Freitag, 25. Mai 2007
Umgang mit Affirmation und Kritik. Kleine Anleitung für ErfahrungssammlerInnen
Es gibt einen bestimmten Blog-Typ – besser: einen Bloggertyp – der sich durch ein zentrales Merkmal auszeichnet: er veröffentlicht seine Inhalte nicht ohne Erwartungshaltungen an die Affirmation seiner Leser. Das Gesamtpaket seiner Eigenschaften richtet sich an diesem Merkmal aus, ebenso seine Bloggestaltung und seine Leserschaft.


Knapp: Kritik wird nur in Andeutungen toleriert, umfassende Ablehnung des Gebloggten seitens der Leser wird mit Ignorieren, Zensur oder sogar mit Ausschluss bestraft. Parallel dazu werden gerne mal öffentlichkeitswirksame Diskussionsfestivals veranstaltet, wo in feierlichen Beschwörungen über die Wichtigkeit der Meinungsbildung geplaudert wird und schlaue Fragestellungen aufgeworfen werden, „was denn nun eine wirkliche, eigene Meinung sei“. Die Frage jedenfalls, ob hier in selbstverkennerischer Manier geheuchelt wird, stellt sich nicht wirklich: große Dimensionen demokratischer Grundrechte, die hier als die ureigenst beglaubigten und vertretenen anpriesen werden, sind von vornherein durch die selbstverkennerischen Erwartungshaltungen der jungen Autorin korrumpiert: kommentiert werden darf, was schmeichelt, bestätigt, das Gefühl verleiht, attraktiv zu sein, ermuntert, tröstet, leicht hinterfragt – Kritik mit Rekurs auf die Persönlichkeit der Autorin hingegen ist kategorisch unerwünscht. Der Mangel an praktizierter Meinungsfreiheit wird dadurch ersetzt, daß man wenigstens großspurig über Meinungsfreiheit redet: man echauffiert sich besorgt über die Zustände im Internet, schreibt so allerlei Genius-Zitate und Phrasen dazu, die man in Lebensweisheitsbüchlein aus Accessoire- und Geschenkläden aufgeschnappt hat, schwadroniert über die Bedeutung kritischen Denkens, beschwört den Purismus des Pluralismus und zelebriert vor allem sich selbst.

Ulkigerweise fallen solche Diskussionen immer in solche Augenblicke, nach welchen gerade eine Meinung der Zensur anheimgefallen ist; weil sie zu bemerken wagte, der Autor – in diesem Falle: die Autorin – schreibe aus persönlicher Befangenheit heraus, und obendrauf ziemlich grünschnabelig und kleingeistig. Eifrig und zutiefst besorgt um das eigene Image steht man in den Startlöchern, um ja keinen weiteren Negativkommentar zu verpassen und ihn schnell und klammheimlich wieder zu löschen – einer der willkommeneren Stammgäste könnte ihn schliesslich lesen und feststellen, daß darin nicht nur Unsinn steht. Und, nun ja, wenn schon zensiert wird, dann sollte das möglichst keiner mitkriegen – es kommt halt nicht so gut rüber, über Meinungsfreiheit und –Bildung zu schreiben und gleichzeitig unliebsame Kommentare zu löschen. Die Debatte zwischen der instinktiv hechelnden Stammleserschaft und der Autorin, die für gewöhnlich nur nach Abgabe qualitativ besonders hochwertiger Schleimereien gnädig ihr Lob unter das Hechelfußvolk verteilt, wird indes immer bedeutungsvoller, globaler und idealistischer, und gleichzeitig immer schmieriger, substanzloser und reziprok speichelleckerischer („Richtig!“, „Oh Ja!“): das infam verunglimpfte Opfer versucht nach Kräften, durch affirmative Einläufe bei der Stammleserschaft eine Vielzahl potentieller Jünger um sich zu scharen, dir ihr bei Bedarf in einem aufflammenden Wortstreit gegen den bösen Kritiker schön nachbeten, um diesen wenigstens quantitativ zu überstimmen, Prinzip: wem mehr geglaubt wird, der hat auch recht. Höchst fatal (, bemerkte Schlich. Hehe! Aber nicht für mich!). Aber immerhin ein gewisser Pragmatismus in Sachen Meinungsbildung Hut ab.




Nachdem ich mich langwierig über diese Verwirrtheiten in der Postpubertät steckengebliebener Suffragetten ausgelassen hatte, wollte ich gerade folgenden Kommentar über diesen Kommentar verfassen:
Danke für den "Genealogen", du Liebchen. Es ist immer wieder ulkig, wenn Menschen wütend als "Hobbypsychologen" begreint werden, weil sie eine Unterscheidung zwischen frustrierter Polemik und sachlichen Beiträgen feststellen. Da ich weiß, wie sehr du um das Aufmerksamkeitskontingent deiner Leserschaft und deine Besucherstatistik bangst, trage ich mich lieber als "Genealogen" ein, damit niemand auf die Idee kommt, meinen Blog zu besuchen. Und deine konsensträchtige Themenwahl hat schliesslich einen großen Bienenschwarm auf deinen Blog gelockt, eigentlich solltest du dich über die vielen Hits freuen.

Wahrscheinlich glaubst du allen Ernstes, man müsse psychologische Fähigkeiten besitzen, um zu erkennen, daß das, was du über die "Sexualisierung unserer Kinder" (ein an und für sich verfehlter Titel; die Erkenntnis, daß Kinder sexuelle Wesen sind, ist über 100 Jahre alt) schreibst, grünschnabelig, herbeigezogen und im Kern: wütend ist? Wo ein Zuviel an Wertung ist, ist die persönliche Befangenheit nahe. Hat dir das dein großer Erfahrungsschatz noch nicht verklickert? Ist ja nett, daß du hier mit einer "Genealogie der Meinungsbildung" nochmals zu bekräftigen versuchst, daß deine Meinung eben keine Meinung, sondern unumstössliche empirische Feststellung und damit Wahrheit ist - es ändert nichts daran, daß deine abschätzigen Aussagen über vor- und pubertäre sexuelle Gehversuche schlichtweg unsinnig, pauschal und in ihrer Allgemeinheit vollkommen daneben sind.

Es hat bei weitem nicht jede 14jährige das einzige, unausweichliche Ziel, möglichst schnell ihre Jungfräulichkeit zu verlieren, erste Experimente führen nicht zwangsläufig zu einem vorschnellen Abspritzen, und Pubertierende sind auch keine unzurechnungsfähigen Hormonhaubitzen, das ist schlichtweg Bullshit, der leicht und schnell abgetan werden kann. Nochmal, du glaubst wirklich, man müsse "Hobbypsychologe" sein, um hinter diesen Verbissenheiten eine persönliche Berührtheit zu vermuten? Daß du nicht auf die Idee kommst, mit diesem ätzenden Gemecker schlicht und ergreifend falsch zu liegen, hat kaum mit echten "Erfahrungen" zu tun (denn die hätten dich längst widerlegt), die du "stolz" verteidigst, ebensowenig mit vorausschauender Weitsicht: sondern mit Dickköpfigkeit und einer arrogant verfechteten Überlegenheit, die du dir mit deinen Anfang Zwanzig anmaßt, weil du dich für besonders auserlesen und überhaupt ziemlich großartig hältst. Du hörst dich gerne von "Reflektieren", "sich einer Sache bewußt sein" und "kritischer Einstellung" reden, und während du dich altklug über Trittbrettfahrer, sexistische Attitüden und Gelegenheitserschleicher auslässt, übersiehst du leider, daß du deine eigene Meinung hier wie eine Wahrheit verfechtest - und kommst nicht wirklich auf die Idee, daß auch bei dir womöglich eine verfremdende Motivation im Spiel ist; welche, läßt sich anhand fünf deiner neueren Einträge einsehen. Na klar, das ist alles nur psychologisiert - vielleicht ist es auch offensichtlich und verlangt nicht einmal empathische Begabung oder Interpretation, sondern schlicht Konklusion und ein wenig Dreistigkeit, um es auszusprechen. Und offensichtlich ist ebenso, daß du hier keinen Widerspruch duldest, lieber Brüche riskierst, bevor du ein mögliches Irren überdenkst; daß du es vorziehst, dich als selbstpropagierte weibliche Sexistin (so sieht Neutralität aus! Wie war das gleich mit „Meinungen, die sich aus vermeintlichen Verpflichtungen der eigenen Rolle gegenüber ergeben. Stichwort Frauenthemen vs. Männerthemen“? Haha!) witzig zu finden, anstatt dir klarzumachen, daß Sexismus gegen Männer genau so hirnlos und verhängnisvoll unkonstruktiv ist wie Sexismus gegen Frauen (das wäre eine Erkenntnis, aber sie ist dir zu öde und bietet keine Gelegenheit, dich zu extrovertieren - Sexismus hingegen ist so herrlich verwegen): er ist der ideale Nährboden für Enttäuschungen, weil er einer Beziehung vorab schon den Stempel angeblich omnipräsenter Rollenverhältnisse aufdrückt, obwohl diese in der Beziehung vielleicht gar nicht vorhanden sind. Er antizipiert eine Scheisse, die von selber vielleicht gar nicht entstanden wäre. Daß du diesen Stempel an dir selber so völlig übersiehst, beweist nicht gerade deine "Reflektiertheit".

In einer einzigen Hinsicht zeigen deine Feststellungen Parallelen zu langjähriger Erfahrenheit: in ihrem Ausmaß an Bitterkeit.

Greetz

Zack! war er wieder weg. Ich nehme an, die überfrühreife Partisanin ultra-altkluger Lebensweisheiten fand ihn nicht so prickelnd. Die Überschrift des neuesten Eintrags "Halt's Maul." klang irgendwie auch gar nicht nach Einverständnis mit der Meinung anderer, und herzlich wenig nach pluralistischer Gesinnung. Überhaupt wird dieser Eintrag samt Kommentaranhang seit Stunden laufend überarbeitet und mit kleinen Hassprisen angefüllt. Dennoch finde ich es wirklich schnucklig, daß Klein yetused auf meine Kritik gegen das verlogene Verkaufen einer konsensträchtigen Meinung als der eigenen postwendend ein Pamphlet gegen das verlogene Verkaufen einer Meinung als der eigenen verfasst hat. Hätte sie meinen Kommentar nicht gelöscht, hätte man am Ende gar plagiatorische Vorwürfe gegen sie gerichtet. Das wollen wir selbstverständlich nicht.
Aber doof ist diese Form der Ablenkung sicher nicht. Verspricht ein Beitrag nicht die übliche, rückhaltlose Zustimmung der hechelnden Stammleserschaft zu erbringen, wird schnell umgeschwenkt auf ein neues Thema, in welchem man ganz sicher nicht falsch liegen kann. Und was ist das? - Ein Konsensthema! Das funktioniert immer.

Ein anderer Grund für die überschallschnelle Löschung meiner hehren Einmischung war übrigens jener, daß geteilte Aufmerksamkeit nur halbe Freude ist. Die aufmerksamkeitsgeilen Betreiber solcher Blogs, die vollgestopft sind mit Countern und Trackern (SiteMeter, blogscout, bluecounter, Java-Online-Counter) und Verlinkungsmaschinerie (technorati) - sprich, allem, was einem das Gefühl zurückgibt, für irgendwen wichtig und interessant zu sein und einen Hauch von Kontrolle vermittelt - haben es gar nicht gerne, wenn jemand einen Teil der mühsam mit allgemeingültiger Themenwahl und attraktiver Selbstdarstellung verpflichteten Leserschaft auch nur vorübergehend auf ein anderes Blog entführt. Das erzeugt weniger hits, die Statistik wird leerer, und womöglich tut das weh. Ganz sicher jedenfalls haben manche Menschen den täglichen Blick auf ihren vollen Referrer bitter nötig.





Nochmal: ich verstehe nicht, was dieses verzweifelte Gestrampel soll, möglichst verwegen, desillusioniert, reif und altklug von anderen gehalten zu werden (und wie man sich länger als eine Woche für so großartig halten kann, wenn man sich wie jeder andere Mensch der Öffentlichkeit und dem Vergleich mit anderen aussetzt). Die zentrale Message dieses Blogs lautet: ich bin meinem Alter ja so weit voraus, hab jede erdenkliche Erfahrung schon gemacht, und hey: komm mir nicht so, Junge. - Ganz, ganz gefährlich.

Zweifelsfrei gibt es ungewöhnlich frühreife Menschen, auch und gerade unter Frauen, genanntes Fräulein gehört hingegen zur Riege der Identitätspatchworker und Verunsicherung Kompensierenden. Frau revoziert regelmässig in tollkühner Naivität hochtrabende Da-steh-ich-drüber-Themen (die tolpatschigsten davon sind die moralischen), exponiert dabei mit Vorliebe ihre preziöse Sensibilität - natürlich hinter einem sicheren Mäntelchen aus Unnahbarkeit, das gleichzeitig auf alle älteren, männlichen Stammleser um so attrahierender wirkt (dieser Effekt ist selbstverständlich unbeabsichtigt), pflegt auch gerne mal Zickenallüren und kleidet sich obendrein in alle stilistischen Accessoires, die Abgeklärtheit, Verhärmtheit und das Flair eines divahaft geführten Männerfresserlebens versprühen: Sexismus, abgeschmackter Nihilismus und Desillusionismus, diese ganzen nein-wie-verwegenen Endgleise menschlicher Lebenslinien. Vorliegende ist zwar erst 22 Jahre alt, aber bitte.


Was ja an sich völlig in Ordnung und jedermanns/-fraus eigene Sache ist. Wenn es davon nicht schon tausende andere gäbe, die diese Tank-Girl-Extrovertiervorlage als psychologischen Typus enttarnen: jung, gelangweilt, rotznäsig, ebenso tief verunsichert wie trotzig von der eigenen Überlegenheit überzeugt, keineswegs von Klischées befreit, nur auf einer höheren Stufe von Klischéehaftigkeit. Und vor allem: Solange dabei keine Albernheiten verbrochen werden, die mit einem einzigen Satz jeden Wahrheitsanspruch dieser Selbstdarstellungen gähnend implodieren lassen. Oder Klugscheissereien, die - es mag wehtun - zu oft schon gesagt wurden, um als bare Meinung gelten zu können (und abgesehen davon vollkommenes Unverstehen beweisen), sondern nur andernorts aufgeschnappte Phrasen sind, mit denen man sich nach einem schnellen Aha-Erlebnis identifiziert fühlt. Wie bspw. die '"Sexualisierung" unserer Kinder', die, wie der gesamte Rest des Artikels, ein totales Unwissen über biologische Gegebenheiten beweisen - verdeckt und übersehen von anerzogener Moralität und bar jeglicher Ahnung, wie ein männlicher Sexualtrieb funktioniert. Das ist nett zu lesen, und sehr engagiert, und sicher stecken anerzogene Überzeugung und jahrelange Konditionierung dahinter. Trotzdem bleibt es klassischer adoleszenter Idealismus, hat aber mit Realismus wenig bis gar nichts zu tun.

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