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Freitag, 20. Oktober 2023
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Am Freitag, 20. Okt 2023
Bitte hier:
RV 336, II. Aria und auch und besonders den darauffolgenden III. Satz, Allegro.
Las avispas y yo, nos comemos las ultimas manzanas. Der Rest taugt dann noch für den Komboscht oder für Mus.
It came to my notice lately: Wut ist nicht nur meine Reaktion auf (unausweichliche) Scham, sondern gelegentlich auch auf (unausweichliche) Trauer, und ich will nichts mehr davon. Trauer, Schuld und Scham - das Gefühl, das keiner richtig gut kennt, weil man ihm von Haus aus immer aus dem Weg geht - ich hab genug davon. Sollte es sich nie lösen lassen, bleibe ich den Rest der Zeit bei Wut. Wut hält am Leben. Es ist in dem Zusammenhang sehr interessant zu sehen, wie Regierungen auf die Wut des sogenannten Souveräns reagieren: Mit Hohn und Bestrafung, wie Eltern der Nachkriegszeit.
Now this maybe a matter of projection on my part, aber mir scheint, mit dem Trio Scham, Schuld und Aggressionslenkung lässt sich ein ganzes Volk kontrollieren. Überlade ein Volk mit Anklagen (hier zählt tatsächlich die schiere Frequenz und die verkündende Autorität - ob Wanderprediger oder Staatspräsident) und beschäme es so lange mit Sünden, bis es den Scheiss internalisiert, sich schuldig fühlt und in die Autoaggression verfällt, in seinem Selbstwert permanent destabilisiert, gerettet nur durch Konsum, Zerstreuung und präsidiale Sonntagsreden aus der Perspektive eines Schein-Wirs, welches gelobt, den Rückfall in die alten Sünden nie wieder zuzulassen, die Sünden dabei aber immer wieder evoziert und so verhindert, dass die Wunde der Schuld jemals schließt. Dann wird es immer, zu jedem Zeitpunkt, nach Befreiung, nach einem Ausweg aus der Schuld suchen, nach einer Möglichkeit, Aggression von sich selbst weg und auf etwas anderes umzulenken, z.B. ein Feindbild, und dafür - jetzt kommt's - jeden zivilisatorischen Wert verraten.
Sag den Menschen, es gäbe da einen Bösewicht, der tue die unaussprechlichsten Dinge, und unterschlage die eigenen Sünden - sie werden dir beipflichten, wenn in Aussicht steht, ihre Schuld durch Einstimmen in die Anklage und Bestrafung des noch böseren Bösewichts einem Anderen aufladen zu können und sich auf die Seite des Guten zu stellen. So eröffnet sich eine Gelegenheit, einen Teil der Autoaggression nach draußen zu entlüften. Das merken die Menschen aber nicht, weil Aggression gegen Böses ja Teil der Lösung und deshalb erlaubt (legitim) ist. Höhere Gerechtigkeit, jawohl! Mehr Ablasshandel als Schuld und Sühne. Der darin enthaltene moralische Relativismus, dass der gute Zweck jedes böse Mittel heiligt, wird unbesehen in Kauf genommen, weil er mit Belohnung lockt: Du kannst deine Schuld mindern, indem du dabei hilfst, die noch Schuldigeren zu bestrafen. Kreuzrittertum? Du gehörst dann zu den Rechtmäßigen, es geht schließlich um die Durchsetzung des Guten auf der Welt. Wer hat uns das gelehrt? Hollywood. Die Sorte von Film, die ein gutes, abgerundetes Gefühl hinterlässt; wenn das Böse am Ende physisch vernichtet wird, und mit ihm jeder Rest an Zweifel. Böse Aggression wird mit guter Aggression bekämpft. Das muss man dann schon verstehen, schließlich ist der Bösewicht derart böse, da helfen nur extreme Mittel (narzistissische Bettnässertypen machen da noch eine Realisten vs. Träumer-Distinktion draus). Wir haben das viel gelesen, verstärkt seit 2014 (und immer mit im Gepäck: Das Verschweigen vorangehender Ereignisse): Dass es Kräfte gäbe, die verstünden nur die Sprache der Gewalt. Da sei Verhandeln zwecklos. - Die so beigebrachte Entmenschlichung haben wir widerstandslos geschluckt.

Über 70 Jahre deutsche Vergangenheitsbewältigung, schöne Sonntagsreden, die wir vollmundig abgenickt haben, weil der Sonntagsbraten saftig war - die Quittung: Wir sind immer noch unmündige, leicht verführbare Barbaren, wieder auf der falschen Seite der Geschichte. Tja, wenn die Hamas so fies angreift, muss man schon verstehen, wenn das israelische Militär jetzt das halbe Freiluftgefängnis bombardiert, mit dem erklärten Ziel, Schaden anzurichten, unter anderem mit Phosphorbomben, die sich besonders hübsch im Einsatz gegen Personen machen. Dass da dann auch Krankenhäuser und Universitäten mit hops gehen, hmja, das ist nicht schön, aaaber das muss man dann schon verstehen - die Morde und Geiselnahmen der Hamas ("Teufel aus der Hölle") waren schließlich noch viel schrecklicher, als wenn eine militärische Bombe in ein Wohnviertel einschlägt und kleine Kinder in Fetzen reisst. Die werden sowieso später alle Terroristen, wieso also warten? Rechne deine bösen Taten gegen die bösen Taten der Anderen auf; Rekorde werden aufgestellt, um gebrochen zu werden, Hauptsache, es sind die Guten, die den Rekord brechen. Jede Kritik muss im Überschwang ehrbarer Gefühle verstummen, wenn der Gerechtigkeit solcherart Genüge getan wird; etwa, dass man Bibi schon vor 2007 nachsagte, ohne die ständige Bedrohungslage durch die Hamas politisch gar nicht überleben zu können, weil er innenpolitisch unfähig sei und nur als starker Mann sein Ansehen erhalten könne. Oder dass der israelische Geheimdienst, der als einer der fähigsten der Welt gilt, die Vorbereitungen auf den großen Sturm nicht bemerkt haben willl, was einem Wunder gleichkommt. Umso mehr, als Israel von Ägypten Tage vorher unmissverständlich gewarnt wurde. Wir kennen solch merkwürdiges "Behördenversagen" von vielen anderen Fällen.
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Haie. Bertchen erzählte kürzlich am Frühstückstisch: Von einem großen Hai habe er geträumt. Im Wasser sei er getaucht (Was denn für ein Wasser? Wie ein See oder wie das Meer? - So wie das Meer.) und plötzlich sei der Hai dagewesen. Wie denn das Wasser war, durchsichtig oder dunkel? Durchsichtig. Aber er ist dem Hai entkommen, das hat mich echt gefreut. Ich bin meistens vor Schreck aufgewacht.
Glaubt man das? Was alles vererbt wird? Goes without saying, dass ich ihm von meinen Haien nie erzählt habe. Schwester hat diesen Traum ja auch. Wie ist das möglich? Aufregend auch, weil ich kürzlich träumte, ich liefe mit ihm einen gleichmäßigen, stillen Strom entlang. Der Himmel war bewölkt, das Licht morgendlich, vielleicht lag in den Auen etwas Nebel. Wir betraten eine Holzbrücke ohne Geländer, die sehr niedrig über dem kühlen, sauberen Wasser lag, und legten uns auf den Bauch, um das Wasser berühren zu können. Eine Vielzahl von Fischen, darunter schlangenähnliche Aale, kam an die Oberfläche, als wollten sie darauf schwimmendes Futter mit ihren Mäulern absammeln; ich wollte, dass Butzbert einen mit der Hand fängt (er war begeistert). In diesem Augenblick kam ein Auto, um die Brücke zu passieren; eine Frau mittleren Alters saß darin. Wir mussten aufstehen, um ihr Platz zu machen.
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Eine böse Konsequenz des Tochterhabens ist: Es erschwert Phantasien über junge Bettgespielinnen. Die Ende-20jährige Sorte, die offen für Dreckiges und noch lebensunkundig genug ist, um immer schön viel Fragen zu stellen; die mit ihrer Unverbrauchtheit/Formbarkeit verheirateten Mittvierzigern in ihrer verfrühten Sinn- und Identitätskrise das verlorengefühlte Quäntchen Vitalität zurückgeben soll, das sie an Kindererziehung und Routineehe veratmet haben. Diese Nymphen mit ihren ungeküssten Giraffenhälsen sind ja auch irgendjemandes Töchter. Was zur Frage führt: Wie würde mir gefallen, wenn irgendjemand meine Schilde später mal so handhabt? Solche Gedanken sind dem Reiz ganz unzuträglich.
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Es bleibt ein unaufhebbarer Widerspruch: Männer sind zutiefst gespaltene Wesen. Frauen haben sogar eine eingebaute Spalte, aber bei Männern liegt eine der beiden Wesenheiten viel stärker im Konflikt mit den Segnungen der Zivilisation als bei Frauen, und nur eine der Seiten ist ganz zivilisationstauglich, bei Frauen sind es beide. Ach, zwei Seelen in meiner Brust! - Wrong. Nur eine davon ist Seele. Männer sind einerseits Viecher, neandertalische Triebwesen: Entfielen alle Segnungen der Zivilisation, Kultur, Moral und Erziehung, verflüchtigten sich auch alle epigenetischen Beißhemmungen innerhalb von längstens drei Generationen, und sie würden jeden Konflikt wieder mit dem Recht des Stärkeren entscheiden: Totschlag und Vergewaltigung, Alphatiere allenthalben. Diese Natur, die unter zivilgesellschaftlichen Bedingungen nicht auf ihre Kosten kommt, manifestiert sich dort in Sadismus und Faschismus. Der unzureichend zivilisierte Mann ist eine Landsknechtsnatur, und sicher, die Epigenetik kann dem einen Riegel vorschieben (oder das Gegenteil bewirken): Lass eine Familie über fünf Generationen Beamte, Geistliche, Berufsmusiker sein, und eine andere fünf Generationen lang Bauern unter archaischen, kargen Bedingungen, meinetwegen Tiroler Alpen um 1700 rum. Das wirkt.
(Bitte hier, bitte gleich. Niemand kann Vivaldi wie Alessandrini; man kann seine Platten unbesehen kaufen. Und RV 129 ist unter Vivaldis frühen, reiferen Concerti das großartigste)
Oder lass einen Krieg über ein Volk kommen. Die Traumata der Heimkehrer und deren Weitervererbung, wenigstens ihrer Rudimente, versauen den Genpool bis in die vierte Generation. Das geschieht gerade in der Ukraine. Sowas gibt dem älteren Wesensteil das Primat zurück, das er solange innehatte, weil im Krieg seine Antworten gefragt sind. Die Kinder, die dann nach dem Krieg geboren werden, kriegen es ab.
Neben der Drecksau wohnt im Manne eine empfindsame, verletzliche Seele, die unter den Bedingungen der Nachkriegszeit (man nehme durchindustrialisierte Wohlstandsgesellschaften ins Auge) meistens eine Buben-, also eine Kinderseele bleibt, allein schon, weil die Entwicklungsprozesse der Drecksauhälfte nicht, nie, bis zu Ende durchexerziert werden können, weil die Zivilisation die dafür nötigen Einrichtungen über den Mann hinweg für überwunden erklärt hat. Geschieht es dennoch, wird das Individuum in der Regel zum Kriminellen. Es bleibt also nur der evolutionsbiologisch neuere Teil, Seele und Verstand. Diese Seele hat ein überwältigendes Bedürfnis nach Liebe, Schutz und Vergebung, bevorzugt von Mama, was beim Mann umso kläglicher durchschlägt, als seine Mutter nicht nur unter bestimmtem Vorzeichen Blaupause für zukünftige Gespielinnen ist, sondern die erste Frau in seinem Leben überhaupt. Diese Bedürfnisse sind gesellschaftlich unproblematisch, also erlaubt, aber sie geraten in Stellvertreter- und Konkurrenzkonflikte mit den unerlaubten.

So bleibt ein nach Gesellschaftsnorm funktionierender Mann auf ewig eine domptierte Krüppelnatur im Ungleichgewicht, die immer Zuckerchen kriegt, wenn er (sic) sich auf die artige Seite rollt. Natürlich nicht umsonst: Verwertet er brav seine Arbeitskraft und lässt sich ausbeuten, akzeptiert einen Grundkanon an gegebenen"Werten" und Tabus, erhält er für sich und seine Lieben Schutz, Rechtsgarantien, Infrastruktur und Konsum, potentes Mittel zur Betäubung seiner Unfreiheit, sowie glaubhafte Illusionen von Teilhabe, Selbstbestimmtheit und Permanenz; er muss sich körperlich nicht schinden, hat Freiräume, man lässt ihn gewähren, solange er nicht brandschatzt, mordet, vergewaltigt. Auch, wenn er verheimlicht - sogar vor sich selbst - dass er am liebsten alle, die ihm im Weg stehen, vernichten und jeder Frau Gewalt antun würde, die sich nicht fügen mag. Do you dream of sex and violence? - Aber kein Stück!

Dass er neben der Drecksau auch gerne sein Gesichtchen im Schoß einer Frau vergräbt, die seine Mama vertritt, ist kein Widerspruch. Auch nicht, dass er, dort einmal angekommen und seines emotionalen Bedürfnisses entledigt, direkt an Vötzeleck denkt. Och, wieso denn nicht? Wenn mann schon mal vor Ort ist. Nein, beide Seiten wohnen in ihm und wollen ans Licht der Welt; die Sau und die Jungenseele, die an Mamas Schoß Vergebung sucht. Niemand weiß das besser als Prostituierte, die Sonderwünsche erfüllen.
Und sicher, Beamte und Bauern. Keineswegs. Durchaus. Meine Herrschaften: Epigenetisch. Kulturell bedingt - er-ledigt. Verurteilt. Verworfen. Kein Wort mehr.
- In meinem Fall ist zentral-/westeuropäisch angestammtes (ca. 4 Jahrhunderte lang) Handwerker-, Unternehmer- und Beamtenblut (Schwerpunkt) auf südeuropäisches (und wer weiß, evt. nordafrikanisches) Insulaner-, Bauern-, Hirten- und Seefahrerblut in die Schleuder gedotzt worden. Das Ergebnis ist vital, gesund, athletisch, wird als ansehnlich und intelligent gehandelt, aber als Gesamtentwurf ganz inkonsequent. Was mir bleibt, ist Verachtung für den Inzestcharakter geradlinigerer Blutlinien, und viel Neid darauf, wie gut diese Menschen im Optionskorridor ihrer Lebensentwürfe klarkommen. Da kann ich viel spotten, was das für eine inzestuöse Bande ist (und das ist sie, und der Stumpfsinn der Pate ihrer Kaltschnäuzigkeit).
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Der Alte hat auf jede große Frage eine Antwort. In der Regel stimmt die auch, sofern ihm der Zwang zur Selbstrechtfertigung nicht dazwischenpfuscht. Das beeindruckt mich, seit ich bemerke, dass sich mir ähnliche Themenkomplexe auftun, die es zu bearbeiten gilt. Liebe, Familie, FickiundFotzi, die Bedürfnisse einer Kinderseele, Geschlechterrollen, angemessene Abgrenzung, Toleranz - er weiß, worauf es ankommt oder hat pragmatische Grundsätze. Womöglich sind es auch nur familiär tradierte Erzählungen, die uns gleiche/ähnliche Themen auftragen. Aber die Perspektive gefällt mir nicht, das fühlt sich so unfrei an. Schildi sagt das so oft: Dies und jenes fühlt sich so und so an. Sie sagt auch: Gell, Papa, kacken fühlt sich schön an. Und ich gebe ihr natürlich recht.
Hat sie für mich gemacht. Sie lädt mich dann zum Kuchenessen ein. Vor kurzem, als sie im Kindi Zoff mit ihrer besten Freundin hatte, hat sie ihr neues Haus unter dem Schmetterlingsflieder bezogen. Dort hat sie mir den ersten Kuchen gemacht und mir erzählt, dass sie ein Auto gekauft hat (ihr Fahrrad) und wie teuer es war. Ich wollte eigentlich Unkraut jäten, aber ich habe immer ein schlechtes Gewissen, weil ich zu wenig mit den Kleinen spiele. Zum Abschied hat sie geflötet: Tschüs! Du darfst bald wiederkommen. Dann back ich dir wieder einen Kuchen.
So ist das nämlich: Hier spielen meine Kinder im Garten und pflücken Blumen und Früchte, woanders werden Kinder totgebombt - und die Medien werben um Verständnis. Ich und Pold, wir ringen mit der Rechtfertigung, das zu ignorieren und uns über unsere Kinder zu freuen.
Die Unvernunft ist grenzenlos.
Das Land, die Welt ist im Arsch.
Ich denke an N.: Einzig als ästhetisches Phänomen ist die Welt gerechtferigt, und suche moral redemption in Vivaldis Concerti per archi.
Turning and turning in the widening gyre
the falcon cannot hear the falconer;
things fall apart; the centre cannot hold;
mere anarchy is loosed upon the world
the blood-dimmed tide is loosed, and everywhere
the ceremony of innocence is drowned;
the best lack all conviction, while the worst
are full of passionate intensity.
Surely some revelation is at hand;
surely the Second Coming is at hand.
The Second Coming! Hardly are those words out
when a vast image out of spiritus mundi
troubles my sight: somewhere in sands of the desert
a shape with lion body and the head of a man
a gaze blank and pitiless as the sun
is moving its slow thighs, while all about it
reel shadows of the indignant desert birds.
The darkness drops again; but now I know
that twenty centuries of stony sleep
were vexed to nightmare by a rocking cradle
and what rough beast, its hour come round at last
slouches towards Bethlehem to be born?
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