand in einem Tal, umgeben nur von weiten Wiesen und Hügeln. Der Himmel war voller Wolken, die den Mond teilweise verdeckten.


Ich fühlte mich stark und mächtig und rief ins Dunkle hinein die Hexe an: Komm her, du Menschenfresser, komm nur her, ich hau dir aufs Maul! Und hoch am Himmel, dicht unter den Wolken erschien ein Ungeheuer, pechrabenschwarz, einzelne Gliedmaßen waren kaum auszumachen.





Es tauchte im Sturzflug auf mich herab, kreischte schrill, für einen Moment taumelte ich in Entsetzen, und als es näher kam, erkannte ich zwei Köpfe - ich schlug mit aller Macht zu, es donnerte, das Ungeheuer wurde aus seiner Bahn geschleudert, schlingerte und teilte sich in zwei Wesen: das eine starb, das andere wurde eine Krähe oder ein Rabe, der wieder in den Himmel aufstieg und dicht unter den Wolken still seine Kreise über mir zog und mich verfolgte; aber ich hatte kein Angst davor.




Ich fühlte mich frei und stark, nahm Anlauf und sprang auf einer Anhöhe ab, hunderte von Metern weit in die Luft hinauf und mehrere Kilometer weit, es fühlte sich wunderbar an; ich sah die Erde aus der Vogelperspektive unter mir, die sich mir rasend schnell wieder näherte, und dachte: du musst dir vorstellen, weich zu landen, dann tut es nicht weh, und ich stellte mir vor, in ein Bett mit dicken Kissen zu fallen, und genauso weich kam ich auf, in einem Weizenfeld. Es tat nicht weh und ich fühlte mich noch stärker und mächtiger.

Dann schlug ich die Richtung zurück zum Schloss ein und ließ es links neben mir liegen. Auf der anderen Seite lag eine Stadt in der Morgendämmerung. Im Traum war es die schönste Stadt, die ich je gesehen habe, voller Paläste, Kirchen, Strassenbäche, Flüsse und Brücken, Brunnen, Türme und Mauern, es gab mehrere Aquädukte, große, offene Plätze, wie Foren, viele Gebäude hatten Wandelgänge mit weiten Bögen; und während ich die Meilen abschritt, war es meine Vorstellungskraft, die die Stadt erbaute; wann immer ich an eine Strassenecke kam, stellte ich mir vor, wie es dahinter aussehen müsse - und genauso war es dann auch; ich war der Architekt.

In der Mitte der Stadt stand auf einem kleinen, grünen Hügel ein mächtiger Turm, genau in Richtung der Sonne. Davor wachten hunderte von Rittern, viele auf Pferden, manche von ihnen in übermenschlicher Größe und Breite, sie trugen Helme mit Sehschlitzen und lange Lanzen mit Fahnen daran. Plötzlich drehten alle ihre Köpfe in meine Richtung, brüllten laut und stürmten auf mich zu. Als sie nur noch wenige Meter von mir entfernt waren, wurde mir klar, daß ich unbewaffnet war - ich erdachte mir eine Lanze, sofort lag sie fest in meiner Hand. Es folgte ein heilloses Gemetzel, ich besiegte alle, zerschmetterte ihre Köpfe oder spießte sie reihenweise auf meiner Waffe auf wie Brathähnchen, traf versehentlich auch ihre Pferde, bis der Hügel voller Leichen in Rüstungen lag, fürchterlich verkrümmt, und über allem eine Staubwolke, so dicht, daß ich kaum noch die anderen Gebäude erkennen konnte. Aber ein starkes Licht drang hindurch, vor dem sich die Umrisse des Turms abhoben.







Der Eingang war türlos, im Inneren war nichts zu erkennen; ich lief darauf zu. Umso näher ich trat, umso mächtiger und gleißender wurde das Licht hinter dem Turm, bis es beinahe den ganzen Himmel ausfüllte. Kurz, bevor ich meinen Fuß in den Eingang setzte:

Aufgewacht.









***





...

Der andere Traum, in dem ich eine Prüfung ablegen musste, eine Mischung aus Bewerbungsgespräch und Aufnahmeritual: ich stand in einer Reihe mit anderen Kandidaten, jeder bekam eine ganz unterschiedliche Aufgabe, ich musste einen Satz vervollständigen; die Frau stand vor mir und sagte: "Die Reise wird lang und beschwerlich sein ... ", worauf ich antwortete: "... und ungerufene Geister werden uns entlang der ewigen Küsten begleiten." Und die Antwort war richtig und die Frau lächelte mich an und klatschte mit den Händen, wie man ein kleines Kind ermuntert, das eine Aufgabe richtig gemacht hat.

Und daß mir vor kurzem jemand sagte - jemand, dessen Urteil ich großes Gewicht beimesse - ich sei eigentlich ein sehr spiritueller Mensch (ICH?). Das ist lustig, weil ich mich ganz anders sehe.

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