Freitag, 22. September 2023
Verfehlte Heimsuchung

Gregor Heuschreck war ein Kind aus gutem Hause. Er hatte den Wunsch seiner Eltern nach einem Jurastudium ignoriert. Was kümmerte es ihn, welche Vorschriften man dem gemeinen Käferling auferlegte? War nicht alles Rechten und Richten chimärenhaft, ein dünnes, löchriges Korsett über dem Puls des Lebens? War nicht alle Durchsetzung des Rechts nur kurzatmiger, hemdsärmeliger Triumph gegen Gott und Instinkt?

Hektischer Alltag

War nicht bürgerliche Rechtschaffenheit bloß kodifizierter Ausdruck des Vorrechts einer habgierigen Elite naserümpfender Ausbeuter (zu deren Ringküssern er seine Eltern zählte), die das Alltagsgewurschtel des gemeinen Käfers nur darum zur Subalterne verklärte, um die eigene Abgehobenheit zu adeln? Sein Interesse galt nicht den Höhen und Tiefen wiesengesellschaftlicher Hierarchien.

Dräuend

Tiefe Sehnsüchte durchströmten Gregor. Manchmal, wenn die sommerlichen Regenvorhänge den Wind vor sich hertrieben, streiften moschusschwere Düfte seine Fühler, die eine Aura entschwundenen Glücks in ihm hervorriefen; verschwommene Bilder erlebnisreicher Sommernächte im Halbdunkel, die er scheinbar in einem früheren Leben gehabt hatte. Gar zu oft, wenn er des späten Nachmittages am Saum eines Reitgrases knabberte, drang von den Blütenfeldern rhythmisch das Dröhnen und Stöhnen der Nektargelage und Paarungsorgien zu ihm durch, ließ sein Blut schneller fließen, erzeugte Bilder des Aufbruchs und der Entgrenzung, der Aufhebung hinfälliger, starrer Ordnungen, des Abstreifens überlebter Hüllen, der Vernichtung vergeistigter Individuation im Rausche.



Traurig versteckte sich Gregor im Gefieder der Farne und sah aus der Ferne zu, wie das Leben die Gefäße der Anderen schwellen ließ, ihre Gliedmaßen ihrem Ziel und ihre Gehirne dem Zenith zuführte.
Zur Teilnahme an solchen Veranstaltungen konnte er sich nicht durchringen. Eine geheimnisvolle Macht zog ihn zurück wie ein im letzten Drittel verknöcherter Muskel, der sich nicht zu voller Extension öffnen ließ; das Hindernis war indes kein körperliches.

Und so blieb Gregor ein Grenzgänger, ein Halbweltler mit Doppelleben, wenn man so will, der es aus Sicht seiner Eltern an Etikette fehlen ließ, weil er sich in der Nähe von Misthaufen und in der Begleitung von Fleischfliegen und anderen Koprophagidae sehen ließ; wenigstens gingen solcherlei Gerüchte um. Von derartigen Ausschweifungen abgesehen blieb er ein braver Käferling, der seinen Aufgaben nachging, pünktlich zum Gesangsunterricht erschien, die morgendliche Toilette nicht vernachlässigte und die Nachbarn der Schrebergartengesellschaft höflich grüßte.

Die Falle

Glücklich war Gregor nicht. Der Spagat zwischen zwei Welten kostete ihn Kraft, die Heuchelei konnte er kaum verwinden; es zerriss ihn innerlich, eine glänzende Oberfläche präsentieren müssen, hinter der tiefe, nur in Ahnungen ergründete Mächte ihren Tribut unerbittlich einforderten. Gab er dem Sog nach, fühlte er sich dabei beobachtet. War ihm das anzusehen? Zugleich stellte Gregor, von den perversen Einflüsterungen jener Abgründe fortgesetzt heimgesucht, fest, dass die bestehende Ordnung ihm Halt gab, sein Zutrauen stärkte, die Welt zu seinem Vorteil und Fortkommen lenken zu können. Bestärkt wurde er darin durch den schauderhaften Anblick der Hüllen abgelebter Artgenossen, die nach Erfüllung ihres Zwecks mit gekreuzten Beinchen auf dem Rücken liegend die Trampelpfade der Wiesen versperrten.

Gregor auf der Gießkanne.

Gregor fand seine Bestimmung auf dem Rand einer Plastikgießkanne, einem menschengemachten Ding. Die Homogenität des geruchslosen, nicht verzehrbaren Materials bescherte ihm Frieden, schirmte ihn ab gegen die erdrückende Anomie des ihn umgebenden Gekreuchs und Gefleuchs. Auf dem Hintergrund des satten, gleichmäßigen Grüns fühlte er sich behütet; das Gefühl der Vollständigkeit folgte in kurzem Abstand.

Oh wonnevolle Ordnung! Auf einer Hochzeit kann man nur nur tanzen. Nur in der Einheitlichkeit, dämmerte es Gregor, liegen Struktur, Sicherheit und Kontinuität. Im Dschungel mögen sich die Säfte Aller vereinen, das ist zweifelsohne freudenreich. Im Zwielicht bodennaher Milieus mag Heimlichkeit dem Stelldichein zwar Gelegenheit verschaffen, aber wenn der Preis für einen Augenblick höchster Entgrenzung der Tod ist, ist dann die Blutlosigkeit als Preis des Friedens nicht der vorzuziehende Trost? Und war nicht auch das Verschwinden des Chamäleons auf seinem Hintergrund eine Entgrenzung, entzog es sich nicht Tod und Verderben durch Unsichtbarkeit? Nun denn, es sei!

- So kam es, dass Gregor ohne Nachkommen blieb und ein zurückgezogenes Überleben in Frieden, Vergeistigung, materieller Sicherheit und hohem Ansehen führte bis an sein Ende.

Hm.

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