Mittwoch, 7. März 2012
nur so angemerkt
Am Mittwoch, 7. Mrz 2012
(Das wird ein Interessiert-keine-Sau-Eintrag, der bezeugt, daß auch ich zu denjenigen gehöre, die ihre Internetrepräsentation zu ernst nehmen. Deswegen wird er über kurz oder lang klammheimlich wieder verschwinden)
Nur so angemerkt, ich experimentiere hier nur mit dem Layout rum. Ich finde es an sich unsäglich beknackt, an so etwas wie ein Layout oder Schriftarten auch nur einen Gedanken zu verschwenden - alle Fragen sollten sich um den Inhalt drehen. Leider holt mich in diesem Selbstdünkel die Tatsache ein, daß das bisherige Layout mir eben nicht gefällt (und obendrein fehlt mir die Zeit, mich ernsthaft um ein neues zu kümmern).
Fest steht: wenn überhaupt ein Layout, sollte es mir ganz allein gefallen, und wenn ich auch nur einen Gedanken daran verschwende, ob es anderen gefällt, habe ich bereits einen Fehler gemacht. Das Bild da oben zum Beispiel liebe ich, freilich stellt sich die Frage, ob es gut ist, es jedes Mal zu sehen, wenn man seinen Blog aufruft - aber die Vorstellung, was ein solches Bild für andere impliziert, macht mir Schweißausbrüche. Nevertheless: wer sich im Internet nicht blamieren will, hat von vornherein einen Irrtum begangen. Es ist besser, sich wissentlich, geradeheraus und kontrolliert zu blamieren als unfreiwillig und unvorhergesehen.
Permalink (3 Kommentare) Kommentieren
Mittwoch, 22. Februar 2012
Gauck, Herr Yücel und der Holocaust
Am Mittwoch, 22. Feb 2012
Jetzt mal im Ernst:
Als Wulff sich noch ans Amt klammerte, gab es reichlich negative Berichterstattung. Gerade die aber, die sich für Intellektuelle hielten (zu deutsch: nicht die mit wirklich herausragenden geistigen Fähigkeiten) hielten sich im Vergleich zu anderen Affairen eher bedeckt. Womöglich war die Wulff-Affaire einfach zu einfach, bot wenig Stoff, nichts worüber man sich großartig auslassen könnte: Er ist korrupt, end of story. Nicht einmal die Ausweitung von Wulffs persönlicher Integrität auf die Integrität der Politik überhaupt konnte irgendwen wirklich aufregen - bestenfalls sein Geklammere ans Amt, diktiert von Mutti, aber auch das ließ sich feuilletonistisch nicht substanziell ausweiden.
Nun präsentieren die Medien ein Lichtdouble von Gauck auf dem Silbertablett, ein Konsensartikel jagt den nächsten, und ich staune - das scheint die Horden selbstbescheinigter Intellektueller weitaus mehr zu reizen als Wulffs Doppelzüngigkeit. Gauck werden unsägliche Eigenschaften angedichtet: Gibt es hier so etwas wie eine Neigung, dem scheinbar Makellosen kleine Mäkel und Untauglichkeiten zu attestieren, einen lustvollen Zwang, das nur schwer zu ertragende allzu Reine zu beschmutzen?
Natürlich ist Gauck keine Lichtgestalt und nicht der Heilige, als den ihn die Medien präsentieren (ich halte ihn sogar für ziemlich eitel). Aber das große charakterliche oder weltanschauliche Minus suche ich bislang vergebens. Was ihm soweit unterstellt wird, hat mehr exegetischen als irgendeinen rational nachvollziehbaren, erklärerischen Charakter, und manche lassen richtig dunkle Wolken aufziehen. Gauck habe das NS-Regime und die Stasi über einen Kamm geschert: ein Skandal. Gauck sei ein scharfer und mitleidsloser Befürworter von Hartz IV: Skandal. Gauck vertrete außerdem Sarrazins Thesen: Skandal.
Herr Yücel von der taz scheint das nicht Aufklärung genug. Er erörtert zunächst sein Selbstverständnis: Im Internet, da treffen sich die Dummen, um zusammen dumm zu sein. Man möchte Herrn Yücel zurufen: Passen Sie auf, daß Sie sich nicht selbst ausgrenzen, da folgen schon oberlehrerhafte Instruktionen zur korrekten Zitierpraxis, gefolgt von einer scharfsinnigen Beobachtung über eine bei Politikern beliebte Manipulationspraxis: Man wirft einen mächtigen Begriff in den Raum, um ihn anschließend "verdruckst" zurückzunehmen. Die Wirkung des Begriffs bleibe aber stehen und entfalte ungehemmt ihre tentative Wirkung.
Herr Yücel, der ganz anders ist, begnügt sich mit Begriffen wie: Auschwitz, Holocaust, Judenmord, Nationalsozialisten, Antisemitismus. Für den Anfang. Auch hier möchte man ihm zurufen: Passen Sie auf, daß Sie sich nicht selbst bezichtigen! - Denn Herr Gauck, das weiß Herr Yücel genau, "spricht [...] der Shoah die Singularität als ebenso wahnhaften wie systematischen Massenmord an Millionen Juden ab." Willkommen im Club der Denkschwachen, die Leichenberge und Gaskammern als Autorität für die Botschaft Ihrer Artikel einspannen, Herr Yücel.
Sie können froh sein, daß beim Thema Holocaust für jede Entblödung gilt: Solange diese nur dazu dient, die Schrecklichkeit des Holocaust zu monumentalisieren, kriegt man auch ganz sicher genug Backup von diversen Seiten. Deshalb können Sie sich leisten, nun selbstsicher nachzulegen: Ein "reaktionärer Stinkstiefel" ist er, unser nächster Bundespräsident! Ja, mit Tabubruch will er punkten - das ist sein Metier!
Aber er ist kein Reaktionär, ganz im Gegenteil, sondern ein guter Analytiker, und Sie nicht. Ich erkläre Ihnen gerne genau, was Gauck gemeint hat (es handelt sich im Kern um zwei Probleme - und was Sie nur allzu bereitwillig - zweckmäßig? - missverstanden (oder überhaupt nicht verstanden) haben. Es war klug von Ihnen, sich, um als Schlauberger dazustehen, auf Sascha Lobo zu berufen, der noch weniger Verstand besitzt als sie, aber im vorliegenden Fall - ich hoffe, das tröstet Sie - liegen Sie beide im Nichtverstehen gleichauf.
Gauck wehrt sich gegen die Darstellung des Holocaust als eines historischen Ereignisses, das unter gleichgebliebenen Möglichkeiten eine theoretische Einmaligkeit sein soll. Der Holocaust wird bekannterweise als eine Absolutheit gehandelt, als etwas, das ohne Beispiel oder Analogon ist - und jeder Vergleich, das wissen wir, kann ganz schnell Karrieren beenden. Gleichzeitig gibt es eine wohletablierte Kultur des Mahnens, daß ein solcher Vorgang sich niemals wiederholen dürfe.
Darin besteht aber ein eklatanter Widerspruch.
Zu sagen, etwas sei eine unwiederholbare, historisch beispiellose Singularität und gleichzeitig davor zu warnen, daß es sich nicht wiederholen dürfe, verwischt eine klare Distinktion zwischen Klassen von Ereignissen, die theoretisch erfassbar sind und Ereignissen, die sich jeder Deskription entziehen und daraus einen Sonderstatus beziehen: als etwas, das sich in seiner Unbegreiflichkeit aller Analyse und Vorhersage verweigert und daher als nicht-weltlich gelten muss (denn alle weltlichen Ereignissen lassen sich analysieren und beschreiben). Wer aber behauptet, ein Ereignis könne sich wiederholen, behauptet damit auch, daß es erkennbare Signale und Vorboten seines Zustandekommens gibt - aus dieser Annahme speist sich überhaupt die ganze Berechtigung für eine sinnvolle Warnung - und daß es folglich auch keine Einmaligkeit sein kann.
Wir sprechen also von zwei Klassen von Ereignissen; einer, die sich
a) beobachten, erfassen und daher in historische Theorien einordnen lässt, aus deren Anfangsbedingungen - etwa: Hunger, Armut, innenpolitisches Chaos, Demütigung durch einen verlorenen Krieg, das Aufkommen faschistischer Ideologien - man aus der Rückschau einen gesetzesartigen Zusammenhang rekonstruieren kann, der es erlaubt, zukünftig aus gegebenen Anfangsbedingungen und der Gesetzesaussage zu deduzieren, daß es sich unter gleichen oder ähnlichen Anfangsbedingungen wiederholen wird - und einer anderen, die
b) sich in keiner Weise beschreiben, daher auch nicht erfassen und theoretisch einordnen lässt: sie stellt vielmehr einen radikalen Bruch mit allen bislang bekannten Gesetzmäßigkeiten dar, besitzt kein bekanntes Pendant in der Geschichte und hat keine Aussicht, sich ohne den Efinluss "höherer Mächte" jemals zu wiederholen. Die Ankunft des Sohn Gottes auf Erden ist beispielsweise ein solches Ereignis; wir reden von dem, was man schlechthin ein Wunder nennt, einen Eingriff höherer Mächte in das irdische, von physikalischen und psychologischen Gesetzen bestimmte Geschehen.
Was diese zweite Klasse von Ereignissen also ausmacht, ist die Unmöglichkeit, sie zu erfassen, d.i.: Eine metaphysische Dimension, die sich jeder Analyse und Beschreibbarkiet verweigert.
Gauck wehrt sich dagegen, einen historischen Vorgang jeder Analyse zu entziehen, weil ihn dieser nichtanalytische Charakter zu einer metaphysischen Entität erklärt - und da alle religiösen Entitäten metaphysischen Charakter haben, ist der Begriff "quasi-religiös" zutreffend. Mit "Gott" verfuhr man im Mittelalter genau gleich, und auch da waren die Folgen solcher Verklärung bereits überdeutlich: Eine Vorstellung, die in ihrer übersinnlichen Überhöhung jeder Beschreibung spottet, macht Angst - und kann böse missbraucht werden, um Menschen zu lenken.
Denn was dem kleinen Menschen in der großen, übermächtigen Welt Sicherheit im Umgang mit abstrakten, nicht greifbaren Entitäten gibt (und der Holocaust ist für alle, die nicht unmittelbar davon betroffen waren, ein traumhaftes Beispiel für eine zutiefst abstrakte Entität), ist die Fähigkeit, sie zu analysieren, mit Begriffen zu umreissen, mit festen Bedeutungen zu etikettieren und derart unter die Herrschaft seines Verstandes zu stellen: so und nur so werden sie ihrer Schrecken entledigt. Aus eben diesem Grunde war es verboten, Gott bildlich darzustellen oder sein Wesen in irgendeiner Form auszugestalten; denn jede Analogie, jeder Vergleich, jede Ähnlichkeit mit aus Erfahrung bekannten Objekten hätte ihn der Lebenswelt des Menschen ein kleines Stück nähergebracht - und ihn seiner Schrecken beraubt.
Geschieht dies nicht - indem man Vergleiche, Ähnlichkeiten und Analogien verbietet - können solche metaphysischen Entitäten ganz schnell missbraucht werden. Sehen Sie nur, wie Religionen noch heute den Begriff "Gott" instrumentalisieren, zu überaus weltlichen, meist wenig menschenfreundlichen Zwecken.
Genau das und nichts anderes hat Gauck gemeint und souverän auf den Punkt gebracht. Die daraus zu ziehenden Implikationen freilich hat er klugerweise ausgespart, aber ich tue es nicht:
Einen Begriff jedes vergleichenden Beispiels, jeder Analytizität und Deskriptivität zu entziehen, gibt denjenigen, die die Deutungshoheit über diesen Begriff besitzen, große Macht - allzugroße Macht, und die kann missbraucht werden; das ist das erste Problem. Darauf zu bauen, daß dies nicht geschieht, ist etwas für hoffnungslose Sozialromantiker wie Sie mit Ihrem möchtegernverwegenem Auftritt und Ihrem gefälligen kleinen Wunsch, von Ihren Mitmenschen für einen cleveren Intellektuellen gehalten zu werden.
Der Holocaust ist aber kein Metaphysikum.
Er ist ein realer geschichtlicher Vorgang in unserer Welt, es gibt Millionen von Zeitzeugen und direkt oder indirekt Betroffenen, er läßt sich problemlos beschreiben, sein Umfang, seine Ursachen und Folgen lassen sich klar umreissen und benennen, kurz: Er ist kein theoretisch einmaliger Vorgang, keine Absolutheit, sondern etwas ganz und gar Reales und Empirisches. Er ist ein bislang einmaliger Vorgang - aber kein absoluter. Er könnte unter ähnlichen Vorbedingungen jederzeit wieder auf der Welt geschehen; nur sind diese derzeit nicht gegeben (ich bin sicher, daß Sie diese Behauptung unter Aufwallungen leidenschaftlicher Empörung gerne bestreiten würden. Das ist ein Konsenthema erster Güte, so viele Lakaien sind so schnell bei der Hand - das macht richtig Laune, Rechthaben, ohne geistig viel dafür zu leisten).
Ironischerweise begehen eben diejenigen, die aus seinem Stattgefundenhaben die dramatischsten gesellschaftlichen Forderungen ableiten, die größte Inkonsistenz, wenn sie zum Einen darauf pochen, seine Leugnung als realgeschichtliches Ereignis unter Strafe zu stellen, und gleichzeitig darauf bestehen, ihn als Absolutheit vor jedem historischen Vergleich zu schützen; was ihn schlechthin in den Stand eines entweltlichten Metaphysikums erhebt.
Gauck hat (wie viele vor ihm) erkannt, daß es gefährlich ist, einen realhistorischen Vorgang auf eine quasi-religiöse Ebene zu hieven, auf der er die Bedeutungsstärke eines biblischen Ereignisses annimmt. Darin besteht eine weitere große Gefahr, denn was sich nicht erfassen, beschreiben und begreifen lässt, auf das gibt es zwei Reaktionsmöglichkeiten: Unterwerfung oder Aufruhr. Das ist das zweite Problem.
Und wer nicht zur Unterwerfung neigt wie Sie mit Ihrem koketten kleinen Konsensthema, Herr Yücel, für den bleibt nur die Aufruhr. Und für jeden, der diesen Frevel wagt, steht bereits ein Schlagwort bereit: Antisemitismus.
Ach ja, Herr Yücel.
Sollte es verwundern, daß Sie eben diesen "Antisemitismus" aus Gaucks Worten herauslesen wollen? Ich wäre froh, könnte ich wirklich glauben, daß Sie einfach nur vehement beschränkt sind und diesen Humbug wirklich glauben, aber Ihre Motivation war eine andere: Gaucks Worte lediglich als "gefährlich missverständlich" zu bezeichnen, hätte kaum mehr als eine müde Reaktion provoziert. Nein, da musste schon echter Antisemitismus und Relativierung des Holocaust her, sonst knallt das nicht richtig - die anderen haben schließlich schon die DDR, Sarrazin und Hartz IV überstrapaziert. Man muss sehen, wo man bleibt.
Das, Herr Yücel, ist journalistischer Ideenkapitalismus in seiner erbärmlichsten Form: feige auf bewährte Konditionierungen vertrauend, diffamierend, ranschmeisserisch und innerhalb eines hochkonsensuellen Rahmens frech auf breite Zustimmung spekulierend, ohne dafür irgendeine nennenswerte Form geistiger Leistung oder nachvollziehbarer Argumentation abzuliefern. Es genügt, das bereits hunderttausendfach Gesagte zu wiederholen: Die Kraft der Worte erübrigt jede Diskussion - und jede Unschuldsvermutung.
Nehmen Sie es nicht persönlicher, als es gemeint ist, aber Sie besitzen nicht die geistigen Fähigkeiten, um sich dieses Themas erschöpfend anzunehmen. Sie sind, wie viele Ihrer Klasse, eher ein Stückgut-Architekt kleinessayistischer Coolfühltexte und vornehmlich mit dem Sammeln abgeklärter Redewendungen beschäftigt, die sich überall gut einbauen lassen, nähern sich einem Thema aber nur, wenn es für die von Ihnen favorisierte Position bereits ein breites Meinungskapital im Netz gibt.
Nehmen Sie trotzdem zur Kenntnis: Der Karren steckt schon tief im Dreck. Das war keine gute Idee mit Gauck und dem Holocaust. Und es ist keine gute Idee, ihn aus Trotz und der Unfähigkeit, einen Fehler einzugestehen, noch weiter hinzutreiben.
Permalink (0 Kommentare) Kommentieren
Ideologie vs Analyse
Am Mittwoch, 22. Feb 2012
Ich gebe vergleichsweise wenig darauf, wie meine Kleidung, meine äußere Erscheinung überhaupt, bei anderen Menschen ankommt. Ich glaube, einen guten Mittelweg gefunden zu haben, der es durch schematische (nicht aber ästhetische) Inkonsistenz verbietet, mich irgendeiner bestimmten Gruppe zuzuordnen, sei sie durch Einkommen, Berufswahl oder sonstige Inhalte definiert, und genau das ist mein Ziel.
Wenn ich aber in einem öffentlichen Verkehrsmittel durch ein gewisses Viertel fahre, zu einer bestimmten Uhrzeit - z.B. 10.00 Uhr morgens - und mir in hoher Konzentration eine gewisse Bevölkerungsgruppe zwangsläufig reinziehen muss, die sich aus Sicht der Restbevölkerung prima facie durch ein aus Transferleistungen bestehendes Einkommen auszeichnet, und dabei so oberflächliche Betrachtungen anstelle wie:
Alte, ausgeleierte, oft ungewaschene Kleider, überwiegend in unpassender Größe und mehrheitlich aus Flohmarktständern und Second Hand-Shops abgegriffen, es dominiert der Schlabber-Freizeit-Look; ungepflegte äußere Erscheinung, mangelnde Körperhygiene, verfilzte Haare, zerfurchte, verlebte, teils vernarbte Gesichter, die auf jahrzehntelangen Alkoholkonsum schließen lassen; schwere, irreversible Körperhaltungsfehler schon bei Jugendlichen, Überfettung, so weit das Auge reicht, Elefantenmütter mit Kinderwagen (und man weiß, warum sie diese Kinder bekommen haben), bei denen selbst ihre XXXL-Schlabberkleidung noch die Anmut der Oberfläche eines Plumpuddings annimmt, der jeden Moment aus seinen Nähten platzen könnte - Menschen, die nicht im eigentlich Sinne laufen, sondern mit der mechanischen Plumpheit einer Dampfpresse durch die Gegend wackeln; fette Kinder mit ausdruckslosen, amimischen Gesichtern, die sich entweder lauthals streiten oder scheinbar ohne jeglichen Fokus starr in eine Richtung glotzen; behelfsmäßig bandagierte, müffelnde, unrasierte Menschen mit halboffenen, sichtbar nicht ärztlich behandelten Gesichtswunden, die Lidl-Tüten mit klirrendem Inhalt mit sich herumtragen, mit einem Wort: Menschen, die weder sich selbst noch irgendeinem anderen etwas Gutes tun können; wenn ich von solchen Menschen also umgeben bin, dann möchte ich bisweilen tatsächlich für Momente anders angezogen sein, um auf keinen Fall als einer der ihren identifiziert zu werden - ein sehr hässlicher Wesenszug.
Das Verkehrsmittel ist schwer (wortwörtlich) überfüllt, ich stehe etwa in der Mitte und halte mich an einer Stange nahe des hinteren Ausgangs fest. Ein Junge, vielleicht 8-9 Jahre, und sein jüngerer Bruder, vielleicht 5, treten näher, beide haben sich bislang dadurch ausgezeichnet, daß sie laut streitend im Gang auf- und abrennen, dabei hinfallen, sich lachend wieder aufrichten und den Streit neu aufleben lassen. Ich kenne die beiden vom Sehen: Sie durchstreifen oft die Hecken an Bushaltestellen und suchen nach Flaschen. Wir sind einen guten Kilometer vor der nächsten Haltestelle, als der ältere sich an den Türöffnungsknopf stellt und mit der Geschwindigkeit und Intensität eines Preßlufthammers auf den Knopf drückt, unablässig und unmittelbar vor meiner Nase. Nach 10 Sekunden sage ich: "Es reicht, lass gut sein jetzt". Er sieht mich einen Augenblick - 2 Sekunden? - an, um daraufhin mit seiner Tätigkeit fortzufahren. "He, was soll denn das" sage ich, fasse ihn vorsichtig am Handgelenk und schiebe seinen Arm zur Seite: er sieht mich nicht einmal an und fährt fort. Eine alte Dame zwei Sitze weiter hinten mir erhebt nun auch ihre Stimme: "He, hersch du nit?", ein älterer Herr vor ihr: "Des gehddoch kaputt, sajemol!"; der Junge hält einen Moment inne, sieht beide kurz aufmerksam und unbeeindruckt an und macht weiter. Die alte Dame unternimmt einen weiteren Versuch: "Sajemol, des gehddoch kaput! Des khert dir doch nit! Gibt's des?", als der Kleine sich ruckartig umdreht, sich über ihr aufbaut und ihr aus nächster Nähe ins Gesicht blökt: "Aldi Hoar! Aldi Hoar!" Alte Hure, für Nicht-Saarländer. Um sich im nächsten Moment genauso ungeniert wieder umzudrehen und weiterzumachen.
Ich hatte schon davor genug Potential aufgebaut, um ihn mit einer sorgfältig platzierten Backpfeife eines Besseren zu belehren - jetzt ist das Maß voll, sagt mein Empfinden; aber mir ist bewusst, daß diese Maßnahme nichts bewirken wird als einen aggressiven Anfall des Kindes, der eine ebenso heftige und peinliche Eskalation nach sich zieht, die ich nicht werde steuern können, außerdem steht mir diese Aktion nicht zu, also belasse ich es bei einem wirkungslosen "Du benimmst dich wie'n Idiot" und ignoriere ihn.
Im Angesicht dieses Menschenschlages, den ich seit über zehn Jahren aus nächster Nähe erlebe, entfahren mir bisweilen böse Gedanken wie:
Abschaum.
Ihr seid Abschaum, wie Ihr alle dasteht, der Sud der Gesellschaft, Ihr seid für nichts und niemand gut, weder für Euch selbst noch für andere, Ihr habt Euch aller Zweckmäßigkeit außer dem parasitären Überdauern selbst entledigt und reproduziert Euch nur noch aus dem eigenen Rahmen, ohne dabei irgendeine Form der Entwicklung anzustreben ("I guess that's the way the whole darn human comedy keeps perpetuating itself"), Ihr gehört auf Entzug geschickt und zwangsumkonditioniert - ein noch viel hässlicherer Wesenszug, derart zu fühlen und zu denken. Meine Freunde wissen, daß ich Schichtendenken für einen katastrophalen Denkfehler halte und bereit bin, jeden Schwachkopf niederzuargumentieren, der sich dieses Schemas zur selbstbegünstigenden Darstellung bedient (und das tun ausnahmslos alle, die sich dieses Schemas bedienen; dieser Vorgang unterscheidet sich in Nichts vom Lesen der Bildzeitung oder dem Schauen auf Sadismus und Schikane angelegter Fernsehformate).Aber was ich an dieser neuen Form von Armut - geistiger, moralischer, sozialer und materieller - so hasse und was sie von anderen, historischen Formen von Armut unterscheidet, ist ihre Antriebslosigkeit und ihr Unwille, dieser Armut zu entkommen. Es gab einmal eine Zeit vor der heutigen Konsumgesellschaft, da waren es gerade die Armen, die umso verbissener versuchten, gepflegt aufzutreten, den Eindruck der Armut nach außen zu vermeiden und ihren Kindern Aufstiegsmöglichkeiten zu bieten, damit diese dereinst ein besseres Leben führen würden. Davon ist nichts mehr übrig; man hat sich mit seiner Lebensweise arrangiert und sich mit einer Lebensphilosophie der selbstmitleidigen Nachsicht identifiziert, die von einem unspezifischen Feindbild all jener lebt, denen es besser geht; so nachhaltig, daß der Glaube an einen Aufstieg nicht nur unmöglich, sondern nachgerade falsch und verräterisch erscheint.
Es ist zweifellos sehr hart, diese Leute - vor allem ihre Kinder, die unschuldig sind - derart abzuurteilen (denn gerade die Kinder dieser Menschen zu sehen, wie sie an Schultagen in öffentlichen Parkanlagen Flaschen sammeln, ist vor allem eines: zutiefst traurig und bedrückend; und ich bin durchaus nicht glücklich oder stolz darüber, daß ich auf den permanenten Eindruck dieses Elends irgendwann mit Wut und Abgrenzung reagiere). Man könnte gute Gründe für ihr Verhalten anführen: Sie haben nie etwas anderes vorgelebt bekommen; sie führen nur die Normalität fort, in der sie aufgewachsen sind, sie haben sich mit ihrem Elend arrangiert und in eine Identität der unschuldig Benachteiligten zurückgezogen, folglich ziehen sie auch keine Alternativen in Betracht.
Aber es kann keine Rede davon sein, daß sie vom Rest der Gesellschaft keine Rückmeldung bekommen. Nicht mal dann, wenn diese Rückmeldung weniger in sachlicher Kritik als überwiegend in Verachtung, Isolation und tatsächlicher Benachteiligung besteht (wodurch das Feindbild herrlich bestätigt wird: Wir sind Ausgestossene, man will uns nicht, man hält uns absichtlich unten). In diesem Fall ist es die zirkuläre Art und Weise, wie man auf diese Rückmeldung reagiert: beleidigt, gekränkt, mit Rückzug und Jetzt erst recht-Selbstbehauptung - aber sicher nicht mit dem Wille, eine Änderung herbeizuführen. Die Dinge sind, wie sie sind, hier unten wir, dort oben die Anderen, das ist der Lauf der Dinge.
Spätestens dann, wenn man sich diesem Defaitismus ergibt, stagniert jeder Versuch, dem Gang der Dinge eine eigene Richtung zu geben, und hier fange ich an zu hassen: Denn diese Reaktion ist selbstgerecht, träge und zersetzend. Sie lässt nicht nur stehen, was bereits schlecht ist, sie prolongiert und reproduziert das Elend. Und mir ist wohl bewusst, daß in diesem meinem Urteil auch eine Reaktion auf ähnliche Neigungen in mir selbst - der Neigung, auf äußeren Druck mit Rückzug, selbstbegünstigender Abgrenzung und Defaitismus zu reagieren - eine Rolle spielt. Das ändert nichts an - und hat eher wenig zu tun mit - dem fatalen Selbstbild eines ganzen Kollektivs, das boshaft auch "Unterschicht" genannt wird. Katastrophal und geradezu verbrecherisch wird dieses Selbstbild dann, wenn es den zukünftigen Generationen tradiert wird; den Kindern der Armen, die unschuldig sind. Und bald selbst zu solchen Kotzbrocken werden wie ihre versoffenen, sofawunden, ungewaschenen, verwahrlosten, nichtverhütenden Scheisseltern.
Und bevor jetzt irgendwer auf die Idee kommt, mir mit denjenigen anzukommen, die unschuldig in Hartz IV abgeglitten sind und bei guten bis sehr guten Qualifikationen keine Beschäftigung finden, sich von Minijob zu Minijob angeln und weiß Gott gerne aus dieser Nummer raus wären: Besten Dank, kenn ich zur Genüge. Ein nicht zu unterschätzender Teil meiner Freunde oder Bekannten lebt diese Daseinsform, darunter sind Akademiker mit respektablen Abschlüssen. Von dieser Daseinsform ist hier nicht die Rede; es geht nicht um die Folgen des "Menschenverelendungsgesetzeswerkes" Hartz IV, sondern um diejenigen, die bereits im Elend leben, sich aus dem Elend reproduzieren und keinerlei Anstalten machen, daran irgendwas zu ändern; um Menschen, die ihrer zunehmenden Verwahrlosung nichts entgegensetzen und ihre stinkende Scheissbude aus exakt drei Gründen verlassen: Um zum Discounter zu tingeln, zum Arzt zu gehen oder um irgendeinen unerzogenen Köter in eine öffentliche Anlage kacken zu lassen. Man glaubt es kaum: aber diese Menschen gibt es. Und es fällt schwer, sie als Ausnahmefall zu begreifen, wenn man sie tagtäglich als klassifizierbare Mehrheit aus nächster Nähe erlebt.
„Wir stellen uns nicht gerne die Frage, ob Solidarität und Fürsorglichkeit nicht auch dazu beitragen, uns erschlaffen zu lassen. Darüber muss gestritten werden.“
In diesem Zusammenhang: Wenn Gauck daran erinnert (das war übrigens 2010), daß der Sozialstaat uns womöglich auch zur Erschlaffung einlädt, so erklinge es: Danke, so ist es! Auf die richtigen Fälle angewendet, könnte sich ein herzhafter Streit durchaus als konstruktiv erweisen.
Ob Gauck dabei Fälle wie die von mir beschriebenen und überhaupt das Thema Hartz IV direkt andeuten wollte, ist dabei alles andere als klar. Das ursprüngliche Interview betraf die Frage des materiellen Wohlstands als Wert, im Vergleich zum Wert der Freiheit für die Deutschen - das ist der Kontext. Gauck deutet an, daß vielen Menschen Wohlstand wichtiger ist als Freiheit - das ist sein Befund.
Und manche Komiker und berufsmäßige DasHaarinderSuppeSucher meinen freilich, aus solchen Äußerungen Gaucks ein "Plädoyer für noch mehr Menschenverelendung in diesem Land" erspäht zu haben.
(Gauck-Bashing ist scheinbar gerade eine Instant-Trendsportart. Wie in so vielen Fällen mag der Eindruck erstehen, daß es weniger die Person Gauck als der schiere Umstand ist, wie enthemmt er gerade als große Konsensnummer gehandelt wird, der manche dazu bewegt, sich nun durch entschiedenes Dagegensein umso schärfer sichtbar zu machen. Umso breiter die mediale Einstimmigkeit, umso deutlicher und auffallender schließlich kann man sich - bei gleichbleibend mäßiger geistiger Leistung - als großen Antipoden darstellen, nur dadurch, daß man sich einer dickköpfigen Anwandlung befleissigt).
Was Christian Wulff [...] nicht zuwegebracht hat, das könnte Joachim Gauck [...] durchaus glücken: [...] Ich meine konkret: die Bürgerinnen und Bürger davon zu ‚überzeugen’, daß der Abbau unseres Sozialstaates, daß insbesondere Hartz-IV, diese staatlich betriebene Verelendung von Millionen Menschen in der Bundesrepublik, doch eigentlich eine prima Sache sei.
Ich meine: Wenn ich betrachte, wie weit hergeholt diese Auslegung ist, wie undifferenziert und frei von jeglichen Vorbehalten sie ist - und wie restlos vernichtend sie ausfällt, hege ich schnell Zweifel an der intellektuellen Redlichkeit dieses Urteils und prüfe den Verfasser auf nicht-inhaltlich korrelierte, persönliche oder ideologische Motive.
Die Forderung nach Wohlfahrt aller sei „Reduzierung des Lebensglücks“, sei „kindisch“? Ich meine: mit solcher Eiseskälte spricht kein mitfühlender Mensch, sondern ein Mann, der sich offenkundig eher als Steißtrommler der Nation versteht.
Falsch: Die Reduzierung des Lebensglücks auf Wohlfahrt sei kindisch. Ist dieser Satzumbau - der ja eine zentrale Rolle in besagtem Text einnimmt - ein Versehen oder Absicht?
Ich meine: Wenn ich mir diesen ganz unverschämt wortverdreherischen, sich jeder unbequemen Begründungslast entledigenden Kackstil ansehe, der sich auf bloßes Feststellen beschränkt, ohne sich jemals einer Erklärung zu verpflichten, wie eine solche Feststellung denn zustandekam, und mit persönlichem Dafürhalten so sicher daherschreitet wie ein investigativer Journalist mit einer bedeutenden Enthüllung, weil er davor sein "Ich meine" geschmiert hat; wenn ich ein solches Ausmaß an Nichternstnehmen der Intelligenz der Leserschaft erblicke, dann weitet sich mein Verdacht, daß der Verfasser ein ideologisches Problem mit Gauck hat, auf eine 93%-wahrscheinlich-Option.
Ich meine: so spricht einer, der sich – ohne Mitleid den Arbeitslosen gegenüber – als Gefangener der eigenen Lebensgeschichte erweist.
Ich meine: Wenn ich diese abgegriffene Opfer-wird-unfreiwillig-Täter-Analyse betrachte und den Verfasser in dieser Karikatur mit ihrem offizinalen Pädagogenblick und der geckenhaften Intellektuellenfrisur erblicke, diesen gesammelten Ausdruck verheuchelter Eitelkeit und vorgehaltenen zivilen Besserwissens - rein zufällig übrigens in der Links-Partei - kommt mir der Kaffee hoch und ich verliere den letzten Zweifel daran, daß der Autor ein zutiefst parteipolitisches Problem mit Gauckimaus hat und ich es bei seinem Artikel mit niedermotivierter Propaganda zu tun habe.
Wenn es etwas gibt, das mich anwidert, etwas, daß die Bezeichnung der intellektuellen Unredlichkeit verdient, Herr Platta, dann die Instrumentalisierung der Psychologie zu ideologischen Zwecken. Ihre "Gefangener der eigenen Lebensgeschichte"-Nummer ist in ihrem Absprechen jeglicher kontrollierten Überzeugungsfindung bei Gauck von einer ganz unverschämten Überheblichkeit. Aber Sie, Sie sind frei von Ideologie, oder? Ihre Unterstellung erscheint mir malevolent und angesichts der Quellenlage mehr als dürftig; und diese abgedroschene Analyse könnte in einem weniger tiefenpsychologischen als intellektuellen Rahmen ebensogut als Spiegel Ihrer selbst herhalten. Niemand bestreitet, daß Hartz IV mehr Elend verursacht hat, als es beseitigte; daß Gauck hier aber eine Fürsprache dieses Gesetzes zum Ausdruck gebracht hat, ist vollendet abwegig.
Soweit es also Gaucks Äußerung betrifft, die Reduzierung des Lebensglücks auf Wohlstand zu hinterfragen, rufe ich ihm zu: Volltreffer, und: Bravo! Ebenso zur Frage, ob Wohlstand uns erschlaffen lässt: Volltreffer, und: Bravo! Auf die Betreffenden angewendet, kann diese Feststellung und ein daraus resultierender Streit sehr konstruktiv sein.
Solange aber irgendwelche Frösche, die die soziale Heilslehre als Exklusivpatent ihrer Partei beanspruchen, bei der leisesten Anmerkung in Richtung einer Erschlaffung durch Wohlstand ein menschenverachtendes Plädoyer pro Verelendung, auswuchernden Sozialdarwinismus und Hartz IV zu entdecken glauben und "Skandal!" kreischen, solange wird eben der Zustand prolongiert, der ermöglicht, daß Kinder im Elend verwahrloster Familien aufwachsen, die ihnen keine gesellschaftliche Perspektive bieten können - davon einmal abgesehen, daß das Problem der Erschlaffung durch materiellen Wohlstand ausnahmslos alle betrifft und nicht erst seit Gaucks Äußerung besteht.
Permalink (6 Kommentare) Kommentieren
Dienstag, 22. November 2011
...
Am Dienstag, 22. Nov 2011
Halbjähriges; mit Vater und Lester Ruhestätte besucht und Blumen gebracht, beim Verlassen komische Selbstgespräche geführt, die eigentlich an jemand anderen gerichtet waren. Das hat wahrhaft dramaturgischen Wert - sich innerlich mit Worten an jemanden zu richten, von dem man weiß, daß es ihn nicht mehr gibt. Ich komme mir nicht nur albern dabei vor, ich nehme es mir nicht mal ab. So why do you do it anyway? Don't know.
Habe aufgehört, das Trauern zu beobachten, denn alles, was beobachtet und bewusst gemacht wird, wird dadurch verstärkt und entwickelt eine Eigendynamik. Sporadisch auftretende Trauer-Anwandlungen fliegen gerne über Bilder ein: sie als junge Frau mit meinem Vater in Griechenland, S/W-Abbildungen aus Photoalben, Kindheitserinnerungen, in denen sie heult und Teller auf den Küchenboden knallt, Ostermorgen, in denen wir im Schlafanzug im Garten Eier suchten, die sie sorgsam dort deponiert hatte, während wir noch schliefen, am meisten aber die letzte Nacht in ihrer unwirklichen Auswegslosigkeit. Mir ist im Nachhinein nicht klar, wie ich das gemacht habe. Lester nennt es "Autopilot"-Modus. Würde man mir dasselbe jetzt noch einmal abverlangen, ich würde mich mit aller Kraft verweigern. Aber: gut, daß wir es können. Kann gut sein, daß es nicht zum letzten Mal von uns gefordert wird, nech?. Was bleibt, ist das gute (egoistische) Gefühl, daß wir sie so weit wie möglich begleitet haben, bis unmittelbar vor die Pforte zum schwarzen Unbestimmten. Auch hat sich der Vorsatz gebildet: Sollte meinem Vater eines Tages dasselbe zustoßen (Sakrileg! und wieder kommt nur beim Gedanke daran das Gefühl auf, eine gedankliche Straftat zu begehen, als besäßen solche Vorstellungen eine spirituelle Dimension, die die Wahrscheinlichkeit ihres Eintreffens erhöhten; ein ekelhaft unfreiwilliger Aberglaube), werde ich ihn zu mir holen und bis zuletzt dafür sorgen, daß er in Würde gehen kann. Ich könnte - so jedenfalls mein bisheriges Selbstverständnis - nicht damit leben, einen meiner Elternteile irgendwo in einem Krankenhaus oder in einem Hospiz verrecken zu lassen.
Mein Herr Vater - ich hätte nicht gedacht, daß es eine Situation gibt, in der mir die Nähe zu ihm unerträglich werden könnte. Aber seinen Aufschrei, als meine Mutter aus ihrem Bett in den Sarg gehoben wurde und er aus dem Zimmer stürzte, hätte ich mir lieber erspart, aus ganz egoistischen Gründen. Ich wollte und will das nicht sehen und auch jetzt nicht daran denken, die Vorstellung ist aus Gründen, die ich nicht durchschaue, mit Scham belegt. Mein Vater und Heulen, das war (und ist irgendwie immer noch) unvereinbar. Er hat aus einer übertriebenen, ausufernden Rücksichtnahme auf seine Kinder vor Jahrzehnten schon jede Fähigkeit verloren, seine schlechten Gefühle zu artikulieren - oder auch nur zuzugeben. Und wie geht's dir, Dickerchen? Jede Frage nach seinem Befinden war lächerlich geworden durch die Routine und das Gleichmaß, mit der er sie positiv beantwortete: wunderbar gehe es ihm, ganz ausgezeichnet, könnte nicht besser sein, er habe alles, was er brauche und heute dies und jenes Schöne erlebt. Mein Bruder hat mir vor vielen Jahren erzählt, wie er ihn einmal hatte weinen sehen - als seine eigene Mutter gestorben war, und schon damals war das für mich ähnlich schwierig, wie sich Pädagogen beim Vögeln vorzustellen: unvereinbare Gegensätze.
Als der Wagen des Beerdigungsunternehmers wegfuhr, bezog er am Gartentisch Quartier, setzte - was unnötig war - seine dunkle Sonnenbrille auf und stopfte sich eine Pfeife. Und betonte immer wieder ungefragt, auf die Beerdigung würde er nicht gehen. Und oh Wunder (sorry#sarcasm), einmal in was weiß ich wieviel Jahren war ihm seine wahre Motivation nicht nur bewußt, er äußerte sie sogar: er würde dann heulen müssen, und er wolle nicht, daß die Leute ihn dabei sehen würden. Das hielt auch nur für ein paar Minuten, dann schob er eine rationalisierte Rechtfertigung hinterher: eine Beerdigung, das sei eine persönliche Sache, und seine Trauer wolle er nicht mit der ganzen Welt ("mit jedem Dahergelaufenen") teilen. Das stimmt und steht in Kongruenz mit seinem sozialen Phänotyp, aber es war schon wieder nicht der wahre Grund seines Vorhabens, fernzubleiben. - Nach wie vor hätte ich mir das alles lieber erspart. Meinen Vater in Tränen zu sehen war durchaus nicht irgendwie "befreiend", keine unerwartete, zusätzliche Annäherung, nichts, was eine seit Jahren unterdrückte Restdistanz auflöste, mich mit ihm noch mehr verband als bisher - es war komplett unterirdisch, ich fand meine Rolle nicht und wollte eher weit weg (aber ich blieb natürlich und hielt den Schnabel und versuchte, ihm nicht zu viel in die Augen zu sehen, die irgendwo hinter der blöden Sonnenbrille sein mussten). Ich will meinen Vater nicht schwach sehen, auch nicht, wenn es mich jahrelang oft geärgert hat, daß er nie in der Lage war, seine schlechten Gefühle zu artikulieren - was in der Konsequenz nämlich irgendwann darin endete, daß er sich selbst darin bestärkte, sie nicht einmal zu haben.
Ein paar Wochen darauf ließ er sich die Lunge von allen Seiten durchleuchten - er, der seit dem Alter von 14 Jahren ununterbrochen geraucht hat. Ergebnis war top: nicht das leiseste Wölkchen zu sehen, alles bestens, auch alle anderen Werte gut bis sehr gut (wobei unter seinen Kindern Uneinigkeit in der Frage herrscht, ob er uns gewisse Informationen überhaupt mitteilen würde). Und jetzt, jetzt kam er uns mit dieser Idee, eine Wohnung in einer sehr teuren, halb-betreuten Wohnanlage zu nehmen. Kein Altenheim, nichts dergleichen - eben eine eigene, recht großzügig angelegte Wohnung in einer sehr schönen Anlage an einem überaus gefragten, stark frequentierten Ort im tiefen Süden, wo man bestimmte Dienstleistungen optional in Anspruch nehmen kann oder auch nicht, ansonsten aber sein eigenes Leben führt, genau wie die anderen Mitbewohner fortgeschrittenen Alters. Mich lässt das schaudern. Hat mein Vater jahrelang auf etwas gewartet, spekuliert, gehofft, daß sich nochmal eine Türe öffnet, die jetzt für immer verschlossen ist? Daß er meine Mutter auch Jahrzehnte nach der Trennung weit mehr liebte, als er je zuzugeben bereit war, war mir schon lange klar. Ab einem gewissen Alter verstand ich seine von Zeit zu Zeit auftretenden, scheinbar distanziert formulierten oder als Lebensweisheit getarnten Abfälligkeiten in ihre Richtung nicht mehr als das, was er damit auszudrücken vorgab - etwa, wenn er ihr eine für die "Germanen" typische, durchaus vorteilige "Funktionalität" nachsagte, womit er nichts anderes meint als eine ausgeprägte Fähigkeit, Gefühle zu unterdrücken und sein Handeln an einer kalten Ratio auszurichten (eine ungerechtfertige, weil oberflächlich-reduktive Auslegung ihrer Persönlichkeit, in der er sich gern als impulsiver, überempfindender Südländer spiegelte; tatsächlich bezeichnet es seine Wahrnehmung von ihr vor und nach der Scheidung) - sondern als Reaktion auf eine tiefe, innere Zerrissenheit: als von Wut und Rachegefühlen durchtriebene Liebe, als bitteren Wunsch, sich für eine grausam empfundene Ungerechtigkeit an jemandem zu rächen und gleichzeitig von ihm wieder geliebt zu werden und einen gerechten Frieden wiederherzustellen. Jetzt ist diese Option abgelaufen, und jetzt will er, nach eingehender rechtlicher Beratung durch seine Nachkommen, an diesen komischen (durchaus nicht leblosen, traurigen, abgeschiedenen, keineswegs!) Ort - er, der seit 1981 immer allein und unabhängig gelebt hat, sagt jetzt, er wolle sein Einsiedlertum aufgeben.
Der nächste Widerspruch: Seit Jahren nerve ich ihn damit, daß er seine sozialen Beziehungen stark verringert; daß er sich einem wichtigen kognitiven und emotionalen Korrektiv entzieht, daß er grundlegende soziale Fähigkeiten und Tugenden verlernt und in Gesellschaft anderer Menschen immer nur innerhalb bestimmter Rollenmuster ausharren kann; daß er geistig erstarrt, sich topisch fixiert und emotional immer protektiver wird. Jetzt will er diese Zurückgezogenheit aufgeben, und anstatt das zu begrüßen, sehe ich kein Land. Er ist zu alt, um sich zu ändern (das war er schon vor zehn Jahren), und ihm fehlt jede Einsicht in Gründe, das zu tun, folglich hat auch nie eine Willensbildung stattgefunden. Vater, wenn du da lebst, hast du manche Leute immer vor der Nase, sobald du deine Wohnungstür von außen zuziehst. Die musst du dir dann reinziehen, die werden dann immer da sein, dir ein Gespräch drücken, Fragen stellen, beobachten, mit wem du kommst und wer von dir geht, und ich weiß, daß dich das stört (daß du gerne leise, lautlos und unbemerkt kommst und gehst; ich kenne dich und deine eigenbrötlerische Geheimniskrämerei, und deine vorauseilend defensiven Anwandlungen). Was soll das werden? - Eskalieren lässt er gar nichts, aber es wird ihn stören und anstrengen. Eine von vielen Fähigkeiten, die man aus Mangel an Umgang mit anderen Menschen verliert, ist, die Maske zu wahren, eine andere, auf Neues einzugehen. Er kann solche Gespräche noch ganz gut führen, in seinen Rollen ist er souverän und einigermaßen wendig, aber Ungekanntes zu erfassen und darauf einzugehen, eine gewisse Verarbeitungstiefe der Wahrnehmung neuer Inhalte geht ihm völlig ab oder ist für ihn nur mit großer Anstrengung aufrechtzuerhalten. - Das ist nur ein Grund von vielen. Truth is, am meisten verunsichert mich das geriatrische Umfeld. Es riecht nach letzter Einkehr, nach Endgültigkeit - und als hätte ich das verhindern können, indem ich ihn jetzt schon zu mir hole. Aber niemand kann mit meinem Vater leben, es ist alternativlos. Seine Neurosen und Fixierungen, seine Einmischungen treiben jeden in den Wahnsinn, es ist keine Frage des Wollens, sondern des Könnens. Ich könnte ihn zu mir holen; und spätestens in einem Dreivierteljahr würde einer ausziehen müssen.
Lester vermahlt ihre Pein in Wertnihilismen, die fast hieb- und stichfest sind. Und ich fühle mich ziemlich hilflos dagegen, denn gegen das Sinnlosfinden ist kein Kraut gewachsen, weil es nunmal in der Verneinung der Fürsprache eines Sinns besteht (was gar nicht heißen soll, daß eine "Lösung" überhaupt auf intellektueller Ebene zu finden sei; aber auf eben dieser Ebene ändern wir unsere Bereitschaft, Dinge anders zu sehen und gewisse Affekte zu vernachlässigen). Ich wäre gottfroh, stellte ich fest, daß es sich dabei um eine Pose handelt, wie es meistens der Fall ist, wenn Menschen versuchen, ihr Leid in philosophischen Ansichten zu verkleiden, auf die mit hoher Wahrscheinlichkeit Bekehrungsversuche ihrer Mitmenschen folgen, welche Aufmerksamkeit und Beachtung garantieren; aber es ist ihr todernst; sie findet eine Welt sinnlos und nicht lebenswert, in der Menschen - ohne Grund, ohne Anlass, ohne irgendeine nachvollziehbare Ursache - krank werden und sich dem Tod fügen, weil das Leben nur noch aus Schmerz besteht. Es gibt keine Gegenargumente, wenn jemandes Schmerz von solcher Tiefe und Dauer ist, daß er das Schöne im Leben nur noch wie eine Erinnerung in große Entfernung verschwinden sieht. Und wir sind leider nicht so gebaut, daß viel Zuhören, Zureden und Umarmen ohne weiteres zu Besserung führt. Mein Vater ließ vor kurzem eine seiner Unbedarftheiten vom Stapel, als die Schwestern, er und ich in trauter Betretenheit zusammensaßen: Die Lester, die braucht ein Kind. Und zog an seiner Pfeife und sah unberührt vor sich ins Leere. Kollektives Augenrollen und erheitertes Sichzuschmunzeln warteten nicht, Lester kommentierte, na Gott sei dank, das sei ja die Lösung des Problems.
Wahr ist: Unser Vater neigt zu grob vereinfachenden Lösungsvorschlägen für Probleme mit komplexen Ursachen, für die seine Aufmerksamkeitsspanne leider zu kurz ist, mitreden will aber trotzdem. Man tut sich also aus Gewohnheit bisweilen recht leicht damit, seinen Vorschlägen den Spott beizumessen, den sie verdienen (wir sind ein wenig respektlos, er hat uns zuviel erlaubt). Wahr ist auch: das Verhältnis von Lester und mir unserer Mutter gegenüber war getragen von Verantwortung und Beschützerinstinkt für sie, und der endete nicht, als wir von Zuhause auszogen. As for now, I do have a son. Lester does not. And I'm getting along better than her. Am besten große Schwester, und die hat drei Pestbeulen. Deshalb ist es ziemlich gemein von uns: den Spruch unseres Vaters leicht abzutun, obwohl jeder, Lester inklusive, um ein gutes Stück Wahrheit darin weiß.
Vollendet abwegig - ein Kind zu bekommen, um eine Krise zu überwinden; mindestens so abwegig, wie Kinder zu bekommen, um einen Menschen an sich zu binden, oder weil man die biologische Uhr ticken hört. Tatsache ist und bleibt aber: Wer ein Kind hat, kann sich das Keinen-Sinn-Sehen schlicht nicht leisten. Ein Kind ist noch nicht mal für jeden zwangsläufig sinnstiftend, aber eine absolute, unverbrüchliche Verpflichtung. Wahr ist auch, das hat schon manchen Menschen durch schwere Krisen geholfen - die schiere Tatsache, daß Kinder von ihnen abhängig waren. Es zwingt, nach vorne zu sehen und den nächsten Tag zu planen, und die Ordnung und Struktur, die durch solche Zielsetzungen entsteht, ist lebensbejahend und erhöht die Wahrscheinlichkeit, daß man die Zeitspanne übersteht, die der Schmerz braucht, um zu verfliegen. Denn analog zur Hilflosigkeit, mit der man einem Todkranken beim Sterben zusieht, ist auch das Abarbeiten des darauffolgenden Leids nichts, was sich durch bestimmte Gedanken beschleunigen oder erleichtern ließe (letzteres schon gleich gar nicht). Time wounds all heels, sagte schon Groucho.
Or maybe music can help? Musik hat ja den Vorteil, daß darin ausgedrückter Schmerz angenehm erlebt wird. Das Ende, nach dem wilden Teil im dritten Viertel, ist so schön, wie es wehtut. Beste Interpretation aller Zeiten
Die schweren Bilder werden schwächer, aber piano. Mein momentaner Stand ist: das Empfinden einer tiefen, untilgbaren Ungerechtheit, die in dieser Welt stattgefunden hat, ein Verstoß gegen die Regeln von monumentaler Dimension. Klingt als hätte ich ein moralisches Problem damit, daß sie gestorben ist, so ist es aber nicht: ich kriege nur irgendwie nicht gerafft, daß an ihr kein Angriff und kein Mord stattgefunden hat, daß ihr Tod nicht aus bösartigen Vorsatz geschah (denn so fühlt es sich an), sondern eben einfach so: Jemand nimmt über Jahre hinweg falsch berechnete, viel zu hohe Dosen an Hormonen, ein Tumor entwickelt sich, den der Arzt bei der Vorsorge zwei Jahre lang übersieht, end of story. Irgendwie brauche ich eine böse Gegenpartei, die das Schlechte begangen haben muß. Das dürfte der Grund sein, warum Menschen ihre Trauer an der Schlechtigkeit der "Welt" oder des "Lebens" ausrichten - diese Begriffe sind am naheliegendsten, weil sie praktisch alles bedeuten können und zugleich dem unmittelbaren Umstand Rechnung tragen, daß man sich selbst global schlecht fühlt.
Mir ist kein "Sinn" des Daseins abgegangen. Aber das Bedürfnis nach metaphysischen Entitäten war nie größer.
Mittwoch, 2. November 2011
ne Lampe gebaut
Am Mittwoch, 2. Nov 2011
Hehe!
Ist das schön.
Vor drei Jahren, gegen Ende des Sommerlochs, entdeckte Fonsimaus auf seinem täglichen Streifzug nach Abgrenzungsmaterial unter anderem das hier, damals noch auf dem Portal Zoomer. Über alle Maßen empört kam er zur Feststellung, daß es so nicht weitergehen könne und veröffentlichte eine Streitschrift über "Rassismus als Blog- und Medienübergreifendes Problem": "[...] in jeder normalen Zeitung gäbe es eine Instanz, die sowas verhindern würde", stellte Fonsimaus fest. Die Büffelherde seiner Claquere und Jubeljünger zögerte keine Sekunde, diesen beklagenswerten Zustand ihrerseits zu unterstreichen und überbot sich gegenseitig in Versuchen, die Empörungsgrenze der Vorkommentatoren zu übertreffen: bei Kommentar Nr. 9 war vom "Endsieg" die Rede, bei Kommentar Nr. 16 ging es bereits um Juden und Nationalsozialismus - zweifellos würde die Debatte ab hier sehr fruchtbar und vielfältig werden, soviel stand fest. Nein - es sei nicht mehr lustig, befand "Bör". Ich riet Fonsimaus dringend zum Runterkommen und versuchte, das genau zu erklären, aber Fonsimaus war mitten im Empörungsrausch, und mit Sachlichkeit und nüchternem Nachdenken sind solche Affekte nicht aufrechtzuhalten. Er reagierte sehr wütend, registrierte an mir eine "ambivalente Sicht auf Sex mit Jugendlichen" - woher er diese Information bezog, wollte er bis heute nicht verraten - und löschte meinen Kommentar, bevor zu viele ihn lesen konnten. Seine hohe psychologische Intuition flüsterte ihm überdies ein, ausgesuchtes Opfer eines aus purer Boshaftigkeit handelnden feindlichen Rings zu sein, bestehend aus der "Gaffergemeinde" Lantzschi, Malte Welding und mir. Weder die ersten beiden hatten jemals besondere Affinitäten füreinander, ebenso war mir keiner der beiden bis dato überhaupt bekannt, but who gives.
Vor kurzem nun hat sich eine "Autorin" - eine machthungrige, exzentrische Dogmatikerin ersten Ranges, die sich mangels Interesse und Anlass darauf versteift hat, die Deutungshoheit über einige normative Begriffe durch Hysterisierung an sich zu reißen und zu diesem Zwecke ihre Frustrationsgrenze künstlich in Richtung Nullpunkt zu verschieben, um ihr furioses Skandalisierungsgebaren zu legitimieren - vor kurzem hat diese Autorin also zu Beginn einer Asta-Veranstaltung in Fulda öffentlichkeitswirksam die Nerven verloren. Als Objekt ihrer Furore musste ein Raumverschöner herhalten, ein im imperialistischen Stil gehaltener Mohr. Schnell bildeten sich Aufmerksamkeitstrauben an ausgewählten Orten, bspw. bei Lantzschi. Jene, von ängstlichem Naturell, unverstehend und ohne das nötige intellektuelle Rüstzeug, um sich eines solchen Konformitätsdrangs zu erwehren, schlug sich kurzerhand auf die Seite der Opferprotektoren. Malte Welding seinerseits konnte sich des Prustens nicht erwehren, als Lantzschi, durchdrungen vom Bedürfnis, jetzt bloß keine ähnlichen Fehler zu machen, dabei selbst jenem leblosen, rein dekorativen Gegenstand geschlechtliche Diversität zugestand.
Und die Fonsimaus!
Die Fonsimaus, mein liebster Oberempörer mit seinem sicheren Gespür für die Bildung spontaner Aufmerksamkeitstrauben im Netz, der damals mit schwachen Mitteln, aber beherzten Vorgehen versuchte, aus MC Winkels geschmacklosem Witz einen aufmerksamkeitsträchtigen Shitstorm zu entfesseln, Fonsimaus wollte auch seinen Teil vom Kuchen haben und verlinkte dafür? - Malte Welding!
Was nachvollziehbar ist. Schließlich hatte er Malte zur FAZ eingeladen (die Malte bald wieder verließ, weil der Personenkult der Fonsi-Worshipper verhinderte, daß Maltes intellektuell weit überlegene Beiträge angemessen rezipiert wurden und dieser korrekt erkannte, daß Fonsimaus keinen solchen Autor neben sich ertragen würde. Was er mitnahm, war eine leicht erhöhte Reputation und einen Eintrag, der sich gut im Lebenslauf machen würde - immerhin).
Und Malte kuschelt zurück! So profitieren alle voneinander. Und Fonsimaus schob nach, weil die Kommentare nur so purzelten und die Referrer ächzten, und Malte schob nach und brachte bei der Gelegenheit ein paar Auszüge aus seinem Buch.
... nun aber stieg eine diffuse, sorgenvolle Ahnung in Fonsimaus auf, wie blöd das aussehen könnte, wenn man seine Reaktion im Falle MC Winkels und jene im Falle der Mohrenlampe vergleicht. Und damit niemand auf die Idee kommt, ihm diese Frage zu stellen, tut er was? - Er leitet sie vorsorglich an die Gegenseite weiter! Na, Ihr Emanzen! Was würdet Ihr denn zu MC Winkel sagen, hm? Bei dem habt Ihr Euch nicht empört, oder? So ist das nämlich! Ihr seid nämlich nur gegen mich - aber gegen MC Winkel - gegen den habt Ihr nichts! Ihr habt doch ein Problem mit unangenehmen Wahrheiten!".
Hahahaha!
Hihihi, Fonsimaus, Fonsimaus.
Im Ernst: Du beeindruckst mich wirklich. Du schaffst es nicht nur in einem Zug, zu verleugnen, welch zweckmäßigen Schwankungen deine moralischen Maßstäbe von Fall zu Fall unterliegen, du kriegst es auch noch hin, dich in deiner Widersprüchlichkeit als Opfer hinzustellen. Du, DU hast damals den ganzen Hass abbekommen! Das ist - naja, kein intellektuelles Meisterstück - es ist eher ein Fall ausufernder Dreistigkeit und einer wirklich abgehobenen Fähigkeit zur Selbstlüge. Wenn ich jemals ein Musterbeispiel einer klassischen Freudschen Reaktionsbildung suche - darf ich dann auf diesen Beitrag von dir verweisen?
Das kommt vom vielen Zuhausevordemrechnersitzen, Fonsimaus. Das kommt davon, daß man versucht, die Integrität seines Selbstbilds durch Rückmeldung aus dem Internet zu erhalten. Dort kann man alles erzählen, keiner kann es überprüfen, man gewöhnt sich schnell daran und wird bald schlampig darin, die Lügen aufeinander abzustimmen und die neuen an den alten auszurichten. Aber man bekommt ja auch keine echte Rückmeldung, weil man durch Zensur und Kommentarlöschung dafür sorgen kann, daß nur noch Dummköpfe unter den Beiträgen kommentieren; und du bist umgeben von Dummköpfen, Fonsimaus, von gefallsüchtigen, geistig wackligen Nachplapperern und Kopfnickern, die dich nicht verstehen; und das willst du auch nicht. Nichtsdestotrotz - mit kreativer Selbstverleugnung kann man selbst aus solchen Fällen noch Profit schlagen, und deine besondere Fähigkeit in dieser Hinsicht beeindruckt mich aufrichtig. Du bist über Vierzig und hast es geschafft, dich durch Ablenkung, Ausweichmöglichkeiten und sozialen Entzug auf dem seelisch-geistigen Differenzierungsniveau eines Achtjährigen zu halten. Das schaffen nicht viele Menschen.
Ist das nicht herrlich!
Politische Überzeugungen, moralische Ansichten, Seilschaften und Feindschaften - sie kommen und gehen, nur der Hunger nach Aufmerksamkeit bleibt bestehen.
Nota bene: Diejenigen, die am lautesten bestreiten, aus dem Bedürfnis nach Aufmerksamkeit heraus zu bloggen, sind die wahrhaft pathologischen Fälle.
Permalink (6 Kommentare) Kommentieren
Montag, 31. Oktober 2011
Dilemma
Am Montag, 31. Okt 2011
Eine Freundin, Ende 20 - und Muslima, was die Angelegenheit verkompliziert - hatte in den letzten drei Jahren ein Verhältnis mit einem Physiotherapeuten, etwa 10 Jahre älter als sie. Im ersten Jahr behielt sie sich jede Verbindlichkeit ausdrücklich vor, er war einverstanden damit, das Verhältnis war trotzdem intensiv und wie diese Scheinfreiheiten eben so sind, beide entwickelten starke und verbindliche Gefühle füreinander; ihre verbale Abgrenzung war effektiv nichts als eine Exitmöglichkeit. Zwischenzeitlich beendete sie das Verhältnis und war für ein halbes Jahr mit einem anderen Mann zusammen, später fanden beide - scheinbar ohne Groll von seiner Seite - wieder zusammen.
Wir hatten viel Galama über diese Liaison, sie betonte gerne und gerne häufig, daß sie ihn durchaus möge und seine Anliegen ihr wichtig wären, sie ihn aber nunmal nicht liebe, und ich antwortete ihr (durchaus nicht im prophetisch-gravitätischen Ton): Pass auf, daß du dich da nicht irrst, denn unter Umständen wird dir eines Tages klar, daß du ihn die ganze Zeit geliebt hast, und vielleicht ist es dann zu spät. Denn wir beide sind - was eine starke Gemeinsamkeit ist, auf der unsere Freundschaft gründet - Freaks mit einer an Durchschnittsmenschen gemessen restlos übersteigerten, alle Bereiche des Lebens durchdringenden emotionalen Selbstkontrolle. Denn wir beide haben nach ersten Enttäuschungserlebnissen früh die Schotten dichtgemacht, damit wir nicht nochmal den Arsch vollkriegen (was uns beide retten wird - mich etwas früher, weil ich älter bin - ist die schiere Tatsache, daß diese emotionale Kontrolle, die methodisch eher unkompliziert ist und im permanenten Herunterregulieren unangenehmer Affekte besteht, Unmengen von Kraft verschlingt, und man mit dem Alter nachlässig wird; daraus entsteht so etwas wie eine nichtintendierte Wiedergeburt der Verletzlichkeit - und auch der Empfindsamkeit. Ein kluger Mann verkauft sowas aber als Reifeprozess und persönliche Weiterentwicklung). Und die daraus gewonnene Selbstkontrolle kann, so banal das sein mag, verhindern, daß man sich seiner offensichtlichsten Gefühle bewusst wird und diesbezüglich vorschnell falsche Entscheidungen trifft. Denn kennt jemand dieses Phänomen: daß man, nachdem eine Beziehung zu Ende gegangen ist, ein Aufblühen liebevoller Gefühle für den/die Verflossene(n) erfährt, das entschieden nicht mit später Reue oder dem Eindruck schuldhaften Fehlbetragens zu tun hat, und einen in einer Intensität antrifft, die in der Zeit der Beziehung ihresgleichen gesucht hat? Wenn nicht, dann ist das sehr gut für einen.
Dieser Physiotherapeut, deutscher Nationalität und nicht muslimisch, von ihr in Verleugnung ihrer tiefen Zuneigung liebevoll Monchichi genannt, lebt seit Jahren in Scheidung und hat einen Sohn von sieben Jahren. Vor etwas über einem Jahr stellte man einen Tumor an der Ferse des Kindes fest - das genaue Krankheitsbild ist mir unbekannt - der dazu führte, daß das Bein vom Knie ab fast ganz amputiert werden musste. Selbst Spezialisten an Universitätskliniken waren eher ratlos.
Needless to say daß das die Beziehung schwer beeinträchtigte. Monchichi zeigte neue, unbekannte, mit seinem bisherigen Verhalten geradezu unvereinbare Wesenszüge - beispielsweise aus dem Nichts auftretende, zutiefst verletzende Äußerungen über ihren Charakter oder ihre Figur, gerne auch öffentlich und in derart zugespitzter Form, daß eine vorübergehende launische Fahrlässigkeit als Ursache sicher ausgeschlossen werden konnte. Derartige Vorfälle häuften sich; anfangs entzog sie sich verletzt, kehrte aus Sehnsucht und dem Wunsch, zu verstehen, aber zurück; er entschuldigte sich, gelobte Besserung, es folgte eine Phase der Besserung, bis das Muster sich wiederholte - und zeitlich zunehmends verdichtete. Er missachtete oder verspottete ihre kleinen Aufmerksamkeiten und Liebesbeweise, ließ sie bei Verabredungen stunden- und nächtelang sitzen, ignorierte ihre Anrufe, ihr Nachfragen und reagierte auf ihren Rückzug mit konsequenter Nichtbeachtung, bot also einen netten Auszug aus dem Katalog narzisstischer Verhaltensweisen. Man stritt sich, verletzte sich gegenseitig leidenschaftlich (auch ihre Hemmungen waren zwischenzeitlich aufgebraucht), vereinigte sich anschließend überschwenglich, dann weinte er ganze Nächte an ihrer Brust und erklärte sein Betragen durch die fortschreitende Krankheit seines Kindes, und sie, glücklich über die wiedergewonnene Nähe und Eintracht (und durch seine Erschütterung vielleicht auch entschädigt in einem unschönen Bedürfnis nach Ausgleich für seine Gemeinheiten), verzieh ihm und vergaß stundenweise die ihr zugefügten Wunden; es entstand ein destruktiver Zyklus aus gegenseitiger Abhängigkeit, raschen Wechseln zwischen völliger Entfremdung und tiefster Innigkeit, stagnierender Kommunikation und aggressiv aufgeladenem, alle Verhärtung lösenden und sich in leidenschaftlicher Selbstsucht verlierenden Sex (denn nichts, keine Selbsttäuschung, keine Einnahme von Hilfsmitteln, keine Raffinesse der Verführung kann das Vögeln zu einem solchen Spektakel steigern wie die Eitelkeit zweier bis zur Boshaftigkeit gekränkten Egos, die sich auf dem Gipfel ihres kompromißlosen Machtanspruchs an der unfreiwilligen Geilheit und restlosen Aufgabe des Anderen berauschen).
Frauen stehen bekanntermaßen auf Männer, die ihnen wehtun, und so brachte sie ihren Selbstrespekt auf den Minimalnenner, seine Atrozitäten anhand der Krankheit seines Sohnes zu erklären, sich von Zeit zu Zeit unter Protest zu entziehen, anschließend zurückzukehren und die übrigen Widrigkeiten im Mittel still zu ertragen. Die zerstörerischen Elemente in der Beziehung jedenfalls nahmen spürbar mit der Verschlechterung des Zustands des Kindes zu, und eine gewisse Garantie besaß sie ja: nicht nur als Geliebte, sondern auch als Freundin und Bezugsperson Nr.1 war sie für ihn unerläßlich geworden; und sie ist viel zu klug, um sich nicht bewusst zu sein, daß dahinter ein Kalkül für die Zeit "danach" steckte.
Vor drei Monaten nun wurde hinter dem linken Auge des Kindes ein weiterer Tumor entdeckt, der operativ entfernt werden müsste, um in absehbarer Zeit einsetzende Leiden zu lindern; da der kleine Körper aber von oben bis unten von Metastasen zerfressen ist, wird dem Kind kaum mehr Zeit eingerechnet, von einer solchen Operation zu profitieren. Die Beziehung bestand seit dieser Nachricht überwiegend aus: sich abends treffen, miteinander kochen, dann gab es Streit, dann lag er (dieser athletische 2 Meter-Mann) mehrere Stunden an ihrer Brust und weinte, dann schlief man miteinander, dann ein. Vom Monchichi vor drei Jahren war nicht mehr viel übriggeblieben und das Übel in der Beziehung überwog längst den erfreulichen und schönen Teil.
Da sich aber das abendliche Versetztwerden in letzter Zeit auffällig häufte; da Monchichi neuerdings mit unausgesetzter Aufmerksamkeit dafür sorgte, sein Mobiltelefon nie aus den Augen zu lassen und sie keine Kraft und keinen Willen mehr fand, ihren Verdacht beiseite zu schieben, entschied sie sich vor drei Wochen, nach dem Vögeln die Probe aufs Exempel zu machen, wartete bis er schlief und entdeckte die schmerzhafte Wahrheit. Vor allem der Tonfall sollte es werden, der sich ins Zentrum ihres Gemüts brennen würde: "Hi schöne Frau! Soll ich nachher mit einer Flasche Sekt auf eine Massage vorbeikommen?" - Und dergleichen mehr. Der Abend ging sehr unschön aus.
Auch hier lieferte ihre Psychologie eine sichere Erklärung: Zu bewußt, zu eindeutig auf einen gewissen Zweck abgestimmt, um von reiner Fahrlässigkeit, von unwillkürlicher Schwäche (etwa wegen seiner momentanen Lebenslage) zu sprechen - von einer Handlung, die er ihr nicht durch Berechnung, Lüge und Heuchelei systematisch vorenthielt. Wie konnte er? Nach all ihrer Rücksicht, ihrer Selbstaufgabe, nach allem, was sie für ihn geschultert und durch ihn erduldet hatte? Und da sie mir die Frage in aller Ernsthaftigkeit stellte, wie Delacroix' Waise, die Gott fragt, pourquoi m'as-tu abandonné?, als suche sie ungläubig nach einer Antwort auf ein unerklärliches Phänomen, sagte ich ihr: Daß es keinen kategorischen Widerspruch dazu darstelle, daß er sie liebe, und daß ich glaubte, es ginge ihm weniger um die Tussi und schon gar nicht um den Fick an sich; sondern darum, sein gegenwärtiges Rollenbild zu verlassen, weil es einfach nicht mehr zu ertragen war - Monchichi, der am Tod seines Kindes seelisch krepiert, Monchichi, der nächtelang mit dem Gesicht im Schoß seiner Freundin weint, Monchichi, der unter der Last der Ereignisse zusammenbricht - und wenigstens für Stunden wieder der attraktive, selbstsichere Stecher zu sein, der den Weibern gefallen, der souverän verführen kann und ordentlich einen wegsteckt, wenn er grade mal Bock drauf hat - was er ihr gegenüber nicht mehr verwirklichen konnte, gerade weil sie ihn zu gut kannte. Auch versicherte ich ihr, daß ich es für praktisch ausgeschlossen hielt, daß er diese Frau - allem Anschein nach eine Sportstudentin - auch nur im Ansatz eingeweiht hat in seine momentane Lebenslage und daß es ihm keinesfalls darum ginge, Nähe und Vertrauen zu ihr aufzubauen: daß diese Frau also für ihn bloßes Mittel zum Zweck sei, um sein Elend zu verlassen und sich für Momente stark und unbeschwert zu fühlen.
Well!
That kind of explanation sure was not bound to please her. Leider beließ er es an jenem Abend nicht dabei, sich unter dem Sturm ihrer Tränen einfach stillschweigend aus der Wohnung zu schleichen, es kam ärger: Zunächst erklärte er, er könne sich das jetzt nicht reinziehen, er habe keine Kraft dafür (Worte des Bedauerns fand er keine); auf ihre mechanisch wiederholte Frage, was "das" sei (wobei sie mit ausgestrecktem Zeigefinger auf das Mobiltelefon auf dem Tisch verwies), erwiderte er schließlich, sie sei ihm sowieso scheißegal und er könne sie ohne Probleme hier und jetzt gleich ficken, woraufhin er die Wohnung verließ.
Und weil Weiber und Schwule auf Männer stehen, die ihnen wehtun (yeah, yeah, ich weiß. Darf ich das trotzdem sagen? Weil, es ist einfach anstrengend), ist sie alles andere als durch mit der Sache. Völlig außerstande, die Verletzung, die ihr zugefügt wurde, irgendeinem nachvollziehbaren Grund zuzuordnen, ringt sie um eine befriedigende Erklärung dafür, daß ein Mensch, für den sie derart emotional und nervlich investiert hat, ihr ein solches Unrecht antut. Und sinnt auf Rache; sie will ihn leiden sehen (und dafür, daß ihr das bewußt ist, mag ich sie), es soll ihm mindestens gleich dreckig gehen wie ihr, und sie wiederholt in der Manier einer Toni Buddenbrook (nach Permaneders verbalem Ausfall) diesen Satz, den er von sich gab, kurz bevor er die Tür hinter sich zuzog; und weit davon entfernt, zu übersehen, wie fürchterlich verletzt sie diese Worte haben, kann ich bisweilen nicht umhin, mich darüber zu amüsieren, wie sie diese Phrase als Argument universalisiert und gegen alles wendet, was ich ihr vortrage. Und das ist:
Das Grauen, daß er zu tragen hat, ist ungleich größer, deswegen: Nimm dich zurück, überwinde dich, selbst wenn es dir einfach nur grotesk, krank und widersinnig vorkommt, daß ausgerechnet du jetzt weiter zurückstecken sollst. Ruf ihn an, melde dich, vergiß alle Aufrechnung von Leid und Freude und Nehmen und Geben, denk daran, wie du dein eigenes Verhalten bewertest, wenn ein Jahr ins Land gegangen ist - ihn mit seiner Scheißigkeit konfrontieren kannst du später immer noch (und vielleicht wird er das selber tun). Nein: ihn jetzt anzurufen ist nicht gleichbedeutend damit, ihm zu verzeihen. Vergiß die Alte - sie war für ihn nur Mittel zum Zweck und hatte mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit keine Ahnung, welche Rolle sie für ihn, geschweige denn für dich spielte. Sicher, es gibt für sein Verhalten keine Rechtfertigung - aber eine Erklärung, und wenn du an den wahren Teil des Leitsatzes glaubst, daß alles verstehen alles verzeihen heißt, solltest du dich dafür interessieren. Die Erklärung wiederum repariert nicht den Vertrauensbruch und heilt nicht deine Wunden; aber das, was sich nicht selbst aus einer anderen, elementareren Sache ableiten oder erklären läßt, der Umstand, der mit schicksalhafter Willkür, chaotisch und mit blinder Unparteilichkeit, außerhalb jeder ersichtlichen Ordnung und Regel in euer Verhältnis eintrat, ist die Krankheit seines Kindes, eine absolute Ausnahmesituation. Was er gerade erlebt, ist so schlimm, daß es dafür kein Wort gibt, es ist die Hölle der Hölle. Und das wiegt aus unparteilicher Sicht das Leid auf, daß dir angetan wurde, so grotesk das sein mag und wirklich ist.
Sein Kind stirbt; es stirbt unschuldig einen langsamen, qualvollen Tod, und er muß dabei zusehen und kann es nicht verhindern. Hat sich gerade jemand ein bequemes ZDF-Vorabend-Ärzte-Soap-Kind vorgestellt? Das mit Leukämie im Krankenhauszimmer in sterilem Blaufilter liegt (mit einer idiotischen Kopfbandage) und sich tapfer und mit bleichen, aber gefestigten Gesichtszügen seinem Schicksal ergibt, als wirksames Kontrastmittel zur umstehenden Verwandtschaft, die sich nicht mehr einkriegt? - Albernheiten. Das Kind hat nur noch Tage zu leben. Sein Vater musste ihm erklären, daß es sterben wird, es war nicht mehr zu leugnen. Und welche Ahnung ein Kind auch immer vom Tod haben kann: Seitdem weint der Kleine nur noch, er hat Angst vor dem Sterben, und Monchichis Eltern flennen, und Monchichi flennt nur noch, und irgendwann hat sich der Kleine müdegeweint und schläft dann ein, und nach dem Aufwachen fällt ihm wieder ein, was passieren wird, und er weint wieder los, und keine Umarmung, keine Nähe, keine noch so innigen Worte der Liebe können aufhalten, was eintreten wird. Das halt mal aus - das Grauen, die seelische Agonie eines Kindes, das weiß, daß es sterben wird. Und ein Vater, der seinem Kind das erklären muß.
Tjaha!
Gott ist nicht da, wenn so ein Dreck passiert!
Aber manche Schwachköpfe bauen tatsächlich auf Gott, nachdem so ein Dreck passiert ist: als Dank dafür, daß er diesen Alptraum nicht verhindert hat. Getreu strenger induktiver Logik: Wenn er es diesmal nicht verhindert hat, verhindert er es vielleicht beim nächsten Mal - wer weiß? - Wie blöd muss man sein? Es gibt genau zwei Erklärungen: Entweder gibt es Euren personellen Gott nicht (und genauso sieht es aus), oder Euer Gott ist ein sadistisches, grausames, im Mindesten aber verantwortungsloses und seinen Geschöpfen gegenüber gleichgültiges Wesen, das die schlimmsten Übel wissentlich zulässt, und ein solches Wesen kann niemals heilig und Gegenstand der Anbetung sein. Jedenfalls nicht für mich, und für keinen anderen Menschen, der nicht ein bangebüchsiger, ranschmeißerischer kleiner Afterdienstleister sein will.
Und ich für meinen Teil will nur meinen Kopf in die Erde stecken und nichts mehr hören und wissen. Wann immer ich neue Menschen kennenlerne, wann immer ich meinen Kopf ins Fenster ihrer Welt stecke, erfahre ich über kurz oder lang so viel Leid und Elend, daß ich für mich ein Recht auf Ignoranz und Nichtbeachtung reklamieren muß, um mir ihr Leid vom Leib zu halten - um mich unangenehmer, lähmender Gefühle zu erwehren. Monchichi ist ein Fall unter vielen, den ich in über drei Jahren zweimal getroffen habe und ansonsten nur aus Erzählungen kenne, aber Erfahrung und Vorstellungsvermögen tun ihr Übriges.
Zweifellos ein Ergebnis selektiver Wahrnehmung, mindestens ein Drittel meines Bekanntenkreises lebt ein vergleichsweise zufriedenes Leben ohne tiefgreifende Schwierigkeiten, fest steht aber: Man muss seinen Blick gar nicht auf entlegene Teile der Erde richten, um eine besondere, frappierende Qualität menschlichen Leids zu finden, man muß lediglich die Menschen, die einem über den Weg laufen, gut beobachten und ihre Biographien kennen, um zu erschrecken (und aus Gründen, die ich erst langsam zu verstehen beginne, tragen sie mir innerhalb kürzester Zeit ihre tiefsten Verletzungen und Ängste zu, ob ich will oder nicht). Im Ernst, ich würde meinen Bekanntenkreis am liebsten hermetisch vor jedem weiteren Zuwachs abriegeln, j'en ai ras le bol. In jedem zweiten Schicksal steckt genug Elend und Tragik für drei Menschenleben (dies zu erkennen setzt durchaus nicht zwingend voraus, die Betreffenden über ihre Leiden zu befragen - dabei kommt meistens eher ein Katalog von Symptomen raus - ebensowenig, daß sich die Betroffenen ihrer eigenen Schwierigkeiten bewusst sind; gerade darin besteht ja die Tragik). Und der menschliche Wille - das probate Mittel, um den zersetzenden Einflüssen unserer Seelenwunden Paroli zu bieten - ist im Verhältnis zu ihrer umschlingenden, hintergründigen Dauerwirkung auf unser Handeln und Fühlen ein schwundsüchtiger, chronisch übermüdeter Museumswächter, der mit einem halboffenen Auge still seine immer gleichen Runden dreht, vor diesem und jenem Werk stehenbleibt, über seine Unvollkommenheit sinniert und was er vielleicht anders ausgeführt hätte; um es bei diesen Überlegungen zu belassen und seinen Gang fortzusetzen.
Sonntag, 2. Oktober 2011
Am Sonntag, 2. Okt 2011
Nur ein paar Takte Klang, kein Musikstück: zwei Chöre, kaum zu hören, ein akustischer Bass, ein Pizzicato, ein Satz Streicher, ein Synth (MS20+ein weiteres), ein Rhodes, Posaunen, ebenfalls kaum zu hören, Drums.
Aufnahme über dem Mittelmeer. Ich finde es atemberaubend. Vielleicht braucht es nicht viel, um mir den Atem zu rauben: Spiegelungen der Sonne auf dem Wasser, Lichtspiele auf dem Grund, ob im mickrigen Wiesenbächlein oder im Meer, das alles fand ich wunderbar, seit ich denken bzw. so weit ich mich an mich selbst erinnern kann. Aber dann noch die Wolken mit ihren Schatten! Sheesh.
Oh god meine Musik ist bisweilen übelst konventionell. Aber dieser Stil, der Schnelligkeit, Eleganz, Luxus und eine ästhetische Umgebung impliziert, hat mich irgendwie korrumpiert (oder er lag mir schon vorher, was even worse wäre).
... ältere Einträge

