Dienstag, 22. November 2011
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Halbjähriges; mit Vater und Lester Ruhestätte besucht und Blumen gebracht, beim Verlassen komische Selbstgespräche geführt, die eigentlich an jemand anderen gerichtet waren. Das hat wahrhaft dramaturgischen Wert - sich innerlich mit Worten an jemanden zu richten, von dem man weiß, daß es ihn nicht mehr gibt. Ich komme mir nicht nur albern dabei vor, ich nehme es mir nicht mal ab. So why do you do it anyway? Don't know.

Habe aufgehört, das Trauern zu beobachten, denn alles, was beobachtet und bewusst gemacht wird, wird dadurch verstärkt und entwickelt eine Eigendynamik. Sporadisch auftretende Trauer-Anwandlungen fliegen gerne über Bilder ein: sie als junge Frau mit meinem Vater in Griechenland, S/W-Abbildungen aus Photoalben, Kindheitserinnerungen, in denen sie heult und Teller auf den Küchenboden knallt, Ostermorgen, in denen wir im Schlafanzug im Garten Eier suchten, die sie sorgsam dort deponiert hatte, während wir noch schliefen, am meisten aber die letzte Nacht in ihrer unwirklichen Auswegslosigkeit. Mir ist im Nachhinein nicht klar, wie ich das gemacht habe. Lester nennt es "Autopilot"-Modus. Würde man mir dasselbe jetzt noch einmal abverlangen, ich würde mich mit aller Kraft verweigern. Aber: gut, daß wir es können. Kann gut sein, daß es nicht zum letzten Mal von uns gefordert wird, nech?. Was bleibt, ist das gute (egoistische) Gefühl, daß wir sie so weit wie möglich begleitet haben, bis unmittelbar vor die Pforte zum schwarzen Unbestimmten. Auch hat sich der Vorsatz gebildet: Sollte meinem Vater eines Tages dasselbe zustoßen (Sakrileg! und wieder kommt nur beim Gedanke daran das Gefühl auf, eine gedankliche Straftat zu begehen, als besäßen solche Vorstellungen eine spirituelle Dimension, die die Wahrscheinlichkeit ihres Eintreffens erhöhten; ein ekelhaft unfreiwilliger Aberglaube), werde ich ihn zu mir holen und bis zuletzt dafür sorgen, daß er in Würde gehen kann. Ich könnte - so jedenfalls mein bisheriges Selbstverständnis - nicht damit leben, einen meiner Elternteile irgendwo in einem Krankenhaus oder in einem Hospiz verrecken zu lassen.






Mein Herr Vater - ich hätte nicht gedacht, daß es eine Situation gibt, in der mir die Nähe zu ihm unerträglich werden könnte. Aber seinen Aufschrei, als meine Mutter aus ihrem Bett in den Sarg gehoben wurde und er aus dem Zimmer stürzte, hätte ich mir lieber erspart, aus ganz egoistischen Gründen. Ich wollte und will das nicht sehen und auch jetzt nicht daran denken, die Vorstellung ist aus Gründen, die ich nicht durchschaue, mit Scham belegt. Mein Vater und Heulen, das war (und ist irgendwie immer noch) unvereinbar. Er hat aus einer übertriebenen, ausufernden Rücksichtnahme auf seine Kinder vor Jahrzehnten schon jede Fähigkeit verloren, seine schlechten Gefühle zu artikulieren - oder auch nur zuzugeben. Und wie geht's dir, Dickerchen? Jede Frage nach seinem Befinden war lächerlich geworden durch die Routine und das Gleichmaß, mit der er sie positiv beantwortete: wunderbar gehe es ihm, ganz ausgezeichnet, könnte nicht besser sein, er habe alles, was er brauche und heute dies und jenes Schöne erlebt. Mein Bruder hat mir vor vielen Jahren erzählt, wie er ihn einmal hatte weinen sehen - als seine eigene Mutter gestorben war, und schon damals war das für mich ähnlich schwierig, wie sich Pädagogen beim Vögeln vorzustellen: unvereinbare Gegensätze.

Als der Wagen des Beerdigungsunternehmers wegfuhr, bezog er am Gartentisch Quartier, setzte - was unnötig war - seine dunkle Sonnenbrille auf und stopfte sich eine Pfeife. Und betonte immer wieder ungefragt, auf die Beerdigung würde er nicht gehen. Und oh Wunder (sorry#sarcasm), einmal in was weiß ich wieviel Jahren war ihm seine wahre Motivation nicht nur bewußt, er äußerte sie sogar: er würde dann heulen müssen, und er wolle nicht, daß die Leute ihn dabei sehen würden. Das hielt auch nur für ein paar Minuten, dann schob er eine rationalisierte Rechtfertigung hinterher: eine Beerdigung, das sei eine persönliche Sache, und seine Trauer wolle er nicht mit der ganzen Welt ("mit jedem Dahergelaufenen") teilen. Das stimmt und steht in Kongruenz mit seinem sozialen Phänotyp, aber es war schon wieder nicht der wahre Grund seines Vorhabens, fernzubleiben. - Nach wie vor hätte ich mir das alles lieber erspart. Meinen Vater in Tränen zu sehen war durchaus nicht irgendwie "befreiend", keine unerwartete, zusätzliche Annäherung, nichts, was eine seit Jahren unterdrückte Restdistanz auflöste, mich mit ihm noch mehr verband als bisher - es war komplett unterirdisch, ich fand meine Rolle nicht und wollte eher weit weg (aber ich blieb natürlich und hielt den Schnabel und versuchte, ihm nicht zu viel in die Augen zu sehen, die irgendwo hinter der blöden Sonnenbrille sein mussten). Ich will meinen Vater nicht schwach sehen, auch nicht, wenn es mich jahrelang oft geärgert hat, daß er nie in der Lage war, seine schlechten Gefühle zu artikulieren - was in der Konsequenz nämlich irgendwann darin endete, daß er sich selbst darin bestärkte, sie nicht einmal zu haben.






Ein paar Wochen darauf ließ er sich die Lunge von allen Seiten durchleuchten - er, der seit dem Alter von 14 Jahren ununterbrochen geraucht hat. Ergebnis war top: nicht das leiseste Wölkchen zu sehen, alles bestens, auch alle anderen Werte gut bis sehr gut (wobei unter seinen Kindern Uneinigkeit in der Frage herrscht, ob er uns gewisse Informationen überhaupt mitteilen würde). Und jetzt, jetzt kam er uns mit dieser Idee, eine Wohnung in einer sehr teuren, halb-betreuten Wohnanlage zu nehmen. Kein Altenheim, nichts dergleichen - eben eine eigene, recht großzügig angelegte Wohnung in einer sehr schönen Anlage an einem überaus gefragten, stark frequentierten Ort im tiefen Süden, wo man bestimmte Dienstleistungen optional in Anspruch nehmen kann oder auch nicht, ansonsten aber sein eigenes Leben führt, genau wie die anderen Mitbewohner fortgeschrittenen Alters. Mich lässt das schaudern. Hat mein Vater jahrelang auf etwas gewartet, spekuliert, gehofft, daß sich nochmal eine Türe öffnet, die jetzt für immer verschlossen ist? Daß er meine Mutter auch Jahrzehnte nach der Trennung weit mehr liebte, als er je zuzugeben bereit war, war mir schon lange klar. Ab einem gewissen Alter verstand ich seine von Zeit zu Zeit auftretenden, scheinbar distanziert formulierten oder als Lebensweisheit getarnten Abfälligkeiten in ihre Richtung nicht mehr als das, was er damit auszudrücken vorgab - etwa, wenn er ihr eine für die "Germanen" typische, durchaus vorteilige "Funktionalität" nachsagte, womit er nichts anderes meint als eine ausgeprägte Fähigkeit, Gefühle zu unterdrücken und sein Handeln an einer kalten Ratio auszurichten (eine ungerechtfertige, weil oberflächlich-reduktive Auslegung ihrer Persönlichkeit, in der er sich gern als impulsiver, überempfindender Südländer spiegelte; tatsächlich bezeichnet es seine Wahrnehmung von ihr vor und nach der Scheidung) - sondern als Reaktion auf eine tiefe, innere Zerrissenheit: als von Wut und Rachegefühlen durchtriebene Liebe, als bitteren Wunsch, sich für eine grausam empfundene Ungerechtigkeit an jemandem zu rächen und gleichzeitig von ihm wieder geliebt zu werden und einen gerechten Frieden wiederherzustellen. Jetzt ist diese Option abgelaufen, und jetzt will er, nach eingehender rechtlicher Beratung durch seine Nachkommen, an diesen komischen (durchaus nicht leblosen, traurigen, abgeschiedenen, keineswegs!) Ort - er, der seit 1981 immer allein und unabhängig gelebt hat, sagt jetzt, er wolle sein Einsiedlertum aufgeben.

Der nächste Widerspruch: Seit Jahren nerve ich ihn damit, daß er seine sozialen Beziehungen stark verringert; daß er sich einem wichtigen kognitiven und emotionalen Korrektiv entzieht, daß er grundlegende soziale Fähigkeiten und Tugenden verlernt und in Gesellschaft anderer Menschen immer nur innerhalb bestimmter Rollenmuster ausharren kann; daß er geistig erstarrt, sich topisch fixiert und emotional immer protektiver wird. Jetzt will er diese Zurückgezogenheit aufgeben, und anstatt das zu begrüßen, sehe ich kein Land. Er ist zu alt, um sich zu ändern (das war er schon vor zehn Jahren), und ihm fehlt jede Einsicht in Gründe, das zu tun, folglich hat auch nie eine Willensbildung stattgefunden. Vater, wenn du da lebst, hast du manche Leute immer vor der Nase, sobald du deine Wohnungstür von außen zuziehst. Die musst du dir dann reinziehen, die werden dann immer da sein, dir ein Gespräch drücken, Fragen stellen, beobachten, mit wem du kommst und wer von dir geht, und ich weiß, daß dich das stört (daß du gerne leise, lautlos und unbemerkt kommst und gehst; ich kenne dich und deine eigenbrötlerische Geheimniskrämerei, und deine vorauseilend defensiven Anwandlungen). Was soll das werden? - Eskalieren lässt er gar nichts, aber es wird ihn stören und anstrengen. Eine von vielen Fähigkeiten, die man aus Mangel an Umgang mit anderen Menschen verliert, ist, die Maske zu wahren, eine andere, auf Neues einzugehen. Er kann solche Gespräche noch ganz gut führen, in seinen Rollen ist er souverän und einigermaßen wendig, aber Ungekanntes zu erfassen und darauf einzugehen, eine gewisse Verarbeitungstiefe der Wahrnehmung neuer Inhalte geht ihm völlig ab oder ist für ihn nur mit großer Anstrengung aufrechtzuerhalten. - Das ist nur ein Grund von vielen. Truth is, am meisten verunsichert mich das geriatrische Umfeld. Es riecht nach letzter Einkehr, nach Endgültigkeit - und als hätte ich das verhindern können, indem ich ihn jetzt schon zu mir hole. Aber niemand kann mit meinem Vater leben, es ist alternativlos. Seine Neurosen und Fixierungen, seine Einmischungen treiben jeden in den Wahnsinn, es ist keine Frage des Wollens, sondern des Könnens. Ich könnte ihn zu mir holen; und spätestens in einem Dreivierteljahr würde einer ausziehen müssen.






Lester vermahlt ihre Pein in Wertnihilismen, die fast hieb- und stichfest sind. Und ich fühle mich ziemlich hilflos dagegen, denn gegen das Sinnlosfinden ist kein Kraut gewachsen, weil es nunmal in der Verneinung der Fürsprache eines Sinns besteht (was gar nicht heißen soll, daß eine "Lösung" überhaupt auf intellektueller Ebene zu finden sei; aber auf eben dieser Ebene ändern wir unsere Bereitschaft, Dinge anders zu sehen und gewisse Affekte zu vernachlässigen). Ich wäre gottfroh, stellte ich fest, daß es sich dabei um eine Pose handelt, wie es meistens der Fall ist, wenn Menschen versuchen, ihr Leid in philosophischen Ansichten zu verkleiden, auf die mit hoher Wahrscheinlichkeit Bekehrungsversuche ihrer Mitmenschen folgen, welche Aufmerksamkeit und Beachtung garantieren; aber es ist ihr todernst; sie findet eine Welt sinnlos und nicht lebenswert, in der Menschen - ohne Grund, ohne Anlass, ohne irgendeine nachvollziehbare Ursache - krank werden und sich dem Tod fügen, weil das Leben nur noch aus Schmerz besteht. Es gibt keine Gegenargumente, wenn jemandes Schmerz von solcher Tiefe und Dauer ist, daß er das Schöne im Leben nur noch wie eine Erinnerung in große Entfernung verschwinden sieht. Und wir sind leider nicht so gebaut, daß viel Zuhören, Zureden und Umarmen ohne weiteres zu Besserung führt. Mein Vater ließ vor kurzem eine seiner Unbedarftheiten vom Stapel, als die Schwestern, er und ich in trauter Betretenheit zusammensaßen: Die Lester, die braucht ein Kind. Und zog an seiner Pfeife und sah unberührt vor sich ins Leere. Kollektives Augenrollen und erheitertes Sichzuschmunzeln warteten nicht, Lester kommentierte, na Gott sei dank, das sei ja die Lösung des Problems.

Wahr ist: Unser Vater neigt zu grob vereinfachenden Lösungsvorschlägen für Probleme mit komplexen Ursachen, für die seine Aufmerksamkeitsspanne leider zu kurz ist, mitreden will aber trotzdem. Man tut sich also aus Gewohnheit bisweilen recht leicht damit, seinen Vorschlägen den Spott beizumessen, den sie verdienen (wir sind ein wenig respektlos, er hat uns zuviel erlaubt). Wahr ist auch: das Verhältnis von Lester und mir unserer Mutter gegenüber war getragen von Verantwortung und Beschützerinstinkt für sie, und der endete nicht, als wir von Zuhause auszogen. As for now, I do have a son. Lester does not. And I'm getting along better than her. Am besten große Schwester, und die hat drei Pestbeulen. Deshalb ist es ziemlich gemein von uns: den Spruch unseres Vaters leicht abzutun, obwohl jeder, Lester inklusive, um ein gutes Stück Wahrheit darin weiß.






Vollendet abwegig - ein Kind zu bekommen, um eine Krise zu überwinden; mindestens so abwegig, wie Kinder zu bekommen, um einen Menschen an sich zu binden, oder weil man die biologische Uhr ticken hört. Tatsache ist und bleibt aber: Wer ein Kind hat, kann sich das Keinen-Sinn-Sehen schlicht nicht leisten. Ein Kind ist noch nicht mal für jeden zwangsläufig sinnstiftend, aber eine absolute, unverbrüchliche Verpflichtung. Wahr ist auch, das hat schon manchen Menschen durch schwere Krisen geholfen - die schiere Tatsache, daß Kinder von ihnen abhängig waren. Es zwingt, nach vorne zu sehen und den nächsten Tag zu planen, und die Ordnung und Struktur, die durch solche Zielsetzungen entsteht, ist lebensbejahend und erhöht die Wahrscheinlichkeit, daß man die Zeitspanne übersteht, die der Schmerz braucht, um zu verfliegen. Denn analog zur Hilflosigkeit, mit der man einem Todkranken beim Sterben zusieht, ist auch das Abarbeiten des darauffolgenden Leids nichts, was sich durch bestimmte Gedanken beschleunigen oder erleichtern ließe (letzteres schon gleich gar nicht). Time wounds all heels, sagte schon Groucho.


Or maybe music can help? Musik hat ja den Vorteil, daß darin ausgedrückter Schmerz angenehm erlebt wird. Das Ende, nach dem wilden Teil im dritten Viertel, ist so schön, wie es wehtut. Beste Interpretation aller Zeiten




Die schweren Bilder werden schwächer, aber piano. Mein momentaner Stand ist: das Empfinden einer tiefen, untilgbaren Ungerechtheit, die in dieser Welt stattgefunden hat, ein Verstoß gegen die Regeln von monumentaler Dimension. Klingt als hätte ich ein moralisches Problem damit, daß sie gestorben ist, so ist es aber nicht: ich kriege nur irgendwie nicht gerafft, daß an ihr kein Angriff und kein Mord stattgefunden hat, daß ihr Tod nicht aus bösartigen Vorsatz geschah (denn so fühlt es sich an), sondern eben einfach so: Jemand nimmt über Jahre hinweg falsch berechnete, viel zu hohe Dosen an Hormonen, ein Tumor entwickelt sich, den der Arzt bei der Vorsorge zwei Jahre lang übersieht, end of story. Irgendwie brauche ich eine böse Gegenpartei, die das Schlechte begangen haben muß. Das dürfte der Grund sein, warum Menschen ihre Trauer an der Schlechtigkeit der "Welt" oder des "Lebens" ausrichten - diese Begriffe sind am naheliegendsten, weil sie praktisch alles bedeuten können und zugleich dem unmittelbaren Umstand Rechnung tragen, daß man sich selbst global schlecht fühlt.


Mir ist kein "Sinn" des Daseins abgegangen. Aber das Bedürfnis nach metaphysischen Entitäten war nie größer.

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Mittwoch, 2. November 2011
ne Lampe gebaut



Hehe!
Ist das schön.

Vor drei Jahren, gegen Ende des Sommerlochs, entdeckte Fonsimaus auf seinem täglichen Streifzug nach Abgrenzungsmaterial unter anderem das hier, damals noch auf dem Portal Zoomer. Über alle Maßen empört kam er zur Feststellung, daß es so nicht weitergehen könne und veröffentlichte eine Streitschrift über "Rassismus als Blog- und Medienübergreifendes Problem": "[...] in jeder normalen Zeitung gäbe es eine Instanz, die sowas verhindern würde", stellte Fonsimaus fest. Die Büffelherde seiner Claquere und Jubeljünger zögerte keine Sekunde, diesen beklagenswerten Zustand ihrerseits zu unterstreichen und überbot sich gegenseitig in Versuchen, die Empörungsgrenze der Vorkommentatoren zu übertreffen: bei Kommentar Nr. 9 war vom "Endsieg" die Rede, bei Kommentar Nr. 16 ging es bereits um Juden und Nationalsozialismus - zweifellos würde die Debatte ab hier sehr fruchtbar und vielfältig werden, soviel stand fest. Nein - es sei nicht mehr lustig, befand "Bör". Ich riet Fonsimaus dringend zum Runterkommen und versuchte, das genau zu erklären, aber Fonsimaus war mitten im Empörungsrausch, und mit Sachlichkeit und nüchternem Nachdenken sind solche Affekte nicht aufrechtzuhalten. Er reagierte sehr wütend, registrierte an mir eine "ambivalente Sicht auf Sex mit Jugendlichen" - woher er diese Information bezog, wollte er bis heute nicht verraten - und löschte meinen Kommentar, bevor zu viele ihn lesen konnten. Seine hohe psychologische Intuition flüsterte ihm überdies ein, ausgesuchtes Opfer eines aus purer Boshaftigkeit handelnden feindlichen Rings zu sein, bestehend aus der "Gaffergemeinde" Lantzschi, Malte Welding und mir. Weder die ersten beiden hatten jemals besondere Affinitäten füreinander, ebenso war mir keiner der beiden bis dato überhaupt bekannt, but who gives.



Vor kurzem nun hat sich eine "Autorin" - eine machthungrige, exzentrische Dogmatikerin ersten Ranges, die sich mangels Interesse und Anlass darauf versteift hat, die Deutungshoheit über einige normative Begriffe durch Hysterisierung an sich zu reißen und zu diesem Zwecke ihre Frustrationsgrenze künstlich in Richtung Nullpunkt zu verschieben, um ihr furioses Skandalisierungsgebaren zu legitimieren - vor kurzem hat diese Autorin also zu Beginn einer Asta-Veranstaltung in Fulda öffentlichkeitswirksam die Nerven verloren. Als Objekt ihrer Furore musste ein Raumverschöner herhalten, ein im imperialistischen Stil gehaltener Mohr. Schnell bildeten sich Aufmerksamkeitstrauben an ausgewählten Orten, bspw. bei Lantzschi. Jene, von ängstlichem Naturell, unverstehend und ohne das nötige intellektuelle Rüstzeug, um sich eines solchen Konformitätsdrangs zu erwehren, schlug sich kurzerhand auf die Seite der Opferprotektoren. Malte Welding seinerseits konnte sich des Prustens nicht erwehren, als Lantzschi, durchdrungen vom Bedürfnis, jetzt bloß keine ähnlichen Fehler zu machen, dabei selbst jenem leblosen, rein dekorativen Gegenstand geschlechtliche Diversität zugestand.

Und die Fonsimaus!
Die Fonsimaus, mein liebster Oberempörer mit seinem sicheren Gespür für die Bildung spontaner Aufmerksamkeitstrauben im Netz, der damals mit schwachen Mitteln, aber beherzten Vorgehen versuchte, aus MC Winkels geschmacklosem Witz einen aufmerksamkeitsträchtigen Shitstorm zu entfesseln, Fonsimaus wollte auch seinen Teil vom Kuchen haben und verlinkte dafür? - Malte Welding!

Was nachvollziehbar ist. Schließlich hatte er Malte zur FAZ eingeladen (die Malte bald wieder verließ, weil der Personenkult der Fonsi-Worshipper verhinderte, daß Maltes intellektuell weit überlegene Beiträge angemessen rezipiert wurden und dieser korrekt erkannte, daß Fonsimaus keinen solchen Autor neben sich ertragen würde. Was er mitnahm, war eine leicht erhöhte Reputation und einen Eintrag, der sich gut im Lebenslauf machen würde - immerhin).

Und Malte kuschelt zurück! So profitieren alle voneinander. Und Fonsimaus schob nach, weil die Kommentare nur so purzelten und die Referrer ächzten, und Malte schob nach und brachte bei der Gelegenheit ein paar Auszüge aus seinem Buch.

... nun aber stieg eine diffuse, sorgenvolle Ahnung in Fonsimaus auf, wie blöd das aussehen könnte, wenn man seine Reaktion im Falle MC Winkels und jene im Falle der Mohrenlampe vergleicht. Und damit niemand auf die Idee kommt, ihm diese Frage zu stellen, tut er was? - Er leitet sie vorsorglich an die Gegenseite weiter! Na, Ihr Emanzen! Was würdet Ihr denn zu MC Winkel sagen, hm? Bei dem habt Ihr Euch nicht empört, oder? So ist das nämlich! Ihr seid nämlich nur gegen mich - aber gegen MC Winkel - gegen den habt Ihr nichts! Ihr habt doch ein Problem mit unangenehmen Wahrheiten!".





Hahahaha!
Hihihi, Fonsimaus, Fonsimaus.

Im Ernst: Du beeindruckst mich wirklich. Du schaffst es nicht nur in einem Zug, zu verleugnen, welch zweckmäßigen Schwankungen deine moralischen Maßstäbe von Fall zu Fall unterliegen, du kriegst es auch noch hin, dich in deiner Widersprüchlichkeit als Opfer hinzustellen. Du, DU hast damals den ganzen Hass abbekommen! Das ist - naja, kein intellektuelles Meisterstück - es ist eher ein Fall ausufernder Dreistigkeit und einer wirklich abgehobenen Fähigkeit zur Selbstlüge. Wenn ich jemals ein Musterbeispiel einer klassischen Freudschen Reaktionsbildung suche - darf ich dann auf diesen Beitrag von dir verweisen?

Das kommt vom vielen Zuhausevordemrechnersitzen, Fonsimaus. Das kommt davon, daß man versucht, die Integrität seines Selbstbilds durch Rückmeldung aus dem Internet zu erhalten. Dort kann man alles erzählen, keiner kann es überprüfen, man gewöhnt sich schnell daran und wird bald schlampig darin, die Lügen aufeinander abzustimmen und die neuen an den alten auszurichten. Aber man bekommt ja auch keine echte Rückmeldung, weil man durch Zensur und Kommentarlöschung dafür sorgen kann, daß nur noch Dummköpfe unter den Beiträgen kommentieren; und du bist umgeben von Dummköpfen, Fonsimaus, von gefallsüchtigen, geistig wackligen Nachplapperern und Kopfnickern, die dich nicht verstehen; und das willst du auch nicht. Nichtsdestotrotz - mit kreativer Selbstverleugnung kann man selbst aus solchen Fällen noch Profit schlagen, und deine besondere Fähigkeit in dieser Hinsicht beeindruckt mich aufrichtig. Du bist über Vierzig und hast es geschafft, dich durch Ablenkung, Ausweichmöglichkeiten und sozialen Entzug auf dem seelisch-geistigen Differenzierungsniveau eines Achtjährigen zu halten. Das schaffen nicht viele Menschen.





Ist das nicht herrlich!
Politische Überzeugungen, moralische Ansichten, Seilschaften und Feindschaften - sie kommen und gehen, nur der Hunger nach Aufmerksamkeit bleibt bestehen.

Nota bene: Diejenigen, die am lautesten bestreiten, aus dem Bedürfnis nach Aufmerksamkeit heraus zu bloggen, sind die wahrhaft pathologischen Fälle.


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Montag, 31. Oktober 2011
Dilemma


Eine Freundin, Ende 20 - und Muslima, was die Angelegenheit verkompliziert - hatte in den letzten drei Jahren ein Verhältnis mit einem Physiotherapeuten, etwa 10 Jahre älter als sie. Im ersten Jahr behielt sie sich jede Verbindlichkeit ausdrücklich vor, er war einverstanden damit, das Verhältnis war trotzdem intensiv und wie diese Scheinfreiheiten eben so sind, beide entwickelten starke und verbindliche Gefühle füreinander; ihre verbale Abgrenzung war effektiv nichts als eine Exitmöglichkeit. Zwischenzeitlich beendete sie das Verhältnis und war für ein halbes Jahr mit einem anderen Mann zusammen, später fanden beide - scheinbar ohne Groll von seiner Seite - wieder zusammen.

Wir hatten viel Galama über diese Liaison, sie betonte gerne und gerne häufig, daß sie ihn durchaus möge und seine Anliegen ihr wichtig wären, sie ihn aber nunmal nicht liebe, und ich antwortete ihr (durchaus nicht im prophetisch-gravitätischen Ton): Pass auf, daß du dich da nicht irrst, denn unter Umständen wird dir eines Tages klar, daß du ihn die ganze Zeit geliebt hast, und vielleicht ist es dann zu spät. Denn wir beide sind - was eine starke Gemeinsamkeit ist, auf der unsere Freundschaft gründet - Freaks mit einer an Durchschnittsmenschen gemessen restlos übersteigerten, alle Bereiche des Lebens durchdringenden emotionalen Selbstkontrolle. Denn wir beide haben nach ersten Enttäuschungserlebnissen früh die Schotten dichtgemacht, damit wir nicht nochmal den Arsch vollkriegen (was uns beide retten wird - mich etwas früher, weil ich älter bin - ist die schiere Tatsache, daß diese emotionale Kontrolle, die methodisch eher unkompliziert ist und im permanenten Herunterregulieren unangenehmer Affekte besteht, Unmengen von Kraft verschlingt, und man mit dem Alter nachlässig wird; daraus entsteht so etwas wie eine nichtintendierte Wiedergeburt der Verletzlichkeit - und auch der Empfindsamkeit. Ein kluger Mann verkauft sowas aber als Reifeprozess und persönliche Weiterentwicklung). Und die daraus gewonnene Selbstkontrolle kann, so banal das sein mag, verhindern, daß man sich seiner offensichtlichsten Gefühle bewusst wird und diesbezüglich vorschnell falsche Entscheidungen trifft. Denn kennt jemand dieses Phänomen: daß man, nachdem eine Beziehung zu Ende gegangen ist, ein Aufblühen liebevoller Gefühle für den/die Verflossene(n) erfährt, das entschieden nicht mit später Reue oder dem Eindruck schuldhaften Fehlbetragens zu tun hat, und einen in einer Intensität antrifft, die in der Zeit der Beziehung ihresgleichen gesucht hat? Wenn nicht, dann ist das sehr gut für einen.

Dieser Physiotherapeut, deutscher Nationalität und nicht muslimisch, von ihr in Verleugnung ihrer tiefen Zuneigung liebevoll Monchichi genannt, lebt seit Jahren in Scheidung und hat einen Sohn von sieben Jahren. Vor etwas über einem Jahr stellte man einen Tumor an der Ferse des Kindes fest - das genaue Krankheitsbild ist mir unbekannt - der dazu führte, daß das Bein vom Knie ab fast ganz amputiert werden musste. Selbst Spezialisten an Universitätskliniken waren eher ratlos.



Needless to say daß das die Beziehung schwer beeinträchtigte. Monchichi zeigte neue, unbekannte, mit seinem bisherigen Verhalten geradezu unvereinbare Wesenszüge - beispielsweise aus dem Nichts auftretende, zutiefst verletzende Äußerungen über ihren Charakter oder ihre Figur, gerne auch öffentlich und in derart zugespitzter Form, daß eine vorübergehende launische Fahrlässigkeit als Ursache sicher ausgeschlossen werden konnte. Derartige Vorfälle häuften sich; anfangs entzog sie sich verletzt, kehrte aus Sehnsucht und dem Wunsch, zu verstehen, aber zurück; er entschuldigte sich, gelobte Besserung, es folgte eine Phase der Besserung, bis das Muster sich wiederholte - und zeitlich zunehmends verdichtete. Er missachtete oder verspottete ihre kleinen Aufmerksamkeiten und Liebesbeweise, ließ sie bei Verabredungen stunden- und nächtelang sitzen, ignorierte ihre Anrufe, ihr Nachfragen und reagierte auf ihren Rückzug mit konsequenter Nichtbeachtung, bot also einen netten Auszug aus dem Katalog narzisstischer Verhaltensweisen. Man stritt sich, verletzte sich gegenseitig leidenschaftlich (auch ihre Hemmungen waren zwischenzeitlich aufgebraucht), vereinigte sich anschließend überschwenglich, dann weinte er ganze Nächte an ihrer Brust und erklärte sein Betragen durch die fortschreitende Krankheit seines Kindes, und sie, glücklich über die wiedergewonnene Nähe und Eintracht (und durch seine Erschütterung vielleicht auch entschädigt in einem unschönen Bedürfnis nach Ausgleich für seine Gemeinheiten), verzieh ihm und vergaß stundenweise die ihr zugefügten Wunden; es entstand ein destruktiver Zyklus aus gegenseitiger Abhängigkeit, raschen Wechseln zwischen völliger Entfremdung und tiefster Innigkeit, stagnierender Kommunikation und aggressiv aufgeladenem, alle Verhärtung lösenden und sich in leidenschaftlicher Selbstsucht verlierenden Sex (denn nichts, keine Selbsttäuschung, keine Einnahme von Hilfsmitteln, keine Raffinesse der Verführung kann das Vögeln zu einem solchen Spektakel steigern wie die Eitelkeit zweier bis zur Boshaftigkeit gekränkten Egos, die sich auf dem Gipfel ihres kompromißlosen Machtanspruchs an der unfreiwilligen Geilheit und restlosen Aufgabe des Anderen berauschen).

Frauen stehen bekanntermaßen auf Männer, die ihnen wehtun, und so brachte sie ihren Selbstrespekt auf den Minimalnenner, seine Atrozitäten anhand der Krankheit seines Sohnes zu erklären, sich von Zeit zu Zeit unter Protest zu entziehen, anschließend zurückzukehren und die übrigen Widrigkeiten im Mittel still zu ertragen. Die zerstörerischen Elemente in der Beziehung jedenfalls nahmen spürbar mit der Verschlechterung des Zustands des Kindes zu, und eine gewisse Garantie besaß sie ja: nicht nur als Geliebte, sondern auch als Freundin und Bezugsperson Nr.1 war sie für ihn unerläßlich geworden; und sie ist viel zu klug, um sich nicht bewusst zu sein, daß dahinter ein Kalkül für die Zeit "danach" steckte.



Vor drei Monaten nun wurde hinter dem linken Auge des Kindes ein weiterer Tumor entdeckt, der operativ entfernt werden müsste, um in absehbarer Zeit einsetzende Leiden zu lindern; da der kleine Körper aber von oben bis unten von Metastasen zerfressen ist, wird dem Kind kaum mehr Zeit eingerechnet, von einer solchen Operation zu profitieren. Die Beziehung bestand seit dieser Nachricht überwiegend aus: sich abends treffen, miteinander kochen, dann gab es Streit, dann lag er (dieser athletische 2 Meter-Mann) mehrere Stunden an ihrer Brust und weinte, dann schlief man miteinander, dann ein. Vom Monchichi vor drei Jahren war nicht mehr viel übriggeblieben und das Übel in der Beziehung überwog längst den erfreulichen und schönen Teil.

Da sich aber das abendliche Versetztwerden in letzter Zeit auffällig häufte; da Monchichi neuerdings mit unausgesetzter Aufmerksamkeit dafür sorgte, sein Mobiltelefon nie aus den Augen zu lassen und sie keine Kraft und keinen Willen mehr fand, ihren Verdacht beiseite zu schieben, entschied sie sich vor drei Wochen, nach dem Vögeln die Probe aufs Exempel zu machen, wartete bis er schlief und entdeckte die schmerzhafte Wahrheit. Vor allem der Tonfall sollte es werden, der sich ins Zentrum ihres Gemüts brennen würde: "Hi schöne Frau! Soll ich nachher mit einer Flasche Sekt auf eine Massage vorbeikommen?" - Und dergleichen mehr. Der Abend ging sehr unschön aus.

Auch hier lieferte ihre Psychologie eine sichere Erklärung: Zu bewußt, zu eindeutig auf einen gewissen Zweck abgestimmt, um von reiner Fahrlässigkeit, von unwillkürlicher Schwäche (etwa wegen seiner momentanen Lebenslage) zu sprechen - von einer Handlung, die er ihr nicht durch Berechnung, Lüge und Heuchelei systematisch vorenthielt. Wie konnte er? Nach all ihrer Rücksicht, ihrer Selbstaufgabe, nach allem, was sie für ihn geschultert und durch ihn erduldet hatte? Und da sie mir die Frage in aller Ernsthaftigkeit stellte, wie Delacroix' Waise, die Gott fragt, pourquoi m'as-tu abandonné?, als suche sie ungläubig nach einer Antwort auf ein unerklärliches Phänomen, sagte ich ihr: Daß es keinen kategorischen Widerspruch dazu darstelle, daß er sie liebe, und daß ich glaubte, es ginge ihm weniger um die Tussi und schon gar nicht um den Fick an sich; sondern darum, sein gegenwärtiges Rollenbild zu verlassen, weil es einfach nicht mehr zu ertragen war - Monchichi, der am Tod seines Kindes seelisch krepiert, Monchichi, der nächtelang mit dem Gesicht im Schoß seiner Freundin weint, Monchichi, der unter der Last der Ereignisse zusammenbricht - und wenigstens für Stunden wieder der attraktive, selbstsichere Stecher zu sein, der den Weibern gefallen, der souverän verführen kann und ordentlich einen wegsteckt, wenn er grade mal Bock drauf hat - was er ihr gegenüber nicht mehr verwirklichen konnte, gerade weil sie ihn zu gut kannte. Auch versicherte ich ihr, daß ich es für praktisch ausgeschlossen hielt, daß er diese Frau - allem Anschein nach eine Sportstudentin - auch nur im Ansatz eingeweiht hat in seine momentane Lebenslage und daß es ihm keinesfalls darum ginge, Nähe und Vertrauen zu ihr aufzubauen: daß diese Frau also für ihn bloßes Mittel zum Zweck sei, um sein Elend zu verlassen und sich für Momente stark und unbeschwert zu fühlen.

Well!
That kind of explanation sure was not bound to please her. Leider beließ er es an jenem Abend nicht dabei, sich unter dem Sturm ihrer Tränen einfach stillschweigend aus der Wohnung zu schleichen, es kam ärger: Zunächst erklärte er, er könne sich das jetzt nicht reinziehen, er habe keine Kraft dafür (Worte des Bedauerns fand er keine); auf ihre mechanisch wiederholte Frage, was "das" sei (wobei sie mit ausgestrecktem Zeigefinger auf das Mobiltelefon auf dem Tisch verwies), erwiderte er schließlich, sie sei ihm sowieso scheißegal und er könne sie ohne Probleme hier und jetzt gleich ficken, woraufhin er die Wohnung verließ.

Und weil Weiber und Schwule auf Männer stehen, die ihnen wehtun (yeah, yeah, ich weiß. Darf ich das trotzdem sagen? Weil, es ist einfach anstrengend), ist sie alles andere als durch mit der Sache. Völlig außerstande, die Verletzung, die ihr zugefügt wurde, irgendeinem nachvollziehbaren Grund zuzuordnen, ringt sie um eine befriedigende Erklärung dafür, daß ein Mensch, für den sie derart emotional und nervlich investiert hat, ihr ein solches Unrecht antut. Und sinnt auf Rache; sie will ihn leiden sehen (und dafür, daß ihr das bewußt ist, mag ich sie), es soll ihm mindestens gleich dreckig gehen wie ihr, und sie wiederholt in der Manier einer Toni Buddenbrook (nach Permaneders verbalem Ausfall) diesen Satz, den er von sich gab, kurz bevor er die Tür hinter sich zuzog; und weit davon entfernt, zu übersehen, wie fürchterlich verletzt sie diese Worte haben, kann ich bisweilen nicht umhin, mich darüber zu amüsieren, wie sie diese Phrase als Argument universalisiert und gegen alles wendet, was ich ihr vortrage. Und das ist:



Das Grauen, daß er zu tragen hat, ist ungleich größer, deswegen: Nimm dich zurück, überwinde dich, selbst wenn es dir einfach nur grotesk, krank und widersinnig vorkommt, daß ausgerechnet du jetzt weiter zurückstecken sollst. Ruf ihn an, melde dich, vergiß alle Aufrechnung von Leid und Freude und Nehmen und Geben, denk daran, wie du dein eigenes Verhalten bewertest, wenn ein Jahr ins Land gegangen ist - ihn mit seiner Scheißigkeit konfrontieren kannst du später immer noch (und vielleicht wird er das selber tun). Nein: ihn jetzt anzurufen ist nicht gleichbedeutend damit, ihm zu verzeihen. Vergiß die Alte - sie war für ihn nur Mittel zum Zweck und hatte mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit keine Ahnung, welche Rolle sie für ihn, geschweige denn für dich spielte. Sicher, es gibt für sein Verhalten keine Rechtfertigung - aber eine Erklärung, und wenn du an den wahren Teil des Leitsatzes glaubst, daß alles verstehen alles verzeihen heißt, solltest du dich dafür interessieren. Die Erklärung wiederum repariert nicht den Vertrauensbruch und heilt nicht deine Wunden; aber das, was sich nicht selbst aus einer anderen, elementareren Sache ableiten oder erklären läßt, der Umstand, der mit schicksalhafter Willkür, chaotisch und mit blinder Unparteilichkeit, außerhalb jeder ersichtlichen Ordnung und Regel in euer Verhältnis eintrat, ist die Krankheit seines Kindes, eine absolute Ausnahmesituation. Was er gerade erlebt, ist so schlimm, daß es dafür kein Wort gibt, es ist die Hölle der Hölle. Und das wiegt aus unparteilicher Sicht das Leid auf, daß dir angetan wurde, so grotesk das sein mag und wirklich ist.

Sein Kind stirbt; es stirbt unschuldig einen langsamen, qualvollen Tod, und er muß dabei zusehen und kann es nicht verhindern. Hat sich gerade jemand ein bequemes ZDF-Vorabend-Ärzte-Soap-Kind vorgestellt? Das mit Leukämie im Krankenhauszimmer in sterilem Blaufilter liegt (mit einer idiotischen Kopfbandage) und sich tapfer und mit bleichen, aber gefestigten Gesichtszügen seinem Schicksal ergibt, als wirksames Kontrastmittel zur umstehenden Verwandtschaft, die sich nicht mehr einkriegt? - Albernheiten. Das Kind hat nur noch Tage zu leben. Sein Vater musste ihm erklären, daß es sterben wird, es war nicht mehr zu leugnen. Und welche Ahnung ein Kind auch immer vom Tod haben kann: Seitdem weint der Kleine nur noch, er hat Angst vor dem Sterben, und Monchichis Eltern flennen, und Monchichi flennt nur noch, und irgendwann hat sich der Kleine müdegeweint und schläft dann ein, und nach dem Aufwachen fällt ihm wieder ein, was passieren wird, und er weint wieder los, und keine Umarmung, keine Nähe, keine noch so innigen Worte der Liebe können aufhalten, was eintreten wird. Das halt mal aus - das Grauen, die seelische Agonie eines Kindes, das weiß, daß es sterben wird. Und ein Vater, der seinem Kind das erklären muß.



Tjaha!
Gott ist nicht da, wenn so ein Dreck passiert!
Aber manche Schwachköpfe bauen tatsächlich auf Gott, nachdem so ein Dreck passiert ist: als Dank dafür, daß er diesen Alptraum nicht verhindert hat. Getreu strenger induktiver Logik: Wenn er es diesmal nicht verhindert hat, verhindert er es vielleicht beim nächsten Mal - wer weiß? - Wie blöd muss man sein? Es gibt genau zwei Erklärungen: Entweder gibt es Euren personellen Gott nicht (und genauso sieht es aus), oder Euer Gott ist ein sadistisches, grausames, im Mindesten aber verantwortungsloses und seinen Geschöpfen gegenüber gleichgültiges Wesen, das die schlimmsten Übel wissentlich zulässt, und ein solches Wesen kann niemals heilig und Gegenstand der Anbetung sein. Jedenfalls nicht für mich, und für keinen anderen Menschen, der nicht ein bangebüchsiger, ranschmeißerischer kleiner Afterdienstleister sein will.



Und ich für meinen Teil will nur meinen Kopf in die Erde stecken und nichts mehr hören und wissen. Wann immer ich neue Menschen kennenlerne, wann immer ich meinen Kopf ins Fenster ihrer Welt stecke, erfahre ich über kurz oder lang so viel Leid und Elend, daß ich für mich ein Recht auf Ignoranz und Nichtbeachtung reklamieren muß, um mir ihr Leid vom Leib zu halten - um mich unangenehmer, lähmender Gefühle zu erwehren. Monchichi ist ein Fall unter vielen, den ich in über drei Jahren zweimal getroffen habe und ansonsten nur aus Erzählungen kenne, aber Erfahrung und Vorstellungsvermögen tun ihr Übriges.

Zweifellos ein Ergebnis selektiver Wahrnehmung, mindestens ein Drittel meines Bekanntenkreises lebt ein vergleichsweise zufriedenes Leben ohne tiefgreifende Schwierigkeiten, fest steht aber: Man muss seinen Blick gar nicht auf entlegene Teile der Erde richten, um eine besondere, frappierende Qualität menschlichen Leids zu finden, man muß lediglich die Menschen, die einem über den Weg laufen, gut beobachten und ihre Biographien kennen, um zu erschrecken (und aus Gründen, die ich erst langsam zu verstehen beginne, tragen sie mir innerhalb kürzester Zeit ihre tiefsten Verletzungen und Ängste zu, ob ich will oder nicht). Im Ernst, ich würde meinen Bekanntenkreis am liebsten hermetisch vor jedem weiteren Zuwachs abriegeln, j'en ai ras le bol. In jedem zweiten Schicksal steckt genug Elend und Tragik für drei Menschenleben (dies zu erkennen setzt durchaus nicht zwingend voraus, die Betreffenden über ihre Leiden zu befragen - dabei kommt meistens eher ein Katalog von Symptomen raus - ebensowenig, daß sich die Betroffenen ihrer eigenen Schwierigkeiten bewusst sind; gerade darin besteht ja die Tragik). Und der menschliche Wille - das probate Mittel, um den zersetzenden Einflüssen unserer Seelenwunden Paroli zu bieten - ist im Verhältnis zu ihrer umschlingenden, hintergründigen Dauerwirkung auf unser Handeln und Fühlen ein schwundsüchtiger, chronisch übermüdeter Museumswächter, der mit einem halboffenen Auge still seine immer gleichen Runden dreht, vor diesem und jenem Werk stehenbleibt, über seine Unvollkommenheit sinniert und was er vielleicht anders ausgeführt hätte; um es bei diesen Überlegungen zu belassen und seinen Gang fortzusetzen.


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Sonntag, 2. Oktober 2011


Nur ein paar Takte Klang, kein Musikstück: zwei Chöre, kaum zu hören, ein akustischer Bass, ein Pizzicato, ein Satz Streicher, ein Synth (MS20+ein weiteres), ein Rhodes, Posaunen, ebenfalls kaum zu hören, Drums.



Inspiration Vorlage war dieses Bild (mit freundlicher Genehmigung der Besitzerin), es tritt ungefähr bei 0:34 auf den Plan.





Aufnahme über dem Mittelmeer. Ich finde es atemberaubend. Vielleicht braucht es nicht viel, um mir den Atem zu rauben: Spiegelungen der Sonne auf dem Wasser, Lichtspiele auf dem Grund, ob im mickrigen Wiesenbächlein oder im Meer, das alles fand ich wunderbar, seit ich denken bzw. so weit ich mich an mich selbst erinnern kann. Aber dann noch die Wolken mit ihren Schatten! Sheesh.

Oh god meine Musik ist bisweilen übelst konventionell. Aber dieser Stil, der Schnelligkeit, Eleganz, Luxus und eine ästhetische Umgebung impliziert, hat mich irgendwie korrumpiert (oder er lag mir schon vorher, was even worse wäre).

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Freitag, 23. September 2011
Wahrheitsbedingungen


Ahmadinejad hat gestern vor der UN gesprochen. Man beließ es unbekümmert dabei, sich entweder während oder besser schon vor der Rede durch Abwesenheit zu entziehen; ein symbolischer Akt bedingungsloser Kooperationsverweigerung.

Mich kotzen solche Menschen zunehmend an - die, die sich dem bloßen Wort einer Person entziehen. Entweder, in dem sie durch Abwesenheit glänzen, um ihre moralische Integrität demonstrativ unter Beweis zu stellen, oder indem sie eine Rede demonstrativ (zeitungslesend, mit dem Sitznachbar belanglos plaudernd, mit Tunnelblick ins Leere starrend - Westerwelle- und Ferkelstyle) ignorieren. So, wie die etablierten Parteien anfangs mit der Linken umgingen: diffamieren, ignorieren - ausgrenzen, so gut es irgendwie geht.



Die Rede war in der Tat eine Auflistung von in Vorwürfe verwandelten Behauptungen. Eine davon war, daß westliche Medien imperialistisch agierten und unter der Herrschaft einer kolonialen Weltordnung stünden.

Man sehe, wie sich die "öffentlich-rechtliche" Tagesschau zu dem Vorfall äußert. Das Bild - Ahmadinejad ist keine Schönheit - zeigt sein hakennasiges Seitenprofil mit Kinnfalten und einen ausgestreckten, mahnerischen Zeigefinger, mit anderen Worten: einen sich gerne reden hörenden Rechthaber. Was den Text betrifft:



Sprich: Sie verordnet und bewertet die Inhalte seiner Rede, geht aber nicht darauf ein. Es geht, kurz gesagt, um Labels: Ein "Auftritt" sei das gewesen, was einen Schauspieler erahnen lässt; "gegen die westliche Welt" sei er gerichtet, was eine pro-westlich/contra-westlich-Dualität nahelegt; einen "Rundumschlag" habe er ausgeführt, was sich nach einseitigem, maßlosem Verurteilen anhört; und natürlich, was kann man anderes erwarten, "antisemitisch" habe er sich geäußert - spätestens jetzt hat der rechtschaffen dumme Leser jede Disposition, sich ein eigenes Urteil zu bilden, ad acta gelegt.



Vergleichsweise zurückhaltend - von der Überschrift einmal abgesehen - zeigt sich die FAZ, sowohl im Abstract als auch im Artikel - man beläßt es bei Zitaten und erlaubt sich keine eigene Wertung.



Aber auch die FAZ führt vor allem jene Zitate auf, die besonders skandalträchtig sind. Man kann ihre neutrale Darstellung also entweder als Zurückhaltung oder als Feigheit interpretieren.



Die SZ kocht das Totschlagargument schon in der Überschrift auf:



Auch hier fehlt es nicht an entsprechenden Labels. Man ist genauso kotz-anständig, heiß empört und moralisch schockiert wie bei der Tagesschau. Mit einem "Ritual" habe man es zu tun - sprich, same as usual, lohnt sich gar nicht, darauf einzugehen; aber komm, schmöker ein bisschen im geistigen Kabinett eines Verwirrten - zum Spaß! Wieviel stärker kann man seine Leser noch von den Anstrengungen eigener Urteilsbildung entlasten?

Die taz, die ich von Zeit zu Zeit sehr schätze, verkauft sich leider - als halbwegs unabhängiges Medium - ähnlich billig. Und auf die Zeit und die Welt auch nur einen Blick zu werfen, lohnt nicht - wer Springer- und Holtzbrinckpresse liest, ist selber schuld. Diese Jungs überlassen nichts dem Zufall, es sind keine Zeitungen, sondern schäbige Propagandainstrumente.

Tja! Was seine Medienkritik betrifft, liegt er jedenfalls richtig. Keines der genannten Blätter beweist ein ernstzunehmendes Interesse daran, seine Leserschaft mit Informationen zu versorgen.




Glücklicherweise bietet das Internet Möglichkeiten, sich ein eigenes Bild zu verschaffen. In seiner Rede steht vieles, die meisten seiner Fragen sind rhetorischer Natur, die Argumente bisweilen wirr oder falsch, aber die durch seine Fragen bezeichneten Fakten unumstösslich. Zum Beispiel (Auslassungen sind nicht gekennzeichnet!):

Who occupied lands and massively plundered resources of other nations, destroyed talents, and alienated languages, cultures and identities of nations?

Who imposed, through deceits and hypocrisy, the Zionism and over sixty years of war, homelessness, terror and mass murder on the Palestinian people and on countries of the region?

Who imposed and supported for decades military dictatorship and totalitarian regimes on Asian, African, and Latin American nations?

Who used nuclear bomb against defenseless people, and stockpiled thousands of warheads in their arsenals?

Whose economies rely on waging wars and selling arms?

Which country’s military spending exceeds annually a thousand billion dollars, more than the military budgets of all countries of the world combined?

Who dominates the policy-making establishments of the world economy?

Which governments are always ready to drop thousands of bombs on other countries, but ponder and hesitate to provide aid to famine-stricken people in Somalia or in other places?

Who are the ones dominating the Security Council which is ostensibly responsible for safeguarding the international security?

What is the justification for the presence of hundreds of US military and intelligence bases in different parts of the world, including 268 bases in Germany, 124 in Japan, 87 in South Korea, 83 in Italy, 45 in the United Kingdom, and 21 in Portugal? Does this mean anything other than military occupation?

Don’t the bombs deployed in the said bases undermine the security of other nations?

Oppressed nations have no hope to restore or protect their legitimate rights against these powers. These powers seek their progress, prosperity and dignity through imposing poverty, humiliation and annihilation to others.

They consider themselves superior to others, enjoying special privileges and concessions. They have no respect for others and easily violate the rights of all nations and governments.

They proclaim themselves as the indisputable custodians of all governments and nations through intimidation, recourse to threat and force, and abuse the international mechanisms. They simply break all the internationally recognized regulations.


Tja!

Wohl wahr. Wem das nicht reicht, um die größte Massierung des Bösen in der Welt richtig zu verorten, dem ist nicht zu helfen. Ist das zu fassen? Da steht dieser Gnom, der von allen Seiten diffamiert wird, die Lieblingshassfigur der westlichen Tagesmedien, der Radikale, der angebliche Israel-Möchtegern-Vernichter, der angebliche Atombombenbauer, der Holocaustleugner, Gott, was haben wir für Namen für ihn! - und sagt nichts als die Wahrheit.

Die Wahrheit, Freunde! Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit, so Gott irgendwem helfe. (he does not.)



I'm dead serious: Ich finde es erschreckend, die Wahrheit ausgerechnet bei denjenigen zu finden, die man mir als die boshaftesten, notorischsten Lügner und grausamsten Verbrecher der Welt verkaufen will. Die Tagesschau wollte mir vorher was von antisemitischen Äußerungen finden - ich kann immer noch keine entdecken in der Rede.

Und ich finde es zunehmend beängstigend in einem Land zu leben, dessen Medien eine Sicht der Dinge proklamieren, die meinen Auffassungen diametral zuwiderläuft. Bekannterweise schreiben die Sieger die Geschichte und erklären, was wahr und unwahr ist. Auch wenn, was bisweilen erfreulich ist, die Kommentarstrukturen von Online-Zeitungen eine ganz andere Sprache sprechen. Mittlerweile ist das Verhältnis von Schwachköpfen und Klarsehenden fast 50/50 - je nach Blatt, versteht sich. Aber Online-Kommentare sind nicht repräsentativ für die Menschen eines Landes, sondern für eine bestimmte Zielgruppe von Personen, die ihre Meinungen gerne im Internet sehen.

Ja, aber - die Scharia?
Und ist Ahmadinejad nicht ein Unterstützer des Terrorismus? Helfer der Hisbollah und zahlreicher autokratischer Regime? Lässt er nicht Homosexuelle und unterdrückte Frauen schuldlos hinrichten? Sogar Kinder?



- Zweifellos.
Aber ich will ja nicht mit ihm kuscheln, ich habe auch keine Sympathien für ihn und befürworte seine Politik nicht; aber aus dem Umstand, daß er in ein paar Ansichten irrt - Realität des Holocaust, die Moralität seiner eigenen Person - folgt doch nicht logisch, daß er auf jedem anderen Gebiet auch falsch liegt. Ich halte ihn für eines von vielen vergleichsweise kleinen Übeln auf dieser Welt; mein ganzes Interesse an ihm erschöpft sich daran, daß er die Wahrheit sagt, er und ein paar andere - all das gewinnt umso mehr an Bedeutung, wenn mir eine gigantische Medienlandschaft verzweifelt einzutrichtern versucht, daß er der Teufel, der Fliegengott und der Lügner schlechthin sei.



Es ist trivial bis zum Brechreiz, aber man muss es immer und immer wieder erklären, damit die Leute es irgendwann verstehen. Merkt auf, Schwachköpfe dieser Nation:

Die individuelle moralische Integrität einer Person steht in keinem, überhaupt gar keinem, nicht dem allergeringsten Verhältnis zum Wahrheitsgehalt der von dieser Person getätigten Aussagen. Auch der größte Mörder, Bandit und Lügner kann die Wahrheit sagen. Dinge sind wahr oder unwahr völlig unabhängig davon, wer sie äußert.



- Die Korrektheit der Übersetzung vorausgesetzt, ist Ahmadinejads Rede hier nachzulesen.


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Freitag, 26. August 2011
Stark sein


Anknüpfend hieran: In der Zeit davor war viel vom "stark sein" die Rede. Vorzugsweise zu hören von Leuten, die das Gefühl selbst nicht ertrugen, was in der Regel eintrat, sobald das Thema angeschnitten wurde. Ferne Verwandte, Bekannte, Freunde der Familie, vorauseilend kondolierende (das hat man gern!) Nachbarn, alle leisteten ihren moralischen Beistand, und ich hatte mehr als einmal den Eindruck, das meiste davon diene mehr dem Zweck, dem Beistehenden schnelle Abhilfe von einem belastenden Thema zu leisten, indem man das Problem - für das keine befriedigende Lösung existiert - auf eine simple Formel reduzierte: stark sein.

Genauso wenig wie mir klar ist, was Trauern ist, verstehe ich mich aufs "Stark sein". Denn stark sein bedeutet: ein schlechtes Gefühl stehen zu lassen, mit ihm eins zu sein, es bis auf den tiefsten Grund zu durchleben, ohne ihm zu fliehen. Was auf physischer Ebene kaum vermeidbar ist - körperlichem Schmerz kann man nicht ausweichen, er pflanzt sich wie eine Warze mitten ins Zentrum des Bewusstseins und krallt sich dort fest, zieht die ihm fliehende Konzentration immer wieder auf sich, man kann ihn nur verbeissen: ihm durch ein paralleles Druck- oder Schmerzerlebnis, etwa indem man die Faust ballt, die Zähne zusammenbeisst oder eine Wunde zudrückt, Aufmerksamkeit entziehen - und deshalb von jedem zwangsläufig erlernt wird, gilt nicht für seelischen Schmerz, im Gegenteil: die viel naheliegendere (und daher: natürlichere?) Reaktion ist doch, ihn noch im Entstehen zu unterdrücken, zu verhindern, daß er sich überhaupt zu voller Größe und Durchdrungenheit entfaltet - und wenn "stark sein" darin besteht, das Einssein mit dem Schmerz zu dulden, ist das Gegenteil, ihn abzuspalten, und das heißt nicht anderes als einen Teil von sich selbst abzuspalten.






Das kann ich gut - abspalten, switchen, mich schnell runterregulieren. Und es hat den Vorteil, daß es nach außen aussieht wie Stärke - who could tell the difference? Ab einer gewissen Dimension wird Schmerz einfach unerträglich, zum Beispiel, wenn man jemandem über Wochen 24 hours a day live beim Sterben zusieht, und dann ist "Stark sein" einfach unangebracht und die falsche Option - man muss abspalten, um den Schmerz später abzutragen. Dosiert auf selbst abgewogene Portiönchen, kristallisiert in substanzlosen Rationalisierungen, meinetwegen auch verkleidet in Ersatzwehwehchen, und befristet auf wehleidig-müßiggängerische Augenblicke seelischer Innenschau - Hauptsache selbstbestimmt.

Aber nichts am Tod ist ins Rationale zu übersetzen, weil er der letzte und endgültige Kontrollverlust ist. - Es ist so erbärmlich blöde, wenn Leute schreiben, irgendein Thema sei "tabu" - zuletzt war das die Guttenberg-Schickse mit Kinderpornographie - , über das jeder so ungezwungen daherredet wie über seinen Einkaufszettel, aber soweit es den Tod betrifft, ist der Ausdruck nicht völlig fehl am Platz: jeder redet darüber, jeder weiß, was er ist, er ist im medialen Themenkanon und im alltäglichen Gesprächsstoff durchaus präsent. Aber das ist nur substanzloses Schattenwissen, angeeignet in der sicheren Entrücktheit persönlichen Nichtbetroffenseins; den Tod eines anderen mitzuerleben heisst, aus einer zeitlebens induktiv immer und immer wieder bestätigten und restlos in die Tiefe unausgesprochener Selbstverständlichkeit zementierten Kontinuitätsvorstellung von einer zerstörerischen Kraft aufgeschreckt zu werden, die man nie bestritten, aber auch niemals wirklich gekannt hat.


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