Totem und Tabu
Gewisse Themen erschöpfen sich nie. Man kann sie immer wieder dreschen, obwohl bergeweise Literatur, Zeitschriften, Illustrierte und die Boulevardpresse sie erschöpfend ausgepresst, durch die Mangel gedreht und passiert aufbereitet nochmal aufgetischt haben. Das liegt nicht daran, daß sie besonders spannend sind, sondern daran, daß sie ganz ungemein konsensfähig sind.

Was über diese Themen geschrieben wird, ist weniger spannend – es ist entweder trivial, mangelhaft recherchiert/überdacht oder schlichtweg falsch. Nur aufschlussreich ist es selten, abwechslungsreich so gut wie nie, und originell, lehrreich oder schlicht und ergreifend: etwas Neues ist es nie.
Dennoch finden die Menschen große Freude daran und bringen bemerkenswerte Bereitschaft dafür auf, in diese Debatten immer wieder ritualartig einzusteigen und mechanisch den Kopf zu nicken, wenn die wohlbekannten Sätze fallen; sie konkurrieren regelrecht darin, die einschlägigsten und ultimativsten Urteile anzuschlagen und kriegen sich vor gegenseitiger Zustimmung gar nicht mehr ein. Haben sie ausgiebig und gründlich tief im Pool des gemeinschaftlichen Konsens gebadet und sich im Becken gegenseitig Einhelligkeit in ungekannter Klarheit zugeplantscht, entsteigen sie der katharsischen Kneippkur, watscheln zurück in ihre Boxen und fühlen sich erheblich besser als vorher, geradezu bereinigt.
Das ist interessant. Denn im Allgemeinen besteht die Methodologie konsensschwangerer Debatten darin, sich so relativ, allgemeingültig und unbestimmt zu äußern wie nur irgend möglich. Für Konformitätsorgien errichtet man in der Regel lieber undurchsichtige Schwammsuhlen als Kneippbäder, hält sein Urteil absichtlich unklar, überprüft jede noch so kleine Andeutung von Deutlichkeit dreimal auf Angreifbarkeit und verharrt in einer Autarkie, deren diffuses Prinzip darin besteht, so großspurig und tiefgründig wie möglich aufzutreten und gleichzeitig inhaltlich rein gar nichts zu sagen. Nicht so hier.


Zwei dieser nimmermüden Themen sind: die Konsequenzen, die aus dem NS-Regime zu ziehen sind – und die Widerwärtigkeit pädophiler oder sich auf (Vor)-Pubertierende richtender Umtriebe. Beide sind moralischer Natur, und gerade darin besteht ihre Attraktivität für den Autor wie auch seine lobhudelnde Jüngerschaft: zum einen hat der Verfasser derartiger Beiträge kaum mit Widerstand zu rechnen; im Gegenteil, man wird ihm viel eher den roten Teppich ausrollen und ihm süffisant schmierige Laienurkunden ausstellen alleine für seine noble Ambition, sich dieser gesellschaftskritischen, ach so hochaktuellen und dringend benötigten Thematik so verflucht engagiert anzunehmen – und vollmundig auszusprechen, was wir doch eigentlich im Grunde alle denken, nicht wahr. Das musste mal gesagt werden!, erklingt es ungewöhnlich einhellig wie aus einem Munde.

Menschen beschäftigen sich nicht mit dieser Materie, weil sie sich etwa davon betroffen fühlen. Obwohl diese Inhalte oft Lieblingsaustragungsort für plakative Darstellungen des eigenen Idealismus sind, geht es gerade bei diesen Themen ganz sicher nicht um so etwas Urteilsfindung: denn nirgendswo sonst stehen die Urteile einer Diskussion bereits im Vornherein so klar fest, wie in der Frage der Bewertung von Pädophilie oder etwa des Dritten Reiches. Nichts ist verlogener, als ein gerade für jene Bereiche konsensfähiges Urteil als das eigene, das selbst eruierte, aus freien Stücken konkludierte zu verkaufen, für keine Fragestellung ist die Gesamtheit aller möglichen Antwortalternativen so klar vorbeurteilt: in keiner Angelegenheit erscheint die Ernsthaftigkeit der eigenen Involviertheit zweifelhafter. So sehr sich die quakenden Frösche auch darum bemühen, ihre restlose Übereinstimmung, ja ihre originäre gedankliche Identität mit dem Urteil der Obrigkeit zu beteuern, ihre Entrüstung zum wiederholten Male auf Hochglanz polieren und auf pathetischen Silbertablettchen, mit vorab wohlüberlegten Phrasen garniert, in die Runde schmeissen – sie sind nichts weiter als tumbe Konformisten, und ihr Anliegen ist nicht jenes, sich in einer relevanten, noch zu entscheidenden Streitfrage mitentscheidend zu beteiligen, sondern das Erschleichen zweier Günste: einerseits hält sich schadfrei, wer in diesen zornig überwachten Befragungen an die hehre Gesinnung seiner Mitmenschen stets schön rektal kriecht und artig die einzig richtige Antwort aufsagt (die jeder Dämlack besser kennt als seine eigene Körpergrösse; weshalb die hochtönende Zustimmung, die auf das Nachplappern folgt, um so lächerlicher ist – Lügen erlernt man im Alter von zwei Jahren); zum anderen darf, kann und tut er auf das uneingeschränkte Wohlwollen seiner Mitmenschen spekulieren, auf die unbemerkt mitschwingende, würdevolle Emporhebung in die Sphäre der tiefer Verstehenden, der menschlich Erleuchteten, der weise und müde lächelnd auf (verwirrte) Andersdenkende Herabblickenden, vor allem aber: auf die zensurlose Aufnahme in den geschlossenen Kreis der Hochanständigen und wahrhaft Integren.

Dieses Moment ist ausgesprochen erhebend. Denn es bewirkt beim Konformisten etwa folgendes, durch die unzweifelhafte Richtigkeit des gerade ausgesprochenen Obrigkeitsurteils selber als unzweifelhaft richtig bescheinigtes Selbsturteil: du bist einer von den Guten (Und, angenehmerweise: Du bist nicht allein). Was auch immer du in deinem Privatleben so treibst: durch dein Richtigliegen in diesen für die Gesellschaft und die Demokratie und überhaupt humanistisch so bedeutsamen Fragestellungen (die nie welche waren) hast du dich als guter, tief im Herzen hochanständiger Mensch ausgewiesen. Heimlich und stimmlos flüstert es in uns: ‚Betrügst du deine Frau, bumst du fremd? Lässt du bei der Arbeit Geld mitgehen, mobbst du Kollegen, würdest du deine knackige junge Praktikantin gerne mal am Kopierer gründlich durchficken? Betreibst du ein unehrliches Gewerbe, bist du Versicherungskaufmann oder Anwalt, beschäftigst du Ausländer schwarz weit unterhalb der Tariflöhne? Vernachlässigst du deine Kinder, lebst du eine erkaltete Scheinehe, ist dein Leben ein langweiliges, ödes Dahinvegetieren? Hast du gerade eine Beziehung zerstört, bist du ein notorischer Manipulierer, der andere nur benutzt, um sein Ego über Wasser zu halten? (Geht es dir beschissen zur Zeit, hast du Depris?) Gibt es nicht vielleicht doch irgendetwas, eine Kleinigkeit, die du an Hitler gar nicht mal so schlecht findest?… hast du vielleicht schon mal heimlich zwei Zwölfjährigen unter ihre kurzen Tops auf ihre zarten Beinahe-Tittchen geschaut…? - Macht alles nichts: mach dich nur lautstark bemerkbar, wenn wo über die notwendigen Konsequenzen aus dem Dritten Reich schwadroniert wird, gib freizügig deinen vorgeschlotzten Senf dazu und male jeden Mann, der einer Pubertierenden Blicke nachwirft, unverbrüchlich und eindeutig als moralisch endgültig korrumpierte Drecksau aus – dann wird dir all das verziehen werden. Wichtig ist schließlich, daß du in den großen, gesellschaftlich entscheidenden, über den Einzelnen hinausreichenden Fragen das Herz am rechten Fleck hast, stimmt’s? Angesichts dieser Dimension wirken deine kleinen, privaten Fehlerchen gleich viel unbedeutender und verzeihlicher.‘

In diesem heimlichen, niemals ausgesprochenen und dennoch effektiv mitwirkendem Schiedsspruch liegt die zweite Attraktivität – jene für die breite Akklamation Kotzenden: eine kleine private Absolution durch eine mit Bravour vollzogene, öffentliche Moraltauglichkeitsprüfung (im Kern: ein Idiotentest); ein mehr oder weniger bewußtes Sich-Gut-Dünken, ein Scheingefühl, eine gesellschaftlich relevante gute Tat vollbracht zu haben, von der ab sofort in uneingeschränkter Allgemeinheit auf die Lauterkeit des eigenen Ichs geschlossen werden darf. Und wird nicht ständig gepredigt, daß alleine durch das Lippenbekenntnis schon etwas gegen die Mißstände unternommen wird?


Deshalb sind Tabus so etwas Schönes. Wer sich zur lautgebenden Instanz ihrer gebetsmühlenartigen Wiederholung berufen fühlt, kann auf viel Angenehmes rechnen: für anständig darf er sich halten, für menschlich erprobt ebenso, für weise und tiefgründig obendrauf – und viel, viel Anerkennung wird er auf sich ziehen. Anerkennung, die nichts weiter ist als eine spezielle Form von: Aufmerksamkeit. Obendrein erhält man dieses untrügliche Gefühl, aus seinem kleinen Leben für einen kurzen Moment in etwas Grösseres hineingezogen worden zu sein, an einer kollektiven Sphäre bedeutsamer Größe Teil zu haben, sogar, Teil dieses Bedeutsamen selbst zu sein.

Natürlich zahlt man dafür, wie für alles, einen Preis: man ist wegen seiner Konsensgeilheit kein besserer Mensch, nicht ein Stück weit – das ist alles nur Lug und Trug, und die Flucht in bequeme Gelegenheiten, sich selbst besser ertragen zu können, ohne außer einem Lippenbekenntnis viel dafür tun zu müssen (geschweige denn irgendetwas ändern zu müssen); desweiteren gibt man in dem Moment seinen Verstand am Eingang ab, in dem man sich wieder mal routiniert, einem automatischen Mechanismus gleich, in die schwätzende Runde wirft und das Vorgekaute wiederkaut – denn nur weil sich ein Gedanke für uns nachvollziehbar anfühlt, muss er deswegen nicht zwangsweise von uns selbst vollzogen worden sein – man täuscht sich selbst verdammt leicht (und verdammt gerne) über die Originärität des Geurteilten. Dieser Preis ist der Grund dafür, warum sich diese konforme Urteilen, dieser Glauben, dabei sich selbst und sein eigenes Dafürhalten ins Spiel zu bringen, so chronisch leer anfühlt: eben deswegen, weil sie nicht von uns stammt; wir konnten vorab schon keine echte Identität mit derartigen Gedanken ausmachen, weil wir sie nicht als Ergebnis eines eigenen Denkprozesses empfingen, sondern als erlernten Ritus, dessen Inhalt nicht einmal kritisch von uns überprüft wurde. Was zugegebenermaßen auch ziemlich schwierig ist bei moralischen Tabus.




Über letzteres wurde hier ein Beitrag verfasst. Er ist kompensationsmotiviert, pseudoreif und auf die gleiche, frustriert anmutende Weise ätzend wie der Abiturszeitungsbeitrag einer verwöhnten Oberstufengymnasiastin aus gutem Hause zum Thema „Kondome auf dem Schulhof verteilen“. Müsste man ein inhaltliches Schlagwort finden, das eine bezeichnende Überschrift liefert, wäre „Sexuelle Engagiertheit“ nicht unpassend, was die Reife, die Motivation und vor allem: die Eigenerfahrenheit der Autorin zum Thema angeht, wäre „Mangel an Empirie“ treffender. Konsensträchtige Klischées werden in einer Mischung aus verletzter Arroganz und antizipierter großmütterlicher Altklugheit ausgewrungen: 30jährige, die sich ebenso verlustiert wie ungeniert über die körperlichen Entwicklungen pubertierender Schülerinnen auslassen und unbedacht die Mode für den Zuwachs an Pädophilen verantwortlich machen, um dadurch ihr eigenes deformiertes Lustprinzip zu rechtfertigen, zeichnen das darin vorherrschende Bild von Männern (“Ihr Männer!“. Hurra) ab, die völlige Ahnungslosigkeit der Kinder wird salomonisch beschworen, die sich jene trophäenjagenden Triebgesteuerten zum „Zielobjekt“ machen, die wahrscheinlich nicht einmal mehr in ihren Swinger-Clubs eine abkriegen: lausige Loser, schwanzgesteuerte Mistkerle ohne Geschmack, Anstand und Format, niederinstinktive Primitivlinge, die sich durch Mangel an Auswahl an 16jährigen vergreifen. Es bleibt offen, ob ein paar flüchtige Beobachtungen auf öffentlichen Gemeinplätzen ausreichen, um bei jemandem ein derartiges Männerbild auszulösen.

Frau ist weise: einerseits bedaure man das völlige Fehlen von wählerischer Zurückhaltung bei Erfahrung suchenden 13jährigen, andererseits „gönne man ihnen das ja“. Das ist wirklich, wirklich sehr edel, großherzig und höchst lobenswert.

Nur klingt der Text einfach überhaupt nicht so. Dafür ist die Beschreibung dieser jugendlichen Wirrungen viel zu abschätzig und einseitig negativ dargestellt; es klingt mehr nach bissigem Neid als in irgendeiner Weise sachlich und kritisch, und vor allem klingt es nicht nach echten eigenen Erfahrungen, sondern nach wiedergekautem Hörensagen (Man hört überhaupt von jenem Fräulein, in diesem Eintrag wie in zahllosen anderen auch, die immer wiederkehrende, nimmermüde Beteuerung des eigenen „Erfahrungen-Gemacht-Habens“. Man kann sich Fragen stellen, wieso es für Menschen so wichtig ist, unablässig ihren immensen Erfahrungsschatz zu beteuern. Wir denken uns natürlich nichts dabei.). Na ja. Wer „Emma“ liest, wird dort differenzierter bedient.

Frau bemängelt, daß man sich ab 13 „feste Freunde“ zulegt. Was bringt einen auf die Idee, daß das grundsätzlich zu einer ersten 2-Wochen-Beziehung führt, die sofort wieder in die Brüche geht? Ich nehme an, daß hinter diesem Allgemeinurteil selbstverständlich keine eigene Erfahrung steht, sondern eine Ansammlung statistischer Daten über die ersten Beziehungen verschiedener 13jähriger? Einmal angenommen, es führt tatsächlich zu einer wackeligen 2-Wochen-„Beziehung“, die mit einer Enttäuschung endet – was ist so uneingeschränkt scheisse daran? „Sich verknallen“ allmählich überzuleiten in „Sich in den/die Richtige(n) verlieben“ hat höchstwahrscheinlich mit dem Anlegen von selektiven Kriterien für potentielle Partner zu tun. Wäre mal interessant zu wissen, wie man dorthin gelangt, ohne Erfahrungen zu machen, sprich: ohne erste Beziehungen, Freundschaften oder whatsoever einzugehen. Vielleicht steht frau auch dafür ein, sich in frühem Alter lieber noch gar nicht zu binden – man weiß es nicht.

Mit 14 versuche man, sein erstes Mal zu erleben und knutsche auf alcopopisierten Parties miteinander rum. Das klingt, so in Reihe mit dem vorigen Argument, einfach nur bissig und – zutiefst spießig. Mir fällt auch kein Argument dagegen ein, warum 14jährige nicht miteinander experimentieren sollten – viel mehr aber dagegen, daß sie sich die Birne mit Alcopops zusaufen. Nochmal, was ist grundsätzlich dagegen einzuwenden, daß 14jährige miteinander rumkabeln, solange sie dabei unter sich bleiben? Ausschlaggebendes Kriterium ist meines Erachtens weniger ein wie auch immer mit einer bestimmten Zahl („16“/“17“) in geheimnisvolle Verbindung gebrachtes „Bewusstsein“, sondern a) ein schlichtes Wissen (Verhütung. Was wenig mit Bewusstsein zu tun hat, sondern mit anerzogenem Wissen) und b) eine gewisses Stadium körperlicher Entwicklung.
Es ist unter Konsensdenkern wie jener jungen postgraduierten Autorin sehr gerne die Rede von einem gewissen „Bewußtsein der eigenen Sexualität“ oder von „geistiger Reife“, wie von einem geheiligten Phänomen – und von dem unabdingbaren Grundsatz, daß diese der ersten sexuellen Erfahrung vorangehen müsse, mehr noch: Grundlage für die erste sexuelle Erfahrung sein müsse, damit diese in einem gewissen Bewußtsein der eigenen Sexualität erlebt werde. Ich kann überhaupt nicht sagen, für was für einen Schwachsinn aus der Serienproduktion moralischer Dosenkost ich das halte.

Was zum Henker soll das bitte im Einzelnen sein, diese „geistige Reife“, und inwiefern soll sie die erste sexuelle Erfahrung so grundsteinlegend mitgestalten? Wie soll sich ein sinnvoll anwendbares, pragmatisches Bewußtsein der eigenen Sexualität entwickeln, wenn nicht durch den Akt selber? Es gibt etwas, das keine „geistige Reife“ und kein „verantwortungsvolles Bewußtsein der eigenen Sexualität“, nicht einmal das eines Super-IQlers, vorwegnehmen kann: das erste sinnliche Erlebnis des Geschlechtsakts. Es ist hanebüchen und an verschraubter Lehrerzimmer-Weisheit nicht zu übertreffen, wie idiotisch die Annahme ist, „geistige Reife“ könnte etwas so Intensives wie den ersten Geschlechtsakt bewußtseinskonstituierend beeinflussen – oder sei vielmehr notwendige Voraussetzung dafür, diesen „bewußt“ zu erleben.
Tatsächlich verhält es sich genau umgekehrt: das Erlebnis des ersten Geschlechtsakts ist es, das eine ganze Kaskade persönlichkeitspsychologischer Entwicklungen auslöst, bei Männern wie bei Frauen; genau diesen Fall habe ich beobachtet, nicht sein behauptetes Gegenteil: daß Personen, die ihr erstes Mal hinter sich gebracht haben, innerhalb weniger Monate bedeutende persönliche Entwicklungen vollzogen haben, die teilweise jahrelang auf sich hatten warten lassen: ein spürbar gesteigertes (dauerhaftes) Selbstbewusstsein, eine gesteigerte Durchsetzungsfähigkeit gegenüber anderen, ein erweitertes Bewusstsein der eigenen Geschlechtlichkeit, manchmal eine Abnahme der Distinktheit, fast immer eine Zunahme an Lebensfreude und, damit verbunden, Progressivität, sowie die Initialisierung zahlreicher sozialer Dynamiken. Womöglich kann ein Werdegang an einer katholischen Mädchenschule einen darin bestärken, daß das richtige „Bewußtsein“ das erste Mal auf geheimnisvolle Art und Weise aufforstet. „Eigene Erfahrungen“, welche die Autorin ihrerseits unablässig beteuert, können einen in dieser Doktrin ganz fix widerlegen. Vorausgesetzt, man macht welche, und vorausgesetzt, man zieht aus dem Ausgang dieser Erfahrung die richtigen Erkenntnisse. Interessant in diesem Zusammenhang ist die Beobachtung, daß besonders häufig jene Fräuleins die segenspendende Wirkung der „geistigen Reife“, a.k.a. der „reifen Einstellung“ propagieren, die sich selber so ungemein frühreif und verwegen dünken, daß gleichaltrige junge Herren für sie gleich überhaupt nicht in Frage kommen. Das sind übrigens auch die, die in ihren „reifen“ Beziehungen am häufigsten auf die Nase fallen, weil ihr um Jahre älterer Partner eben doch nicht ganz so reif wie gedacht war, und das junge Fräulein einfach nicht genug Menschenkenntnis besaß, um diese Unreife schnell genug festzulegen. Betrachtet man später Photos und andere Zeugnisse aus der gemeinsamen Zeit (die man alle für sich mit dem „intensive, bewusst gelebte Zeit“-Prädikat versehen hat) und fühlt sich entsprechend von der eigenen „Reife“ verarscht, kann eine kleine Pauschalpolemik auf die wild und kopflos mit ihren Körperöffnungen experimentierende Doof-Jugend und die notorisch triebgesteuerte Männerwelt durchaus erhebend sein – immerhin sind die alle noch doofer als man selbst. Dann macht es auch nichts mehr aus, daß in der eigenen Beziehung das gleiche Alters- und Erfahrungsintervall klaffte wie zwischen einer 16jährigen und einem 30jährigen; das war ja auch überhaupt nicht das gleiche, das war nur die Zusammenkunft Gleichgestellter! Schon klar. Wahrscheinlich spricht sich die junge Autorin mit ihren zarten Jahren deshalb auch so bereitwillig und vollmundig darüber aus, daß es nun mal – ach ja! – in der Jugendlichkeit liege, daß man die ekligen Absichten hinter den Avancen müffliger Dreissigjähriger nicht erkenne. Hach! Zum Glück passiert einem so etwas nicht selber!, flötet man sich innerlich zu. Mir wird schlecht bei dieser Kleinkind-Greisen-Mischung aus Weisheitsplagiaten und jugendlicher Unkenntnis.



Ich liebe ja eigentlich diese Weltbilder möchtegernverwegener Postpubertierender, die sich um nichts mehr Gedanken machen, als möglichst altklug rüberzukommen. Was das eigene, fürsorglich von aller Gefahr abgeschirmte Leben an Gelegenheiten nicht bietet, wird dabei durch prätendierte Weitsicht, Scharfsinn und „Reflektiertheit“ vorweggenommen (was primär dazu dient, sich selbst und andere von der eigenen Lebensklugheit zu überzeugen), und diese ist vor allem eines: verkopft. Leider impliziert das Wort „Erfahrungen“ das tatsächliche Erleben der der Weisheit zugrundeliegenden Ereignisse; hier bereits schlägt dieser (typisch jugendliche) Hang zur Abgeklärtheit Purzelbäume, wenn sie antizipiert, was gar nicht erlebt wurde, aber aus imaginierten Vorstellungen vorschnell Weisheiten zieht. Das ist der Kern dieser Art von Selbstüberschätzung: aus lauter Wünschen, sich möglichst erfahrungsüberlegen und lebenssicher zu präsentieren, werden ganze Kaskaden von wichtigen Erfahrungen übersprungen, im Eilverfahren unter „Erledigt“ abgelegt, und mit der pseudogereiften Wahrnehmung wird ab dann die eigene Lebenswirklichkeit gefiltert. Die Folge ist ein unendlicher Regress aus irrigen, fragmentarischen Denkkategorien, die nicht vervollständigt werden können, weil sie schon unter „Das hab ich bereits hinter mir“ abgelegt wurden – und angestrengt provokatives Auftreten, das schnell nervt.

Richtig blöde aber wird es, wenn man behauptet, daß sich jede Jugendliche, die mit 16 noch nicht gefickt habe, dafür rechtfertigen müsste - oder daß die ersten sexuellen Gehversuche 14jähriger bestenfalls mit einer schnellen Ejakulation enden. Eine derartige Pauschalität lässt höchstens Schlüsse auf die Weltfremdheit der Autorin zu; und die verbissen polemische Seite dieser Behauptung lässt mehr auf persönliche Motive als auf exakte Beobachtungen schliessen (interessant ist, daß die Autorin in diesem Zusammenhang auf Realschülerinnen verweist. Scheint wohl ein Schichtenproblem zu sein.).


Es gibt wahrscheinlich weniger blödes (und unreiferes) als jenen Feminimus, der, mangels echter Erfahrung, aus einer Mischung von antizipierter und echter Frustration heraus über sein Ziel hinausschiesst – und spätestens dann zum Alice-Schwarzer-Sexismus ohne Sinn und Verstand wird. Ich plädiere dafür, so etwas „infantilen“ oder „naiven“ Sexismus zu nennen.
Die Autorin oben besagten Beitrags findet Sexismus natürlich auch ganz großartig. Zum einen, weil er in Mode, so öfffentlichkeitswirksam und so überaus konsensträchtig (und trafficgenerierend) ist; zum anderen, weil er sich das Aushängeschild der „selbstbewussten Frau“ um seinen dürren Hals gehängt hat, denn er trägt das Stigma, erhellende Folgewirkung tiefer Enttäuschungserlebnisse über die schrecklichen Männer zu sein – und so was fällt ja schliesslich in die Kategorie „ganz arg erfahren sein“. Das findet Mademoiselle natürlich ganz großartig daran.
Unter anderem aber ist er auch deshalb angenehm, weil er den Weg des geringsten Widerstands beschreitet, um auf sich aufmerksam zu machen. Sexismus gegen Männer ist nämlich in, erwünscht, politisch korrekt und wird als engagiert und progressiv verkauft; und er bietet eine wunderbare Plattform, sich abgeklärt und witzig zu geben. Beste Voraussetzungen für kleine Prinzesschen aus gut behütetem Zuhause, mal ganz verwegen zu sein. Die Erkenntnis, daß der Weg zu einer wirklich reifen und glücklichen Beziehung weit abseits jeglichen Feminismus‘ und (männlichen oder weiblichen) Sexismus‘ verläuft, haben die wirklich klugen Frauen entweder vorgelebt bekommen oder sich mit Anfang 20 klargemacht. Schwesterherz, du seist gepriesen.

Amüsant bis blöde und wird Sexismus dann, wenn er seine Anhängerinnen dazu verleitet, unter Beimischung von dümmlichstem Intellektgestrotze „das älteste Gewerbe der Welt“ allen Ernstes für einen Euphemismus zu halten – oder zu glauben, ein Mittdreissiger würde seine Anfang-Zwanzig-Freundin viel ernster nehmen als ein Dreissigjähriger sein 16jähriges Fickfröschchen. Hahaha! Bei dieser permanenten „Ich bin so reif und erfahren“-Selbstdarstellung kontrastieren einige Behauptungen mit solcher Krassheit, daß ich annehme, die Autorin bezieht ihre First-Hand-Informationen ausschliesslich aus Vorabendsoaps und Young Miss-artigen Printmedien, nur nicht aus der Realität. Die Anfänge der Sexualität seien für Jungen nichts als ein Egotrip? Folglich gibt es wohl auch keine sensiblen Jungen, die Sexualität ebenso ängstlich und emotional gegenüberstehen wie junge Mädchen? …wie viel deutlicher kann man eigene Frustration öffentlich darstellen? Der Rest des Beitrags besteht vor allem aus matronenhaftem, hochtrabenden moralischen Gewäsch und der daraus resultierenden völligen Blindheit für den biologischen Aspekt menschlichen Sexualverhaltens. Auf einen der wenigen klugen Beiträge in den Kommentaren erwidert Mademoiselle, daß „Anstand und Grenzen“ im „modernen Menschen“ (als sei der männliche Sexualtrieb grundlegend geändert worden seit der Neuzeit. Hahaha!) von oben aus die niederwürdigen Instinkte kontrollieren könnten, die die Männerblicke auf junges Fleisch lenken. Christ. Das sind diese Flachlünnen, die glauben, die Biologie könne man moralisch erziehen; die das Klebebild ihres Idealismus einfach nicht von der Realität abziehen wollen, weil es zu weh tut. Während Madame yetused fleissig weiterquakt, beweist ihre Vorposterin einen weniger verzerrten Blick auf die Wirklichkeit. - Der Superknallfrosch aber ergibt sich beim Thema psychologische Ursachenforschung: junge Mädchen würden sich älteren Männern um den Hals werfen, um „angehimmelt“ zu werden, wegen Geld, oder, am lachhaftesten: um etwas Verbotenes zu tun? Oh Jesus Christ!, ist diese moralpädagogisch wertvolle Nonnenweisheit das Ergebnis katholischer Einflüsse oder aus irgendeinem Enid Blyton-Roman?


Der häufigste – und damit auch als primäre Ursache nennenswerteste – Grund, warum sich junge Dinger älteren Herren an den Hals werfen ist, ist keine egozentrische, keine finanzielle und auch keine antiprohibitive Motivation – der häufigste Grund sind familiäre Schwierigkeiten und das unerträgliche Gefühl, von niemand geliebt zu werden. Wenn frau in ihrem rosadurchwirkten Wohlstandsleben ein wenig mit Menschen aus schwierigeren Verhältnissen zu tun gehabt hätte, wüßte frau das auch. Dadurch gelangt man darüber hinaus auch zu der schwerwiegenden Erkenntnis, daß profunde Erfahrungen in erster Linie daher rühren, daß man in der Scheisse in und großen Schwierigkeiten aufwächst (und daß die meisten Menschen dieser Herkunft es für das peinlichste halten, sich ständig mit seinen Erfahrungen zu brüsten; ich persönlich finde es fatal). Von der Empore der finanzstarken badischen Oberschicht aus sind diese Dinge allerdings schwer bis gar nicht zu erreichen; bleibt die Zuflucht, Erfahrenheit wenigstens zu mimen. Wenn man also als wohlstandsgesonnte Anfang-Zwanzigerin das verzweifelte Bedürfnis hat, seine in gähnender Langeweile angestaute Erfahrungsdeprivation zu stopfen, muss man nur in etwas schwierigeren Verhältnissen reinkarniert werden. Vielleicht hat man dann auch weniger Gelegenheit, diesen schulmädchenhaften, bissig-ätzenden Nörgelblick auf eine Jugend zu entwickeln, für deren Erlebnisse man selber zu brav war - der hat zwar wenig mit Reife zu tun, wirkt aber immerhin alt; sehr alt.

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todaystomorrow, Dienstag, 29. Mai 2007, 22:16
Ein doppeltes "Holla" von meiner Seite:

- Sehr, sehr richtiger Inhalt. Zum Teil genau die Gedanken, die ich beim Lesen des thematisierten Artikels aber bestenfalls schwammig in mir hatte; hier schick bis in die letzte Konsequenz filettiert.

- Sehr, sehr viele Worte. Aber das ist ja Ihre Sache ;)

genelon, Dienstag, 29. Mai 2007, 22:37
In der Tat viel
zu viele Worte.

Habe den Anlass genommen, um mich ein wenig an Konsensgeilheit im Allgemeinen auszulassen - war im betreffenden Blog so wunderschön exemplifiziert! Der Aspekt des Trafficgenerierens kam dabei viel zu kurz, eigentlich müsste ich den Text aufstocken... was undankbar wäre gegenüber deiner Geduld beim Lesen, also lass ich's. :D

ederlgurke, Sonntag, 17. Juni 2007, 21:21
wunderbarer artikel - mit dem ich in grossen teilen, aber nat. nicht ganz übereinstimme ;)

weiblicher sexismus gegen männer mag in 'bestimmten schichten' mit wohlwollen aufgenommen werden - die nichtbürgerliche realität sieht aber nach wie vor so aus das feminismus in form von zustimmung zum dreier, oder zur belustigung des festen freundes mit freundin knutschen die wenigen formen akzeptierter 'andersartiger' sexualität sind - überspitzt betrachtet. diese erfahrungen habe ich jedenfalls gemacht (unterschicht, beamtenmittelmass-preakariat - also alles was von sich meint über gesunden volksverstand zu verfügen)

gar genderdiskussionen u.ä. geartetes werden behandelt wie man viele kritische gedanken von frauen behandelt, nämlich mit ignoranz oder verlachung - oder wenns zu 'bedrohlich' wird mit beschimpfungen und gewaltdrohungen bis echter ausgeübter gewalt.

in der ddr und späteren osten aufgewachsen bin ich sicher nicht mit einem 'feindbild' mann aufgewachsen, tätigte aber so meine erfahrungen - nun bin ich als misantroph alles andere als objektiv ernstzunehmen - meine aber das dies eher die tendenz ist - kann aber auch sein, dass dies eine spezielle ostdt. kenngrösse ist - wenngleich zahlen zB zum thema erziehungsjahr beweisen dass sich der mann in der rolle des von familiärer verantwortung befreiter finanzesel eher wohler zu fühlen scheint als in beziehungsgeflechte gezwängter.


älteren männern werfe ich mich bevorzugt an den hals aus ganz profanen seelenverwandtschaftgründen - und weil sie, aber das möchte ich nicht zur regel erheben, gemeinhin besser im bett sind *muha* - im von ihnen beanstanstandeten artikel schrob ich auch einen kommentar zum thema.