Samstag, 17. September 2022
Ebbe-Ellerie


Patisserie, Boulangerie, Ebbe-Ell-erie. Da werden dann ulkige kleine Brötchen in Tierformen verkauft, designed by Schildi. Ich bin für die Einrichtung von Ebbeellerien in jeder Stadt und jedem Dorf, und Schildi kriegt auf jedes verkaufte Brötchen Prozente

schildkind

(Es ärgert mich schon: Man hat das schönste Kind der Welt und kann nicht mit ihm angeben, weil man fürchten muss, dass irgendein Kaputter sich drauf fixiert. Die Vorstellung stört, egal wie weit weg und anonym das vonstatten gehen mag)

Schildi sagt nicht mehr Ebbe-Ell, sondern Isabell. Und sie sagt nicht mehr widdudebiern Papa?, sondern wisstuprobiern, Papa. Sie singt: Heut ist ein Fest bei den Fröschen am See, Wald (Ball) und Konzert und ein großes Filet (Diner). Quak, quak, quak, quaaak, (Oktave tiefer) quak, quak, quak, quaaak. Bert singt auch "Wald" und "Filet". Pold weiß, wo sie das herhaben; von einem Grillfest, weil bei uns gibt's keine Filets. Eigentlich nie. Oder so gut wie nie, und wir sagen nicht 'Filet'. Wir sagen 'ein schönes Stück Fleisch'.

locarno

Ich sollte gerade den Stall für die Tschilpereses bauen, sollte ich eigentlich immer, so lange, bis er eben gebaut ist. Aber schreiben fällt ja auch unter Reha. Der Rehamensch hat mir das 10-Finger-System nahegelegt. Ich soll ganz viel "Das eine" schreiben, mit links. Ficken mit links. Ich bin so underfucked, aber ich fühl mich so unschön. "Ich hab sechs Monate bumsen nachzuholen", drei Männer und ein Baby, 1985, die Szene, als Marie von ihrer Mutter abgeholt wurde und die drei in ihre Wohnung zurückgehen (Roland Giraud in einer Glanzrolle, sensationelle deutsche Synchro). Und sonst so? Das eine, eigentlich Das Eine, Das Eine, DasEine, Das Eine, das dauert im Ernst 3 Sekunden, DassEine zu schreiben, ohne Korrekturen. Sapperlot geht leichter. Sapperlot! Sakrament no amol, Himmelherrgottsakrafix, Heilandzack, Hurenhagel, verfluchte Scheiße!!! Sakrafix. Sie blede Urschl. Schön ist das. Es gibt irgend eine Studie, die erkannt haben will, dass Fluchen guttutjaachnee. Warum dafür ne Studie, man weiß es nicht. Die Praxis ist erklecklicher.

margarita1

Hach, waren die so schön - "Mayflower". Letztes Jahr gepflanzt (vorgezogen, um die 50 Stück), dieses Jahr erste richtige Blüte. Haben geblüht von Ende Mai (suboptimaler Standort) bis Mitte August. Jeder sollte so ne Insel (oder viele) aus Margeriten haben. Jeder hat sein Leben ganz zu leben, Dutschke.

margarita2

Sou scheyn, im Mittags-Gegenlicht. Meine Kinder schaukeln im Sommer über diesen Margeriten


Es gibt beim Tastaturschreiben eine klar bestimmbare, diskrete Trennlinie zwischen aktiv kortikalem (was ich grad üb) und subkortikalem Tippen (wo ich wieder hinwill). Gar nich ach nee. Merkt man erst, wenn einem ein Teil der Birne abgeschossen wird. Ein Körper, der tut, was man will, ist was herrliches, Finger, die eine Zigarette halten können, ohne sie im Tremor fallenzulassen, sind toll. "Intentionstremor", "Dysdiadochokinese." Und ich kann noch Links einfügen. That's cool, that's cool.. Ein Leben ohne Schmerzen ist auch der Wahn, ja du lieber Gott. Man weiß das erst, wenn man mal aus einem richtig üblen Kater aufgewacht ist und über Zeit viel Aua hatte. Erinnert mich an einen bettelnden Mann in einer Unterführung in Meersburg, irgendwann späte Neunziger, der, als ich an ihm vorbeiging, sang: Man muss erst in der Scheisse stehen, um einmal wieder Land zu sehen.

spiderino Ganz bitter hingegen ist, dass Op. 25 No. 1, wenn es nicht grad "kurz vor der Vollendung" stand, so doch recht passabel klang, als es Plopp gemacht hat; hat mich gut ein halbes Jahr gekostet und ich fand mich hinreichend beeindruckend. Ich wollte es bei Ulrich am Kawai an der Fensterfront zum See zu spielen. Diese Stelle ist so schön, wie das Leben sein sollte; so sollte es sich anfühlen (Beatrice Rana is like totally flott, nicht nur wegen dem Äbtissinenblick; sie zeigt, dass man wundervoll spielen kann, ohne dabei ständig zu schauen, als müsse man einen unvorhergesehenen Orgasmus im 5-Sterne-Restaurant auf den Genuss des Deserts schieben. Alles Selbstvermarktung). Wegen dieser Stelle und dem furiosen Finale hab ich es gelernt, Böööb. Ich bin finster entschlossen, da wieder hinzukommen. Hilft ja alles nichts. Der Weg dahin wird steinig, ich kann mit Links (ja klar substantiviert; es, "das" Links. Mit Links) Stand heute nicht mal nen Pfannkuchen wenden.
(Unglaublich schön ist übrigens auch das hier. Es ist verkehrt, das Piano mit jemand anderem zu besetzen als Nina Simone selbst, wenn sie singt, es ist trotzdem einige Male geschehen.)

schininittlauch

Schnittlauchblüten sind auch sehr hübsch.

Schuberts Impromptus D899 sind gute Musik, um aus Nachmittagsträumen aufzuwachen. Grade aus verstörenden Träumen, grade der erste Satz, der schließt unmittelbar daran an. Dann Tee. Und vielleicht ein Garettchen. Der dritte holt einen dann zurück: Das Leben hat mehr zu bieten als mysteriöse Untiefen, das Glück und das Schöne sind greifbar. Britzel sagt, ihre Träume kosten sie Kraft. Dass man danach den Rest vom Tag dem Traum nachhängt?, frage ich. Nein, das Träumen an sich, sagt sie. Ich verstehe nicht. Die Schwere des Traums kommt ja nach dem Aufwachen und besteht darin, dass man einer Sehnsucht oder sonst irgendeinem überstarken Gefühl nachhängt, deren Ursprung im Traum transparent erschien, sich dem wachen Verstand aber verschließt.

btg

Britzel im Tomatenglück. August

Luxus ist unter anderem, beim Nachhausefahren keinen Drängler hinter sich zu haben, der schneller fahren will. Weil, die Strecke Vogt-Karsee isch schee, und ich bummle gern und schaue mir die Landschaft an. Und höre Bach und Schubert, or whatever floats my boat. Ich fahre wie der letzte Opa, im 5. (mehr hat mein Töff nicht) bei 65 über die Landstraße, weil das ist gemütlich und spart Schibirit.

dreikommaacht

Mein Rekord liegt bei 3,7 auf 100 auf dem Heimweg, zur Arbeit 4,6. Und ich nutze jede Bushaltestelle und jede Bucht, um Schnellerfahrenwoller vorbeizulassen. Ich bin so ein Erz-Penner. Aber nach der Arbeit habe ich keine Lust mehr, mich weiter schubsen zu lassen.

oldgerman

Old German ist köstlich.

Bert sagt, er will, dass der Himmel immer bewölkt ist, "weil ich dann so ein gutes Gefühl hab". Er sagt es genau so, und ich weiß genau, was er meint, ich erinnere mich an diese Tage, im Sommer wie im Winter. Ich verstehe es nicht, aber ich erinnere mich, wie es sich angefühlt hat. Es ist so irr, dass sowas vererbt wird. Der Unterschied zwischen ihm und mir ist nur, dass er es artikuliert und damit rechnet, dass er Resonanz erfährt.

kelloggs

Kellog's Breakfast auch. Kommen beide ins feste Inventar

Und der Unterschied zwischen damals - Spätsiebziger und Frühachtziger - und heute ist, das sich damals alles nach Wohlstand und Sicherheit anfühlte - man konnte es atmen, in all den schönen Häusern der gebildeten Bürgerschicht Süddeutschlands, auf der Straße, in der Schule, sogar auf dem Feld - und man heute spüren kann, dass alles zum Teufel geht. Und der Teufel sitzt in DC (nicht in Moskau) und versteckt sich hinter Strohmännern und Drecksblättern. Dochdoch, so einfach ist es.

bild39

Luxusprobleme, die man haben dürfen sollte:

She said a good day
ain't got no rain
she said a bad day's when I lie in bed
and think of things that might have been


Es ist shocking und appalling: den kommenden Generationen wird dieses Recht auf Luxusprobleme nicht gewährt werden.

Nostalgie ist aktuell nicht nur erlaubt, sondern dringend geboten. Es braucht Menschen, die erlebt haben, dass das Leben mal gut war, weil sie wissen, dass es so sein kann - dass die Welt so eingerichtet sein kann, dass Mehrheiten es gut haben, der "bescheidene" Wohlstand. Nur diese Menschen, fürchte ich, werden sich wehren. Die unmittelbaren Nachkriegsgenerationen sind abgesackt, die werden nichts wuppen. Die genießen ihren Wohlstand, sind tablet-verblödet und denken - selbst als Opas und Omas - nicht über ihren zeitlichen Horizont hinaus. Die Generationen der 2000 sind ein eigenes Themas, jedenfalls werden die auch nichts richten, sie sind Sklaven wie keine Generation vor ihnen.

sp1

Jedenfalls sollte das Leben davon handeln, Schubert zu hören und mit schönen Kindern in Sommerkleidern in lauer Abendluft trockene Feldwege zu gehen, an deren Rändern Klatschmohn und Wegwarte wachsen. Fellow Earthicans, vergeudet nicht Eure Zeit: Das Universum ist indifferent, es gibt keine Bonusrunde - hört Schubert (Streichquartette, Klaviersonaten und Impromptus), Bach (Concerti und Trio-Sonaten) und Chopin (alles, vor allem Etüden und Balladen) (das alles sind zivilsatorische Höchstleistungen! Heute sind sie für jeden zugänglich), futtert fein, gegen Ungeficktheit hilft hinreichendes oder ausgiebiges Vögeln, lest gute Bücher (es gab vor uns schon richtig schlaue und einfallsreiche Köpfe; Demut ist angesagt) und schlaft viel, verbringt Zeit in lauschigen Gärten mit wilden Ecken, arbeitet mit Euren Händen, summt Eure Lieder für Euch allein. Schlaf erhöht die Lebensqualität, er schärft den Verstand, die Sinne und erhöht die Resilienz. Und dehnt Eure Bänder.

hach

Superignorant, wo bist du? Wahrscheinlich irgendwo in Asien. Du könntest wieder schreiben. Ich hab dich gern gelesen.

Permalink